Zürcher Tram

14. Februar 2018 08:25; Akt: 14.02.2018 10:04 Print

«Er beschimpfte sie übel und der Fahrer tat nichts»

Ein Mann hat im 14er-Tram eine Frau massiv beschimpft und Abfall auf den Boden geworfen. Ein Leser ist schockiert – und vermisst Zivilcourage.

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Markus Senn war am Dienstagnachmittag im 14er-Tram Richtung Milchbuck unterwegs. Kurz vor dem Schaffhauserplatz beobachtete der 63-jährige Arzt, wie ein Fahrgast eine jüngere Frau beschimpfte: «Er nannte sie Drecksfotze.»

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Als die Frau sichtlich aufgewühlt beim Schaffhauserplatz ausgestiegen sei, habe ihr der aggressive Mann den Stinkefinger gezeigt. «Danach schälte er eine Mandarine und warf die Schale auf den Boden.»

«Chauffeur tat, als ob er mich nicht hört»

Er habe dem Mann gesagt, dass er damit aufhören solle, sagt Senn, doch dieser habe nicht reagiert. «Danach wandte ich mich an den Fahrer, er solle doch endlich etwas tun», so der 63-Jährige. Doch auch dieser tat so, als ob er nichts höre. Schockiert habe ihn, dass sämtliche anderen Fahrgäste unbeteiligt geblieben seien: «Wo ist in unserer Gesellschaft die Zivilcourage geblieben?»

Senn stieg bei der Haltestelle Milchbuck aus, der aggressive Fahrgast blieb im Tram sitzen. Er habe telefonisch bei den VBZ reklamiert. «Dort hiess es, dass ein Chauffeur in solch einer Situation nichts machen könne, weil er fahren müsse. Als ich mich an ihn wandte, stand das Tram aber an einer Haltestelle. Er hätte doch wenigstens die Meldestelle oder die Polizei kontaktieren können.»

VBZ rät, sich an die Polizei zu wenden

Bei den VBZ habe man keine Informationen zum Vorfall, wie Mediensprecher Andreas Uhl auf Anfrage sagt. «Trotz zahlreicher Sicherheitsvorkehrungen wie zum Beispiel der Videoüberwachung können solche Eskalationen nicht immer vermieden werden.»

In der Regel würden die Tramchauffeure solche Zwischenfälle aber melden. Oft werde die Angelegenheit dann an die Polizei weitergeleitet. Deshalb rate man den Betroffenen, sich gleich an die Polizei zu wenden. Dort könne man sofort Anzeige erstatten.

«Die Situation unbedingt richtig abschätzen»

Aber soll man in solchen Situationen selbst eingreifen? «Zivilcourage ist gut und recht: aber bitte unbedingt die Situation richtig abschätzen», sagt Marco Cortesi, Medienchef der Stadtpolizei Zürich. Die Hemmschwelle sei bei jeder Person anders und man wisse nie, wen man vor sich habe.

Cortesi rät deshalb: «Beobachten und im Zweifelsfall die 117 wählen. Lieber einmal zu viel als zu wenig.» Und falls sich die Möglichkeit biete, könne man auch mit dem Handy filmen oder dem Verdächtigen folgen.

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(som/mon)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Adrian Kohli am 14.02.2018 11:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zivilcourage

    relativ einfach erklärt. Wenn ein Bürger einen renitenten/beleidigenden Bürger zurechtweist, kann es heutzutage vorkommen, dass der renitente zuschlägt. Im Rahmen dieser Eskalation ergiebt sich ein Handgemenge. Und voilà: der gutmeinende Bürger hat eine Strafanzeige wegen Körperverletzung am Hals. (Natürlich im Antragsdelikt der renitente auch, aber den kümmert's in der Regel nicht) Deshalb greifen viele nicht mehr ein, was in meinen Augen verständlich sit. Aber: ich bin der Meinung, dass Zivilcourage belohnt, statt bestraft wird!

  • Mrs. X am 14.02.2018 09:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Selbstschutz

    Leider heisst Zivilcourage heutzutage, dass man selber mit einer Attacke rechnen muss, dass einem ein Messer in den Bauch gerammt wird, o.ä. Reden, beschwichtigen und Vernunft sind nur heisse Luft...

  • B. Adone am 14.02.2018 10:51 Report Diesen Beitrag melden

    Ist doch das übliche Verhalten

    Wer will schon selbst beschimpft oder gar attackiert werden. Lieber schön cool bleiben, rumgrinsen, wegschauen oder beobachten. Markus Senn gehört immerhin zu den 5%, die versuchen etwas zu machen. Chapeau!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Don Vito Corleone am 14.02.2018 13:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das Problem ist:

    Schreitet man ein und wird dann angegriffen und man setzt sich gegen den Angriff zur Wehr kann der andere sie anschliessend anzeigen weil sie ja eingeschritten sind. So oder so sind sie am Ende der angeschmierte! Und unsere Richter sind ja für den Täterschutz bekannt.

  • Rigel am 14.02.2018 13:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wohin führt das?

    Aha, nichts tun und filmen! Und dann? Anzeige erstatten und der Richter wird den Fall umdrehen und Anzeige wegen filmen ohne Einwilligung machen! So weit sind wir heute in unserer Gesellschaft! Traurig....

  • jane77 am 14.02.2018 12:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zusammenhalt

    das keiner geholfen hat wundert mich gar nicht,leider. dabei müssten nur alle zusammenhalten und der Typ würde klein werden mit Hut und der Frau noch Entschuldigung sagen

  • Adrian Kohli am 14.02.2018 11:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zivilcourage

    relativ einfach erklärt. Wenn ein Bürger einen renitenten/beleidigenden Bürger zurechtweist, kann es heutzutage vorkommen, dass der renitente zuschlägt. Im Rahmen dieser Eskalation ergiebt sich ein Handgemenge. Und voilà: der gutmeinende Bürger hat eine Strafanzeige wegen Körperverletzung am Hals. (Natürlich im Antragsdelikt der renitente auch, aber den kümmert's in der Regel nicht) Deshalb greifen viele nicht mehr ein, was in meinen Augen verständlich sit. Aber: ich bin der Meinung, dass Zivilcourage belohnt, statt bestraft wird!

  • Peter am 14.02.2018 11:01 Report Diesen Beitrag melden

    Chauffeur ist für's Fahren zuständig

    Der Chauffeur hat in meinen Augen im Tram nur eine "Funktion", nämlich das fahren und bei Ausfall der Ansagen, diese zu ersetzen. Ausserdem hat der Chauffeur vielleicht auch bereits die Trouble-Shooter aufgeboten, das kann ja der liebe "schockierte" Passagier nicht mit Bestimmtheit erzählen. Die 117 sollte jedem bekannt sein, denn dafür ist die Polizei zuständig. Solche Leute haben meistens auch eine psychische Erkrankung und können gar nichts für ihr Verhalten (Tourrette-Syndrom). Solange es zu keinen Handgreiflichkeiten kommt, lasse ich persönlich solche Personen lieber in Ruhe.