Nottwil LU

28. April 2014 06:18; Akt: 28.04.2014 12:10 Print

Workshop lehrt Frauen Sex mit Behinderten

von Sarah Weissmann - Die Plattform Sexcare.ch will behinderten Männern sexuelle Erlebnisse ermöglichen. Am Sonntag wurden Prostituierte in Nottwil professionell dafür ausgebildet.

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Beim Workshop lernen die Frauen unter anderem wie man Behinderten ins Bett hilft. (Bild: saw)

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«Wenn Behinderte Dienstleistungen von Prostituierten in Anspruch nehmen, kommt es oft zu negativen Erfahrungen: Frauen verlassen bisweilen entsetzt das Zimmer, da sie mit einem behinderten Mann unmöglich Sex haben können oder nicht wissen, wie sie mit der Behinderung umgehen sollen», erklärt Andreas Schürch, Marketingleiter von Sexcare.ch.

Bedürfnisse werden befriedigt

Aus diesem Grund gründete Schürch 2013 zusammen mit der Sexualbegleiterin Isabelle Kölbl das Unternehmen xCorp GmbH und damit das Projekt Sexcare mit dem Ziel, behinderten Männern Zugang zu sexuellen Dienstleistungen zu ermöglichen. Dazu werden Frauen, die bereits Erfahrung im Sexgewerbe haben, in einem Workshop professionell ausgebildet. «Es ist einfacher, eine Frau aus dem Sexgewerbe für den Umgang mit Behinderten zu sensibilisieren, als einer Behindertenbetreuerin den Sex nahezulegen», so Schürch.

Daniel Wernli (42) wurde mit einer Zerebralparese geboren. Dabei handelt es sich um eine Bewegungsstörung aufgrund einer frühkindlichen Hirnschädigung. Wernli sitzt im Rollstuhl und ist im Laufen und Sprechen eingeschränkt. Seine Behinderung stört ihn beim Geschlechtsverkehr wegen der Spannungen in seinem Körper. «Ich sollte an einem anderen Ort Spannung aufbauen, schaffe es aber nicht und deshalb kann ich mich nicht auf das Wesentliche konzentrieren.» Die Frauen würden ihm Freiheit geben, erzählt er. «Freiheit, wie sie jeder andere Mann auch hat. Ich kann so meine Bedürfnisse auf den verschiedensten Wegen befriedigen.»

Unsicherheit nehmen

Der Workshop findet in den Seminarräumen des Paraplegiker-Zentrums Nottwil statt und den Frauen werden die Unterschiede zwischen einem behinderten und einem gesunden Mann erklärt, etwa in Bezug auf die Erektion oder die Erregung. «Das Ziel unserer Arbeit ist es, klarzumachen, dass ein Behinderter den gleichen Sex haben kann wie ein Gesunder», so Kursleiterin Isabelle Kölbl.

Es sei ausserdem wichtig, den Frauen die Unsicherheit zu nehmen und sie in ihrer Arbeitsweise zu unterstützen. Auch Themen wie Hygiene, das Anfassen oder die Gesetzeslage betreffend Prostitution wurden den Frauen im Kurs ausführlich erklärt.

«Was ich mache, wird geschätzt»

Nina (25) ist eine der Kursteilnehmerinnen und hauptberuflich Prostituierte. Sie hat über die Medien vom Workshop für Behinderte erfahren. «Ich bin ein sehr offener und kontaktfreudiger Mensch und meine Arbeit gibt mir menschlich extrem viel. Was ich mache, wird geschätzt – und das finde ich sehr schön.»

Nina hatte schon öfter Kontakt mit Behinderten und fand deshalb den Workshop eine gute Gelegenheit, ihr Wissen zu erweitern. «Wir haben sehr viele Informationen über die verschiedenen Behinderungen bekommen und wie man damit umgeht. Das ist sehr hilfreich.» Nina redet offen über ihre Tätigkeit und auch ihre Familie weiss davon. «Meine Mutter hat deshalb den Kontakt zu mir abgebrochen, aber ich stehe zu dem, was ich mache, und das stimmt so für mich», erzählt sie weiter.

Der Workshop kostet 340 Franken und die Kontaktdaten der Frauen werden anschliessend zwei Monate auf der Internetplattform aufgeschaltet. Ausserdem würden sie bei Bedarf individuell nachbetreut, erklärt Kölbl.

«Sexcare-Prostituierte sind sinnvoll»

Bei der Paraplegiker-Stiftung hält man das Ganze für ein gutes Angebot: «Für einen Behinderten ist es sinnvoller, wenn er auf eine Sexcare-Prostituierte trifft, die sich mit den speziellen Rahmenbedingungen auskennt», so Anita Steiner, PR-Leiterin der Stiftung. Denn ein Besuch bei einer Prostituierten ohne erweiterte Kenntnisse könne einen zusätzlichen Schock auslösen.

Das Ziel für die Patienten im Schweizer Paraplegiker-Zentrum sei jedoch die Erlangung von Selbstkompetenz. «Betroffene sollten so viele Informationen erhalten, dass sie den Mut und das Wissen haben, auf normalem Weg Liebe, Erotik, Beziehung und Sexualität zu leben», so Steiner weiter.

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