Mord vor Kaufleuten

02. Februar 2014 14:02; Akt: 02.02.2014 17:14 Print

Shivan prahlte danach mit der grausamen Tat

Nach einer Prügelei vor dem Zürcher Kaufleuten ersticht Shivan M. den 23-Jährigen Vigan M. Nun liegt die Anklageschrift vor. Sie zeichnet das Bild eines angekündigten Mordes.

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Staatsanwalt Michael Scherrer zieht das Urteil gegen Shivan N. und die beiden Mitbeschuldigten weiter vor das Zürcher Obergericht. Shivan M. musste sich ab dem 24. Juni 2014 vor dem Bezirksgericht Zürich verantworten, weil er 2012 vor dem Kaufleuten Vigan M. (23) mit elf Messerstichen getötet hatte. Der Täter ist geständig: Er habe aus Furcht vor einem Angriff zugestochen, nachdem er von seinem späteren Opfer und dessen Bruder zusammengeschlagen worden war. Mitangeklagt wegen Begünstigung ist M.M. (links), der den Täter nach der anfänglichen Schlägerei zurück zum Kaufleuten fuhr. Er gehe die Brüder «niederstechen», habe Shivan M. im Auto gesagt. S. H. (links) steht wegen Gehilfenschaft unter Anklage. Laut dem Staatsanwalt Michael Scherrer hat H. dem Täter das Butterfly-Messer gegeben, mit dem das Opfer erstochen wurde. H. bestreitet dies vor Gericht. Vor dem Kaufleuten habe er mit den Gebrüdern M. geredet - da sei Shivan M. von hinten auf die Gruppe zugelaufen und habe zugestochen. Das Ganze sei «in einer Sekunde» vorbei gewesen. Vor Gericht zeigt Shivan M. Reue. Das klang wenige Stunden nach der Tat aber anders, wie ein abgehörtes Telefonat mit seiner Freundin zeigt: «Ich bereue es nicht, dass ich die niedergestochen habe. Ich würde es wieder tun.» Am Montag nach der Bluttat vom 15. Juli 2012 veröffentlichte die Kantonspolizei einen Fahndungsaufruf nach Shivan M. Der 21-jährige Iraker mit Wohnsitz im Bezirk Meilen konnte rund zwei Wochen nach der Tat in einer Stadt im Süden von Norwegen verhaftet werden. Der 23-jährige Vigan M. und sein Bruder Visar waren gegen drei Uhr morgens am 15. Juli 2012 von Shivan angegriffen und niedergestochen worden. In dessen Folge kam Vigan ums Leben, sein 20-jähriger Bruder wurde schwer verletzt. Hier, in dieser Querstrasse vor dem Kaufleuten, kam es zum tödlichen Streit. Die Polizei bei der Tatortsicherung am Morgen. Vigan M. starb noch auf dem Trottoir. Sein Bruder erlitt schwere Verletzungen an inneren Organen und überlebte die Tat nur knapp. Shivan M. floh mit dem Auto und fuhr bis nach Norwegen zu Verwandten. Einige Zeit vor der Tat kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen Shivan und Vigan. Die Polizei musste eingreifen und schlichten, nachdem es zwischen den Brüdern und Shivan zu einer Schlägerei gekommen war. Gemäss Valentin Landmann, dem Anwalt von Shivan M., sei dieser dabei übel zugerichtet worden. Alle drei erhielten darauf Hausverbot beim Kaufleuten. Shivan M. ging weg, während die Brüder vor dem Club blieben und schwatzten. Shivan drohten den beiden noch, er werde sie aufschlitzen. Mit einem Freund begab er sich danach auf die Suche nach Unterstützung. Ein Kollege besorgte ihm schliesslich ein Butterfly-Messer. Zu dritt fuhren sie zurück zum Kaufleuten. Bereits im Auto kündigt Shivan seine Mordabsichten an. Er habe beschlossen die anderen, allen voran Vigan, aufzuschlitzen und zu töten. Vor dem Kaufleuten steigt Shivan aus dem Auto und sticht gemäss Anklageschrift ohne Vorwarnung auf Vigan ein. Nach der Tat soll er im Auto noch mit dem blutigen Messer in der Hand geprahlt haben, wie grausam er das Opfer getötet habe.

