Zwillingsmord von Horgen

13. Dezember 2012 15:28; Akt: 13.12.2012 17:33 Print

«Wer beim Töten nichts fühlt, ist schwer gestört»

von A. Hirschberg - Bianca B. hat ihre Kinder erstickt. Wie kommt es, dass eine Mutter tötet? Forensiker Thomas Knecht über die «normale» Kindstötung, Psychosen und das Medea-Syndrom.

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Am 26. März 2010 wurde Bianca B., die Mutter der getöteten Zwillinge Mario und Céline, vom Zürcher Geschworenengericht zu lebenslanger Haft verurteilt. Während Jahren bestritt sie, mit der Tat in Verbindung zu stehen und rekurrierte gegen das Urteil. Am 12. Dezember 2012 gestand sie die Tat vor dem Bezirksgericht Horgen schliesslich. Was damals geschah: Kurz vor 2.30 Uhr am 24.12.2007 meldeten Bianca und Franz B. der Einsatzzentrale der Kantonspolizei Zürich, dass ihre beiden Kinder umgebracht worden seien. Die Sanität rückte aus, konnte die beiden Kinder aber nicht mehr retten. Noch am selben Tag wurden die Eltern wegen dringendem Tatverdacht verhaftet. Die Tat erschütterte Horgen. Niemand sah irgendwelche Anzeichen für Probleme in der Familie. Freunde, Verwandte und Mitschüler der beiden Erstklässler Céline und Mario waren tief bestürzt. Ein älteres Foto des kleinen Mario. Céline als sie noch etwas jünger war. Lange war unklar, was sich in der Nacht auf Heiligabend im Innern der Wohnung im ersten Stock abgespielt hat. Beide Eltern blieben in Haft und beschuldigen sich dort gegenseitig. Ende März 2007 teilte die Staatsanwaltschaft mit, dass Franz B., der Vater der Kinder aus der Haft entlassen wurde. Der Verdacht gegen die Mutter hingegen habe sich erhärtet. Man erfährt auch: Bianca B. soll die beiden Kinder erstickt haben. Kurz darauf alarmierte ihr Mann die Polizei. Während Mario schon tot war, lebte Céline noch, als die Rettungskräfte eintrafen. Die Reanimationsversuche blieben jedoch ohne Erfolg und Céline verstarb ebenfalls. Franz B. hat am 24.12.2007 alles verloren: Seine beiden Kinder, seine Frau und sein bisheriges Leben. Bei der Verhandlung vor dem Geschworenengericht stellte sich jedoch heraus, dass vieles in diesem Leben nur Schein war: Bianca B. hatte zum Zeitpunkt der Ermordung der Zwillinge zwei heimliche Liebhaber. Gutachter Frank Urbaniok verglich das Leben von Bianca B. mit einem Kessel, in dem der Druck stark angestiegen sei. Zudem habe Bianca B. die Angewohnheit gehabt, nicht mehr tragbare Situationen einfach radikal abzuschneiden. Bianca B. hingegen versuchte zuerst, die Schuld ihrem Mann in die Schuhe zu schieben: Er habe die Kinder wegen ihrer Seitensprünge ermordet, sagte sie. Das Geständnis von Bianca B. erfolgte dann am 12. Dezember 2012 vor dem Bezirksgericht Horgen. Vor dem Geschworenen-Gericht hatte sich Bianca B.noch in zahlreiche unerklärliche Widersprüche verstrickt. Diese hat sie mir ihrem umfassenden Geständnis nun bereinigt.

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Herr Knecht, Bianca B. hat ihre drei Kinder erstickt. Wie ist es möglich, dass eine Mutter ihre eigenen Kinder tötet?
Thomas Knecht*: Die Tötung der eigenen Kinder ist nichts Neues. In früheren Zeiten waren Kinder etwas Kostenintensives und konnten Existenzen gefährden, wenn sie zu Unzeiten kamen. Infantizid, wie die Kindstötung im Fachjargon heisst, ist sowohl in der Tierwelt wie auch bei den Naturvölkern ein bekanntes Phänomen. In schlechten Zeiten oder bei einem Notstand werden zur Selbsterhaltung Kinder eigenhändig oder durch die Anführer der Gruppe getötet.

Kindstötung ist also bis zu einem gewissen Grad normal?
Je jünger und kleiner die Kinder sind, desto eher kann eine relativ normale Persönlichkeit in einer bedrängten Situation ihr Kind töten. Gerade in den ersten Tagen und Wochen nach der Geburt ist die Bindung zwischen Mutter und Kind oft noch nicht so stark.

Aber wenn 7-jährige Kinder umgebracht werden wie im Fall Horgen?
Je älter ein Kind ist, desto tiefer muss die Störung der Persönlichkeit sein, damit die Mutter so etwas tut. Dieser Mutter fehlen die mütterlich-protektiven Gefühle. Der Horgen-Fall ist in dieser Beziehung sehr aussergewöhnlich. Vermutlich handelt es sich hier um eine sehr schwere Persönlichkeitsstörung.

Die Mutter sagte aus, sie habe beim Töten der Kinder nichts empfunden.
Nichts widersteht einer Mutter mehr, als den eigenen Nachwuchs zu töten. Dass sie gar nichts gefühlt hat, sagt viel über sie aus. Wer nichts spürt, hat einen extremen Defekt.

Fünf Jahre lang behauptete Bianca B. sie habe ihre Kinder nicht getötet.
Das ist wirklich aussergewöhnlich. Nur eine Persönlichkeitsanalyse kann erklären, wie sie so lange auf dieser Version beharren konnte.

Ist es möglich, dass sie selbst daran geglaubt hat? Hat sie die Tat verdrängt?
Ein restloses Verdrängen ist nicht möglich. Es könnte aber sein, dass sie die Tat aus Selbstschutzgründen von sich abgespaltet hat. Auch dahinter würde eine bestimmte Persönlichkeitsstruktur stecken.

Gibt es ähnliche Fälle in der Kriminalgeschichte?
Die bekanntesten Fälle in denen Mütter grössere Kinder umgebracht haben, waren schwere Psychosen. Diese Mütter hatten absurde Wahnideen. So etwa eine Palästinenserin in Deutschland, die im Jahr 2010 ihre knapp dreijährige Tochter tötete. In einer paranoiden Psychose fühlte sie sich vom Geheimdienst verfolgt. Die Tochter tötete sie, um sie vor dem Feind zu schützen.

Bianca B. handelte aber eher nicht psychotisch.
Aufgrund der Aussagen gibt es nicht wirklich Anzeichen für eine Psychose, das ist richtig.

Aus welchen Gründen könnte Bianca B. sonst getötet haben?
Dazu kann ich keine Aussagen machen. Das kann, wenn überhaupt, nur eine Persönlichkeitsanalyse klären. In der Kriminalgeschichte gibt es nebst der Psychose auch das Medea-Syndrom. Es bezieht sich auf Medea, eine Gestalt der griechischen Mythologie. Sie tötete ihre Kinder, um ihren Partner zutiefst zu verletzen. Das könnte in gewissen Fällen ein Erklärungsansatz sein.


*Dr. med. Thomas Knecht ist Leitender Arzt Forensik im Psychiatrischen Zentrum des Spitalverbunds Appenzell Ausserrhoden.

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