Dolder-Mord

19. Juni 2017 09:10; Akt: 19.06.2017 14:56 Print

Tötete Banker wegen zurückgewiesener Liebe?

von Jennifer Furer - Der 49-jährige Ex-Banker, der 2014 ein Callgirl im Grand Hotel Dolder getötet haben soll, steht am 26. Juli vor Gericht. Die Anklageschrift enthüllt Details der Tat.

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R. S.* wurde im September 2014 in seiner Wohnung in Küsnacht ZH verhaftet. In seinem Weinkeller stiess die Polizei auf die Leiche eines 25-jährigen Callgirls aus Polen. Zuvor soll er die Frau im Grand Hotel Dolder in Zürich getötet haben. Wie es zur Tat kam und wie sich diese genau abgespielt hat, offenbart die Anklageschrift, die 20 Minuten vorliegt.

Der heute 49-Jährige war bis Ende 2011 als leitender Angestellter im Finanzsektor tätig. Sein jährliches Einkommen von rund 250'000 Franken ermöglichte ihm einen gehobenen Lebensstandard, heisst es in der Anklageschrift. R. S.* Leben sei aber durch Einsamkeit geprägt gewesen. Als er 2012 seine Erwerbstätigkeit aufgab, habe er am Verlust der beruflichen Anerkennung gelitten. Er habe zunehmend Bordelle besucht, in denen er durch seine finanzielle Grosszügigkeit Anerkennung gefunden habe.

«S. verliebte sich in ‹Alexa›»

«Er steigerte trotz fehlendem Einkommen seine Ausgaben dermassen, dass er im Mai 2014 seine Zahlungsunfähigkeit nur noch durch den Verkauf persönlicher Wertgegenstände wie Uhren, Möbel und Wein abwenden konnte», so die Anklage.

Bei seinen Bordellbesuchen lernte S. die Prostituierte «Alexa» kennen und verliebte sich in sie, heisst es in der Anklageschrift weiter. Die Prostituierte habe diese Zuneigung aber nicht erwidert und sei unangekündigt in ihre Heimat zurückgekehrt.

«Der Gedanke der Zurückweisung war ihm unerträglich»

Dies habe R. S. stark getroffen. Er lernte aber Ende 2013 die Prostituierte «Kathleen», das spätere Opfer, kennen. Er verliebte sich ebenfalls in sie. «Der Gedanke, von ihr zurückgewiesen zu werden, erinnerte ihn an seine Erlebnisse mit «Alexa» und war ihm unerträglich», heisst es in der Anklageschrift.

Denn ihm sei bewusst gewesen, dass «Kathleen» nur mit ihm verkehre, wenn sie daraus wirtschaftlichen Profit schlagen könnte. «Seine Situation schien dermassen aussichtsloss, dass er meinte, der drohenden Kränkung nicht anders als durch Tötung des Opfer begegnen zu können, und entschloss sich dazu», heisst es seitens der Anklage.

«Das Opfer vertraute ihm»

Er habe deshalb ein Treffen in der Nacht vom 15. September auf den 16. September 2014 im Hotel Grand Dolder in Zürich organisiert. Es war laut der Anklage nicht das erste Mal, aber dieses Mal bat er um ein privates Treffen, an dem er «Kathleen» seine Liebe gestehen wollte. «Da der Beschuldigte sich bislang anstandslos verhalten hatte, vertraute das Opfer ihm und willigte ein», heisst es in der Anklageschrift.

Am besagten Tag trafen sich der mutmassliche Täter und das Opfer am Flughafen Zürich, von wo sie sich mit dem Auto in das gebuchte Hotelzimmer begaben. In seinem Gefährt habe S. einen Koffer von seiner Lebenspartnerin gehabt. In diesen soll er später die Leiche von «Kathleen» gelegt haben, um sie vom Hotel an seinen Wohnort zu bringen.

Quetschungen, Blutungen und eine akute Lungenüberblähung

Im Hotelzimmer angekommen, verabreichte S. dem Opfer laut der Anklageschrift das Betäubungsmittel Diazepam. Er habe «Kathleen» gewalttätig misshandelt, bis sie tot gewesen sei. «Er schlug das Opfer, stiess es und kniete sich auf es. Er legte ihm eine oder beide Hände um den Hals und drückte kräftig zu», heisst es in der Anklageschrift. Er habe dem Opfer auch eine Hand oder einen Gegenstand auf Mund und Nase gehalten, um es zu töten.

Die Liste der Verletzungen, die «Kathleen» davongetragen hat, ist lang. Über eine Seite führt die Anklage auf, darunter Quetschungen, Blutungen und eine akute Lungenüberblähung.

«Um die Verwesung der Leiche zu verzögern, stellte er die Kühlung maximal ein»

Nach der Tat habe S. den Koffer aus seinem Wagen geholt und die nackte Leiche von «Kathleen» hineingelegt. Am nächsten Morgen legte er den Koffer laut Anklage in sein Auto und wartete im Hotelzimmer bis seine Lebenspartnerin die gemeinsame Wohnung in Küsnacht ZH verlassen hatte. Erst dann habe er die Leiche in seinem Auto in seine Wohnung gefahren.

Dort habe er die Leiche in einen Weinklimaschrank im Keller gelegt. «Um die Verwesung der Leiche zu verzögern, stellte er die Kühlung maximal ein», heisst es in der Anklageschrift. Und weiter: «Gegen den drohenden Verwesungsgeruch brachte er im Keller Duftstecker an.»

Geforderte Strafe nicht bekannt

Laut der Anklageschrift sei er dann «ungerührt seinen alltäglichen Verrichtungen nachgegangen», bis ihn die Kantonspolizei schliesslich am 24. September verhaftete und die Leiche im Keller entdeckte.

Der Staatsanwalt plädiert aufgrund des geplanten Vorgehens auf Mord. Welches Strafmass er verlangt, geht nicht aus der Anklageschrift hervor und soll erst bei der Verhandlung, die am 26. Juli stattfindet, bekanntgegeben werden.

Auch die Verteidigung von S. hält sich noch bedeckt, auf was sie plädieren wird. Anwalt Andrea Taormina sagt aber: «Es war kein Mord und die Tat war nicht geplant.» Es handle sich hier um ein «tragisches Ende eines Beziehungsstreits».

*Name der Redaktion bekannt.