Eiskalte Bankerin

05. April 2012 15:16; Akt: 05.04.2012 18:05 Print

Bauer verfrachtet - zwei Jahre Haft

Das Bezirksgericht Winterthur verurteilt die Bankerin, die ihren behinderten Lebenspartner nach Indien abschob, zu 24 Monaten Gefängnis. Das Gericht attestiert ihr ein eiskaltes Vorgehen.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Eine 65-jährige Schweizerin hat ihren pflegebedürftigen Partner nach Indien verfrachtet, um die hohen Kosten des Heims zu umgehen. Gemäss Winterthurer Bezirksgericht ein eiskaltes, egoistisches Vorgehen. Es hat die Frau am Donnerstag zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 24 Monaten verurteilt.

Die Strafe wurde mit einer Probezeit von zwei Jahren verhängt. Wird die pensionierte Bankerin in dieser Zeit straffällig, muss sie aber nicht die vollen 24 Monate hinter Gitter. 5,5 Monate, die sie bereits in Untersuchungshaft sass, würden von der Strafe abgezogen. Die Verurteilte nahm das Urteil regungslos entgegen.

Das Gericht sah es als erwiesen an, dass die Frau ihren Freund 2008 im Pflegeheim bei Winterthur abmeldete, mit ihm nach Indien flog und ihn in der Ortschaft Bahadurgarh ablieferte, um Geld zu sparen. Die Pflegekosten in der Schweiz von rund 9000 Franken pro Monat hätten das Vermögen des ehemaligen Bauern empfindlich geschmälert - und damit das Erbe, das mittlerweile an die Tochter der langjährigen Lebenspartnerin überging.

Bilderbücher über Indien als Vorbereitung

Ob sich die örtlichen Verhältnisse für einen halbseitig gelähmten, dementen und hilflosen Mann geeignet hätten, habe die Verurteilte vorher nicht abgeklärt, sagte der Gerichtspräsident. «Es war ihr gleichgültig.» Ihre Gleichgültigkeit erkenne man auch daran, dass sie nach ihrer Rückreise nie mehr direkten Kontakt aufgenommen und zuhause alle Anstrengungen unternommen habe, den wahren Aufenthaltsort geheimzuhalten.

Auf der Gemeindeverwaltung gab sie etwa an, er werde in Dubai «bestens gepflegt». Bei der Sozialversicherungsanstalt, welche die Hilflosenentschädigung auszahlte, lautete sein Aufenthaltsort Lenk BE. Angelogen wurden auch jene Nachbarn und Bekannte, die den ehemaligen Landwirten im Heim besuchen wollten und ihn dort nicht mehr vorfanden.

Für den Mann sei es mit Sicherheit ein Riesenschock gewesen, als er aus seiner gewohnten Umgebung herausgerissen und nach Indien verpflanzt worden sei, sagte der Gerichtspräsident weiter. Er sei entwurzelt worden und alleine in der Fremde gestorben, ohne vertraute Gesichter, ohne Möglichkeit der Kommunikation mit seinen Pflegern.

«Es ist geradezu zynisch, dass Sie mit ihm vor der Abreise auch noch Silva-Bilderbücher über Indien angesehen haben. Wie wenn Sie ihm eine Reise schmackhaft machen wollten», sagte er zur Verurteilten. Stattdessen habe sie ihn in eine abgelegene Gegend verfrachtet und ihn im Stich gelassen.

«Entsorgung alter und behinderter Menschen»

Ob die Verurteilte das Urteil akzeptiert oder ans Obergericht weiterzieht, ist noch unklar. Ihr Anwalt hatte für einen Freispruch plädiert. Auch der Staatsanwalt weiss noch nicht, ob er den Schuldspruch anfechten will. Grundsätzlich sei er aber schon mal zufrieden, dass sie wegen Aussetzung verurteilt worden sei, sagte er. Er hatte eine unbedingte Freiheitsstrafe von 3,5 Jahren gefordert.

Für ihn steht der Fall stellvertretend für eine drohende, gesellschaftliche Entwicklung: Die «Entsorgung» alter oder behinderter Menschen. Dieser Fall dürfe deshalb keinesfalls Schule machen, sagte er während seines Plädoyers.

Der ehemalige Landwirt starb im November 2008 im Alter von 74 Jahren - rund neun Monate nach seiner Ankunft in Indien. Ob sein Tod mit der mangelhaften Pflege und den hygienischen Verhältnissen zusammenhängt, ist unklar. Eine Todesursache wurde nicht ermittelt.

Seine Leiche wurde nach indischem Ritus verbrannt und die Asche in einen Kanal geschüttet - so wie es seine Freundin vor ihrer Rückreise in die Schweiz den indischen Pflegern in Auftrag gegeben hatte.

(sda)