Grosser Schweizer Drogenfall

26. Oktober 2017 18:03; Akt: 26.10.2017 18:22 Print

Der «Schneekönig» steht wieder vor Gericht

von Jennifer Furer - Fast sein halbes Leben sass R. L. wegen Drogendelikten im Gefängnis. Der Mann muss im November wieder vor Gericht.

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Der sogenannte «Schneekönig» R.L.* hat eine langjährige Drogenkarriere hinter sich. Rund die Hälfte seines Lebens sass er deshalb hinter Gitter. Wiederholt wurde der ehemalige Zürcher Milieukönig wegen Kokainhandels in grossem Stil verurteilt. Im November muss sich der 62-Jährige erneut vor dem Bezirksgericht Zürich verantworten.

Aus der Anklageschrift, die 20 Minuten vorliegt, geht hervor, dass L. am 18. Februar 2017 200 Gramm Kokain beschaffte und dieses sechs Tage später in Zürich-Oerlikon für 10'000 Franken an einen Mann verkaufte. Dieser habe sich aber über die schlechte Qualität des Kokains beschwert und neues verlangt. L. stimmte zu, lagerte die Drogen in seiner Wohnung, rief seinen Kontaktmann an und bestellte bessere Drogen. Der Kontaktmann und sein Komplize holten das Kokain ab und begaben sich auf den Weg, um neues zu beschaffen. Doch so weit kam es nicht, sie wurden verhaftet, wie es in der Anklage weiter heisst. Der Deal platzte. Doch noch kam die Polizei L. nicht auf die Schliche.

8,5 Jahre Gefängnis gefordert

Auch dass L. Anfang Jahr nach Rotterdam reiste und dort mit einer Kontaktperson über die Übergabe von einem Kilogramm Kokain sprach, blieb der Polizei vorerst verborgen. Kurze Zeit später, Ende Februar, beauftragte L. laut der Anklage zudem seine Nachbarin, der er ebenfalls Kokain verkaufte oder schenkte, nach Rotterdam zu fahren. Sie sollte die Drogen abholen und in die Schweiz bringen. Die Frau stimmte zu und erhielt laut der Anklageschrift 5000 Franken dafür. Die Nachbarin wurde aber auf der Heimreise in die Schweiz bei der Grenzüberfahrt von Holland nach Deutschland erwischt und verhaftet. Auch dieses Mal kam L. ungeschoren davon.

Mitte März bestellte L. laut der Staatsanwaltschaft erneut 700 Gramm Kokain. Er versprach dem Lieferanten 35'000 Franken dafür, nachdem er es verkauft hatte. Das Kokain habe der berüchtigte «Schneekönig» in einem Raum an seinem Wohnort im Kanton Zürich gelagert. Zu einem Verkauf kam es aber nie. Die Polizei konnte L. am 21. März verhaften.

Seither sitzt der 62-Jährige in Untersuchungshaft und wartet auf seinen Prozess. Die Staatsanwaltschaft fordert eine unbedingte Freiheitsstrafe von 8,5 Jahren. Zusätzlich sollen rund 3,5 Jahre eines früheren Urteils widerrufen werden, die er wegen guter Führung nicht absitzen musste. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Rücktritt eines SVP-Kantonsrats

L. stand bereits mehrmals vor Gericht — jedes Mal wegen Drogen. Anfang der 90er-Jahre war er für einen der grössten Drogenfälle der Schweiz verantwortlich. Zusammen mit einem Komplizen liess er innert 14 Monaten von Kurieren über 100 Kilogramm Kokain aus Brasilien in die Schweiz liefern. Bei der Verhaftung trug L. 9 Kilogramm Kokain auf sich. Der Fall sorgte auch für Schlagzeilen, weil zwei Prominente involviert waren.

Zum einen ein SVP-Kantonsrat, der im Verwaltungsrat zweier Tarnfirmen von L. und seinem Komplizen sass. Ihm konnte kein strafbares Verhalten nachgewiesen werden, jedoch musste er von seinem politischen Amt zurücktreten, als herauskam, dass er vom Duo finanzielle Hilfe für den Wahlkampf erhalten hatte.

Staranwalt Landmann verliert Patent

Zum anderen war es Valentin Landmann, der damalige Verteidiger von L. Er hatte dem «Schneekönig» eine Firma in Liechtenstein verkauft. Als «Beitrag zur Resozialisierung» betrachtete Landmann dies. L. nutzte die Firma aber, um 5,4 Millionen Franken Drogengelder zu verstecken. Landmann bekam 12 Monate bedingt, ihm wurde für 9 Monate das Anwaltspatent entzogen. Das Gericht urteilte, dass Landmann einen entsprechenden Verdacht der Bank nicht ernst genommen und die Geldwäscherei in Kauf genommen habe. L. bekam 15 Jahre unbedingt, sein Komplize 17 Jahre.

L. sass ein Drittel der Strafe ab, handelte aber im Gefängnis wieder mit Drogen. Er liess sich Kokain versteckt in Kinderüberraschungseier ins Gefängnis bringen. Dafür kassierte er erneut 2,5 Jahre, kam im November 2004 wieder raus.

Im Alter von 54 Jahren bekam L. erneut eine Haftstrafe aufgebrummt. Das Kantonsgericht St. Gallen verurteilte ihn zu 11 Jahren, weil er ab 2008 unter anderem sechs Kilo Kokain(-gemische) verkauft hatte. L. sagte damals vor Gericht: «Ich bin das Leben lang zu Recht verurteilt worden, aber dieses Mal bin ich wirklich unschuldig.» Er legte Berufung ein und zog den Fall ans Bundesgericht. Aber auch dieses bestätigte den Schuldspruch zu 11 Jahren Haft.

*Name der Redaktion bekannt