05. Februar 2008 16:08; Akt: 05.02.2008 21:51 Print

«Insofern bin ich zufrieden»

Nach monatelangen Berichten über Fälle von Sozialhilfemissbrauch in Zürich hat Monika Stocker heute ihren Rücktritt angekündigt. Ausgelöst wurden die Turbulenzen im Sozialdepartement von Weltwoche-Journalist Alex Baur. «Ich fühle mich nicht schuldig», sagt er im Interview.

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«Frau Zaki braucht ein Kindermädchen», titelte die Weltwoche am 15. Februar 2007 und gab mit dem Artikel den Auftakt zu einer monatelangen Kampagne gegen das Zürcher Sozialhilfesystem und deren grüne Vorsteherin Monika Stocker. Das Wochenmagazin berichtete über systematischen Betrug, um an Fürsorgegelder zu kommen. Für Aufsehen sorgte der Fall einer Fürsorgebezügerin, die einen teuren BMW besass. Der Luxusschlitten ging am ersten Mai in Flammen auf. Der Fall wurde publik und goss weiteres Öl ins bereits lodernde Feuer. Die Medienberichterstattung erfasste sämtliche Tageszeitungen.

Den Stein ins Rollen brachte Weltwoche-Journalist Alex Baur. Fast wöchentlich legte er neue Beispiele von Missbrauchsfällen vor und trieb mit seiner Kritik am Sozialhilfesystem der Stadt Zürich Chefin Monika Stocker in die Enge – bis zu ihrem Rücktritt. Im Interview mit 20minuten.ch sagt Alex Baur, dass die Kampage nie gegen die Person Monika Stocker gerichtet war und weshalb er trotzdem kein Mitleid empfindet.


Herr Baur, Sozialvorsteherin Monika Stocker hat heute ihren Rücktritt bekannt gegeben. sind Sie zufrieden?
Alex Baur: Das ist eine ambivalente Sache. Es ging mir ja nie nur um die Person Monika Stocker, sondern um ihre Politik und was sie vertritt. Ich hoffe, dass es im Sozialdepartement nun zu einem Neuanfang kommt und dass man aus den Fehlern der Vergangenheit lernt. Insofern kann man die Frage, ob ich zufrieden bin, mit Ja beantworten.

Fühlen Sie sich nach Stockers Rücktritt auch ein wenig schuldig? Sie ist ja auch gesundheitlich angeschlagen.
Nein, überhaupt nicht. Wer in die Politik einsteigt, muss in der Lage sein, harte Konfrontationen auszustehen – sonst hat er oder sie den falschen Job gewählt. Monika Stocker wurde leider lange von Kritik verschont, viel zu lange. Gewiss meine Kritik war hart und kompromisslos, manchmal beissend – aber nie unter der Gürtellinie. Es ging immer um die Sache und nie um irgendwelche persönliche Angelegenheiten. Monika Stocker hatte auch immer die Möglichkeit, ihre Sicht der Dinge einzubringen. Die grosse Mehrheit der Journalisten ging ja sehr lange sehr pfleglich mit ihr um. Vielleicht liess sie das in falscher Sicherheit wiegen.

Kommt der Zeitpunkt des Rücktritts für Sie überraschend?
Das kommt überhaupt nicht überraschend, auch der Zeitpunkt nicht. In den letzten Wochen hat sie sich selber ins Abseits manövriert mit ihrer Sturheit. Ihre letzten Auftritte hatten etwas tragisches. Aber sie hat sich das selber zuzuschreiben. Monika Stocker hat jahrelang jede Kritik gegen ihre Politik abgeblockt. Das musste ihr irgendwann zum Verhängnis werden.

Ist Monika Stocker nur über ihre Sturheit gestolpert?
Auf der einen Seite hat es ja etwas sympathisches, wenn Politiker die Fahne nicht nur nach dem Wind richten und an den eigenen Überzeugungen festhalten. In ihrem Fall bedeutete dies allerdings auch, dass es ihr sehr schwer fällt, Fehler einzugestehen und zu korrigieren. Monika Stocker ist die Personifizierung des 68-er Groove und das hat nicht funktioniert. Das zeigen die vielen krassen Fälle, die wir in der Weltwoche aufgedeckt haben. Der zentrale Punkt war aber klar, dass sie jahrelang jegliche Kritik abgeblockt hat.

Hätte sie sich denn überhaupt erklären können?
Sie wollte ja gar nicht erst in einen Dialog treten und sich mit Kritik auseinandersetzen. Die Fälle waren ja real, die haben wir uns nicht aus den Fingern gesogen. Und auch die Kritik aus der Basis ist real. All das hat sie überhört. Andererseits haben ihr zahlreiche Medien mit ungleich grösserer Reichweite – die TV-Sender, Tages-Anzeiger, NZZ – grosszügig eine Plattform geboten, auf der sie ihre Sicht der Dinge darlegen konnten. Auch ich war immer bemüht, ihre Meinung einzuholen – nur verhängte das Sozialamt monatelang ein Informationsboykott gegen mich.

Ist Monika Stocker die einzig Schuldige?
Nein, und das ist nun sehr wichtig. Das Problem ist mit ihrem Abgang nicht gelöst. Wenn es im Sozialdepartement mit dem gleichen Geist weitergeht, war alle Mühe vergebens. Ich hoffe, dass als Nachfolger oder Nachfolgerin ein Managertyp kommt, der parteiunabhängig und ohne ideologische Scheuklappen nach praktischen, pragmatischen Lösungen sucht.

Ein Parteiloser solls richten?
Parteipolitik ist nicht meine Sache, doch als Bürger und Steuerzahler der Stadt Zürich könnte ich mir vorstellen, dass der Nachfolger nicht aus einer politischen Partei kommt. Wenn nun wieder eine grüne Politikerin installiert wird, nur damit der Stadtratssitz gewahrt bleibt, wäre das eine Fortsetzung der bisherigen Politik. Andererseits glaube ich nicht, dass jemand von der Opposition, also aus der SVP, sich in diesem Amt politisch durchsetzen könnte. Nach den Angriffen auf das Sozialdepartement würde ein SVP-Sozialvorsteher sowohl amtsintern als auch im Gemeinderat wahrscheinlich ziemlich sabotiert werden. Eine weitere Blockade ist das Letzte, was wir brauchen können.

Was muss sich im Sozialdepartement aus Ihrer Sicht ändern?
Es muss ein Kulturwandel stattfinden. Man muss wegkommen von dem theoretischen Menschenbild, dass der Mensch an und für sich immer nur das Gute will. Man muss zu einem realistischeren Bild kommen von Menschen, die auf Anreize reagieren, und zwar nicht nur auf positive, sondern auch auf negative – sprich Sanktionen. Linke Tabus müssen aufgebrochen werden, das Sozialdepartement muss sich bewusst sein, dass es sorgfältig und treuhänderisch mit Steuergeldern umzugehen hat. Es ist ja völlig unbestritten, dass wirklich arme Leute die Hilfe bekommen sollen, die sie zum Leben brauchen. Aber eben nur die, die es wirklich brauchen.

Marius Egger, 20minuten.ch