Zürich-Paradeplatz

19. Mai 2016 11:41; Akt: 19.05.2016 11:41 Print

Fuss in Tür eingeklemmt – von Tram mitgeschleift

von A. Szenogrady - Zuerst wurde einer Frau der Fuss in der Tür eingeklemmt, dann schleifte das Tram sie mit. Doch wegen des toten Winkels entlastet nun auch das Obergericht die Chauffeuse.

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Eine heute 49-jährige Tramchauffeuse kann aufatmen: Die Beschuldigte wurde vom Hauptvorwurf des Nichtbeherrschens des Fahrzeugs auch vom Zürcher Obergericht freigesprochen. Zum Unwillen der Untersuchungsbehörden, welche gegen ein erstinstanzliches Urteil des Bezirksgerichts Zürich vom Juni 2015 Berufung eingelegt hatte.

Der umstrittene und dramatische Vorfall ereignete sich am 29. November 2013. Damals fuhr die Trampilotin am Nachmittag mit einem Tramzug der Linie 13 in Richtung Paradeplatz. Bei der Haltestelle Tunnelstrasse passierte es: Die Beschuldigte übersah laut Anklage eine Frau, die gerade noch vor der Abfahrt einsteigen wollte und sich dabei einen Fuss in der Tramtür einklemmte. Darauf fuhr die Chauffeuse ab, das Tram schleifte die Geschädigte mit.

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Es war einer beherzten Passantin zu verdanken, dass der Vorfall ein glimpfliches Ende nahm. Die Zeugin rannte sofort auf die Höhe der Chauffeuse und forderte sie mit Klopfzeichen gegen die Scheibe zum Anhalten auf, worauf die Beschuldigte auf die Bremse trat und die eingeklemmte Passagierin mit leichten Blessuren geborgen werden konnte.

Nur nach vorne beugen hätte nicht gereicht

Das Stadtrichteramt Zürich leitete nach dem gefährlichen Ereignis eine Untersuchung gegen die Trampilotin ein und stellte einen Strafbefehl aus. Demnach wurde sie wegen Nichtbeherrschens des Fahrzeugs sowie pflichtwidrigen Verhaltens nach einem Unfall mit 300 Franken gebüsst. Der letztere Vorwurf betraf die Tatsache, dass es die Beschuldigte nach dem Vorfall unterlassen hatte, die Endlage des Trams korrekt anzuzeichnen.

Die Frau wehrte sich gegen das Urteil und hatte bereits am Bezirksgericht grösstenteils Erfolg. So machte sie geltend, dass sie wegen eines toten Winkels die Geschädigte gar nicht habe sehen können. Die Untersuchungsbehörden lasteten ihr dagegen an, dass sie sich vor dem Start hätte nach vorne beugen müssen. Doch das hätte laut Gericht nicht gereicht. So hätte die Beschuldigte von relativ geringer Körpergrösse sogar aufstehen müssen, schrieb die Einzelrichterin. Das sei aber nicht eingeklagt worden, was zu einem Freispruch vom Hauptvorwurf führte.

Leichtes Verschulden bei Fehlverhalten nach Unfall

Das Obergericht hat nun den erstinstanzlichen Entscheid umfassend bestätigt. Es vertrat ebenfalls die Auffassung, dass die Trampilotin die Geschädigte auch nicht hätte sehen können, wenn sie den Oberkörper nach vorne gebeugt hätte. Der Vorwurf, sie habe es unterlassen aufzustehen, sei aber nie gemacht worden, schrieben die Oberrichter.

Was verblieb, war die Busse von 100 Franken. So hatte die Trampilotin auch laut Obergericht die Endlage des Trams nicht markiert und sich damit des pflichtwidrigen Verhaltens bei einem Unfall schuldig gemacht. Allerdings sei bei der Tatschwere zu berücksichtigen, dass die Beschuldigte unter einem gewissen Druck ihrer Vorgesetzten gestanden habe, die Strecke für den Fahrbetrieb möglichst rasch wieder freizugeben. Deshalb liege nur ein leichtes Tatverschulden vor. Infolge des Freispruchs vom Hauptvorwurf wurde der Tramführerin für das gesamte Verfahren eine Prozessentschädigung von 8000 Franken zugesprochen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Zumi am 19.05.2016 12:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gibt's

    Es gibt halt Unfälle, die einfach Unfälle sind, ohne "Täter".

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  • nora am 19.05.2016 12:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    mitdenken?

    Also wenn die Frau wirklich im toten Winkel war kann die tramführerin nichts dafür. Die Leuten unterschätzen oft gewisse gefahren. Kurz vor einem Auto über die strasse gehen, mit dem velo rechts an einem LKW vorbeifahren und und und........

  • jc am 19.05.2016 12:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die ewig hetzenden!

    Sollte beim Tram und Bus gleich sein wie bei der Bahn, wenn die Türe zu geht ist Schluss mit einsteigen auch für "die ewigen Hetzenden uns zu spät Kommenden"!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Gary am 20.05.2016 12:22 Report Diesen Beitrag melden

    Eigenverantwortung

    Ich finde den Gerichsentscheid absolut korret. Es liegt in der Verantwortung jedes Einzelnen, wie er sich verhalten will. Risiko ja oder nein. Hier muss die Abgrenzung strenger gemacht werden. Die verunfallte Person, hat das hohe Risiko in Kauf genommen. Sie sollte für die Störung des Betriebes haftbar gemacht werden.

  • Stone am 20.05.2016 04:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wo blieb der eingebaute Wegfahrschutz?

    Die Technik hat versagt bzw. ist mangelhaft eingebaut. Die Tramfahrerin kann absolut nichts dafür. Die oberen Chefs gehören auf die Anklagebank, denn diese haben sich für dieses System entschieden. Dieses System muss 100% funktionieren auch wenn nur ein Fuss oder eine Hand eingeklemmt ist. Aber Chefs werden nie angeklagt.

  • SueR am 19.05.2016 22:11 Report Diesen Beitrag melden

    Knopf drücken

    Finde den Freispruch richtig. Es gibt immer wieder unüberlegte Menschen, welche zuerst den Fuss oder den Arm in's Tram stecken und meinen, es dadurch aufhalten zu können. Irgendwann schliessen die Türen. Man würde besser zuvor nochmals auf den Türknopf drücken, um sicher einsteigen zu können. Beim Zug dito. Zudem: es fahren immer wieder Trams.

  • Go for all am 19.05.2016 22:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Trampilotin

    Kommt davon wenn man Pilot sein möchte, aber doch nicht fliegen kann. Man würde bei den VBZ lieber mehr in die Sicherheit investieren, als mit solchen Berufsbezeichnungen spielen, oder sonst auch die hohen Sicherheitstandards der entsprechenden Berufsgruppe übernehmen. Tramchauffeur ist nun mal nicht Pilot und macht es mit dieser Erfindung der Berufsbezeichnung nicht sicherer.

    • Don't Stop, Just Ring am 19.05.2016 22:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Go for all

      Besserer Name: Trambone, Setzt sich zusammen aus Tram und Rambo (in diesem Fall weibliche Form). Und dann noch 8 Mille Belohnung.......

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  • Andi am 19.05.2016 18:00 Report Diesen Beitrag melden

    Wenn es die Behörde erwischt dann...

    Wenn es die Behörde erwischt dann gibt es immer wieder Gründe um die Schuld abzuweisen. Wenn die Privat Person ( Autofahrer) sagt toten winkel darum der Unfall dann nein oder wenn dann selber Schuld.