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Eine fröhliche Geburtstagsfeier im Kaufleuten endete im Juli 2012 in einer brutalen Bluttat. Vigan M. verblutet noch auf dem Trottoir, nachdem Shivan mit dem Messer auf ihn losgegangen war. Jetzt klagt der Staatsanwalt den Iraker wegen Mordes an und fordert 20 Jahre Gefängnis. Der «Schweiz am Sonntag» liegt die Anklageschrift vor, die ein erschreckendes Bild der Abläufe an jenem Abend zeichnet.

Am Anfang steht die Wut von Shivan M. Der 21-Jährige hat am 15. Juli 2012 mit einem Freund, seiner Freundin und deren Kollegin im Kaufleuten gefeiert und reichlich Alkohol konsumiert. Doch dann kann der Iraker seine Freundin in der tanzenden Menge nicht mehr finden und wird von Eifersucht gepackt. Er wird aggressiv, pöbelt wahllos Leute an. Vor dem Kaufleuten zerrt er auch die bereits weinende Kollegin am Arm, beschimpft sie und fordert sie auf, seine Freundin zu finden.

Wurde Shivan brutal zusammengeschlagen?

Diesen Disput beobachtet Vigan M. Der 23-Jährige Detailhandelsangestellte feiert im Kaufleuten mit seinen Brüdern und Freunden seinen 23. Geburtstag und ist mit seinem Bruder Visar und Kollegen zum Rauchen nach draussen gegangen. Vigan will schlichtend eingreifen, doch Shivan rastet aus, schlägt dem Geburtstagskind die Faust ins Gesicht. Darauf mischen sich die anderen ein. Es kommt zur Schlägerei, bei der Shivan M. gemäss seinem Anwalt Valentin Landmann übel zugerichtet wird.

Der Sicherheitsdienst alarmiert die Polizei, welche eingreift und es zumindest vordergründig schafft, die Situation zu beruhigen. Vigan, dessen Bruder Visar und Shivan bekommen Hausverbot. Shivan M. geht, droht den beiden aber noch, er werde sie «aufschlitzen». Die Brüder bleiben derweil vor dem Kaufleuten und schwatzen. Die Drohungen des Irakers nehmen sie offenbar nicht ernst.

Shivan schwört auf den Koran, er werde Vigan töten

Doch dieser denkt nur noch an seine Rache. Mit seinem Kollegen fährt er durch Zürich und versucht per Handy Verstärkung zu mobilisieren. Ein Freund, der sich dafür vor Gericht verantworten muss, bringt ihm die Mordwaffe: Ein in der Schweiz verbotenes Butterfly-Messer. Zu dritt gehen sie zurück zum Kaufleuten.

Seinen Kollegen gegenüber macht Shivan klar, dass er seine angeblichen Widersacher umbringen will. Er habe beschlossen die anderen, vor allem aber Vigan aufzuschlitzen und zu töten. Das schwöre er auf den Koran.

Er sticht ohne Vorwarnung zu und flieht

Vor dem Kaufleuten angekommen steigt Shivan mit geöffnetem Messer aus dem Auto und geht auf Vigan zu. Ohne Vorwarnung sticht er auf den 23-Jährigen ein. Dieser verblutet noch auf dem Trottoir. Als dessen Bruder zu Hilfe eilt, fügt er auch ihm drei lebensgefährliche Stiche zu, die innere Organe verletzen.

Darauf flüchtet Shivan im Auto. Gegenüber seinen Kollegen prahlt er noch mit dem blutigen Messer in der Hand, wie grausam er sein Opfer soeben getötet habe. Sein Flucht führt ihn via Deutschland zu Verwandten nach Norwegen. Dort wird er zwei Wochen später verhaftet und an die Schweiz ausgeliefert. Seither sitzt er in Meilen im Gefängnis.

Lebenslängliche Freiheitsstrafe gefordert

Der Prozess gegen Shivan M. findet am 24. Juni statt. Opferanwalt David Gibor spricht von einer Tat von unfassbarer Brutalität, die Shivan M. mehrfach lautstark angekündigt habe. Aus seiner Sicht habe der Täter einen Mord und einen Mordversuch begangen. Er fordert deshalb eine lebenslängliche Freiheitsstrafe.

Für Verteidiger Valentin Landmann ist das Tötungsdelikt unbestritten. In der Anklageschrift sei die Schlägerei vor der Tat aber einseitig geschildert worden. Diese sei der Auslöser für den Emotionsausbruch von Shivan M. gewesen, der schliesslich zur Tat geführt habe. Er plädiere darum für eine Verurteilung, die einiges unter den geforderten 20 Jahren liege.

(ann)