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Zwillingsmord von Horgen
12. Dezember 2012 09:00; Akt: 12.12.2012 17:46 Print
«Ich wollte einfach, dass sie nicht mehr schreit»
Die Mutter der getöteten Zwillinge legt vor Gericht ein Geständnis ab. Bianca B. sagt unter Tränen, sie habe ihre zwei Kinder erstickt. Und: Auch ihre erste Tochter, ein damals 7-wöchiges Baby, hat sie getötet.
Die Mutter von Mario und Céline gesteht eine grausame Tat. In der Nacht auf Heiligabend 2007 erstickte sie die Zwillinge in ihren Betten in Horgen. Das Geständnis legt die heute 39-jährige Bianca B. erst fünf Jahre nach der Tat unter Tränen vor dem Bezirksgericht in Horgen ab.
Nach dem Geständnis und der Befragung zur Tötung der Zwillingen am Morgen geht es am Nachmittag um die Tötung ihres ersten Kindes, der sieben Wochen alten Lisa. Auch diese Tat gestand die heute 39-Jährige zum Prozessauftakt vor dem Bezirksgericht Horgen.
«Ich wusste, dass sie nicht mehr lebt»
Ihr Mann Franz B. sei an jenem Morgen im Juni 1999 gegen sechs Uhr aus dem Haus gegangen. Lisa habe zu diesem Zeitpunkt geschlafen. Dann wollte Bianca B. duschen gehen. Da fing Lisa an zu weinen. Bianca B. begab sich ins Kinderzimmer, wo das Baby weinte und weinte. «Ich wollte einfach, dass sie mal ruhig ist, dass sie nicht mehr schreit.» Darum habe sie ihr mit der Hand den Mund zugehalten. «Sie wollte weiterschreien, wehrte sich und weinte noch mehr», erzählt Bianca B. Doch sie hielt dem Baby die Hand vor den Mund, bis es nicht mehr schrie.
Dann sei sie duschen gegangen. «Als ich wieder herauskam, war es so extrem ruhig.» Da ging sie zu Lisa ins Zimmer, sah die blauen Lippen und nahm sie aus dem Bett. Sofort habe sie die Sanität gerufen. «Ich sagte, meine Tochter atme nicht mehr. Ich versuchte nicht mehr, sie zu beatmen, weil ich wusste, dass sie nicht mehr lebte.»
«Ich denke schon, dass ich die Kinder liebte»
Bereits am Morgen waren die Aussagen von Bianca B. erschütternd. Sie schilderte die Tötung der Zwillinge und ihre Beziehung zu den Kindern: «Sie haben mir viel bedeutet», sagt sie. Aber: Es sei für sie schwierig zu sagen, sie habe ihre Kinder geliebt, aber sie denke es schon. Sie habe selbst nie viel Liebe erfahren. Sie habe ihre Kinder aber aufwachsen sehen und ihnen alles gegeben. «Sie waren mein Lebensinhalt.»
Besonders schlimm sind die Schilderungen der Tötung ihrer Tochter Céline: «Sie wehrte sich mit dem Kopf, den Händen, den Beinen. Je mehr sie sich wehrte, um so mehr Kraft bekam ich und drückte noch fester zu.» Sie habe sich auf sie gesetzt und sie festgehalten. Das Kissen sei dabei immer wieder weggerutscht und immer wieder habe sie es zurückgeschoben und zugedrückt.
Mir war nicht bewusst, dass ich sie töte
Heute könne sie das nicht verstehen. Es sei ein richtiger Kampf gewesen, der mehrere Minuten gedauert habe. «Erst als sie ruhig war, ging ich runter.» Sie habe sich neben sie gesetzt und erst dann alles realisiert. Während des Kampfes sei ihr nicht bewusst gewesen, dass sie ihre Tochter töte.
Vor Céline tötete Bianca B. Mario. Er habe sich viel weniger gewehrt: «Nur mit den Händen und nicht so stark.» Sie habe sich auch auf ihn gesetzt und so lange zugedrückt, bis er sich nicht mehr bewegte. Als sie in sein Zimmer kam, habe er geschlafen. Sie erstickte ihn mit dem eigenen Kissen.
«Ich täuschte einen Einbruch vor, um von mir abzulenken»
Nachdem sie auch Céline getötet hatte, machte sie Licht. Als sie das Gesicht ihrer Tochter sah, ihre blauen Lippen, die zerzausten Haare und die blauen Flecken, dachte sie: «Was habe ich angerichtet, was habe ich gemacht.» Sie sei wahnsinnig erschrocken und darauf verzweifelt in der Wohnung umhergeirrt.
Da sei ihr die Idee gekommen, einen Einbruch vorzutäuschen. «Ich wollte von mir ablenken», erklärt sie vor Gericht. Sie habe das Fenster aufgemacht und die Kinderkleider und ihre Handtasche ausgeleert. Darauf legte sie sich ins Bett, konnte aber nicht schlafen. «Ich hatte Herzklopfen, war nervös und wusste nicht mehr ein und aus.» Darum weckte sie ihren Mann. Als sie dann das Gesicht von Mario sah, habe sie gedacht: «Das war ich nicht, das war ich nicht.» Das habe sie sich die ganzen vergangenen fünf Jahre gesagt.
«Ich wollte gar kein Kind töten»
Erklären kann Bianca B. die Tat nicht. «Ich suche selbst eine Antwort dafür», sagt sie dem Bezirksrichter in Horgen. Sie habe sicher nicht mit Absicht oder nach einem Plan gehandelt. «Ich wollte gar kein Kind töten», sagt sie. Die ganze Tat sei einfach ohne irgendeinen Grund geschehen.
Ein neues Leben mit einem ihrer Liebhaber habe sie sicher nicht anfangen wollen. «Ein bisschen Verliebtheit war da. Er hat mir zugehört und mir Wärme geschenkt, was ich bei meinem Ex-Mann vermisst habe.» Mehr sei es aber nicht gewesen. Darum habe das SMS, das sie ihm in der Tatnacht schrieb, auch keine grosse Bedeutung. Sie schrieb damals: «Ich hoffe, dass ich dir morgen gehöre.»
Nicht die erste Tötung
Während des Geständnisses am Morgen kommt ein weiterer Paukenschlag: Bianca B. gesteht, sie habe auch ihre erste Tochter, die 7 Wochen alte Lisa, auf dem Gewissen. Bianca B. kann fast nicht reden. Ihre Stimme stockt immer wieder. Sie ringt um Fassung und schluchzt, als sie erzählt, wie das Baby an jenem Morgen schrie und schrie. «Sie hat immer viel geschrien und ich habe auch schon Rat gesucht.»
An jenem Morgen im Jahr 1999 sei sie zu ihr hingegangen. «Sie schrie und da hielt ich ihr einfach den Mund zu, bis sie ruhig war.» Dann sei sie duschen gegangen. Als sie wieder aus der Dusche kam, habe sie gesehen, dass ihr Kind tot war. «Sie war ganz blau.» Sie habe sofort den Notarzt gerufen. Als die Gerichtsmediziner als Todesursache einen Plötzlichen Kindstod attestierten, sei sie froh gewesen. Die Schuld habe sie sich nicht eingestehen können.
Nebst den Morden an ihren Kindern gesteht Bianca B. auch zwei vorgetäuschte Einbrüche in ihre damalige Wohnung in Reichenburg. Ausserdem soll sie ihre Ex-Schwägerin bestohlen haben, indem sie mit ihrer Karte Geld abhob.
Morde bisher immer geleugnet
Die 39-Jährige hatte die Tötung ihrer Kinder bisher stets abgestritten. Bianca B. war bereits am 26. März 2010 vom Zürcher Geschworenengericht des mehrfachen Mordes an ihren Zwillingen schuldig gesprochen worden. Das Gericht verurteilte sie zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Die Mutter akzeptierte das Urteil damals nicht. Nach dem Prozess engagierte sie einen neuen Verteidiger und machte beim Zürcher Kassationsgericht geltend, sie sei ungenügend verteidigt gewesen.
Das Kassationsgericht rügte daraufhin mehrere gravierende Mängel im Plädoyer. Es hiess die Beschwerde gut, hob das Urteil auf und wies den Fall zur Neubeurteilung zurück. Weil das Geschworenengericht inzwischen abgeschafft wurde, ist nun das Bezirksgericht Horgen zuständig.
(ann/mlu/sda)

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