Aarau

09. Oktober 2017 12:16; Akt: 09.10.2017 14:09 Print

Flüchtling darf keine Lehre machen – trotz Vertrag

Das Restaurant Schützen in Aarau würde gern einen 19-jährigen Äthiopier als Lehrling anstellen. Weil sein Asylgesuch abgelehnt wurde, kann er die Stelle aber nicht antreten.

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Der 19-jährige Abdul Wasi Kadir würde lieber eine Lehre machen, als mit Nothilfe im Asylheim zu wohnen. (Bild: Chris Iseli/Aargauer Zeitung)

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Fünf Tage lang machte der 19-jährige Abdul Wasi Kadir ein Praktikum im Restaurant Schützen in Aarau – und überzeugte. Das Restaurant bot dem jungen Äthiopier anschliessend einen Lehrvertrag als Koch an, den er umgehend unterschrieben hat. Die Lehrstelle durfte er aber bis heute nicht antreten, wie die «Aargauer Zeitung» schreibt.

Kadir hat ein Arbeitsverbot. Das Asylgesuch des 19-Jährigen wurde abgelehnt, er muss zurück nach Äthiopien. Das Asylgesetz schreibt vor: Wem eine Ausreisefrist gesetzt ist, dem ist es nicht erlaubt, einer bezahlten Arbeit nachzugehen.

7,50 Franken pro Tag statt 1020 Franken pro Monat

Für Kadir heisst das 7,50 Franken Nothilfe pro Tag statt 1020 Franken Lehrlingslohn pro Monat – wartend Däumchen drehen in der Asylunterkunft statt Arbeiten in der Küche. «Herr Kadir ist sehr freundlich, aufnahmefähig, lernbegierig und intelligent», schrieb der Wirt des Schützen an das kantonale Migrationsamt. Ohne Erfolg: Spielraum bestehe nicht, heisst es dort.

Laut Idil Abdulle, Sprecherin des Staatssekretariats für Migration (SEM), kann sich der Kanton auch nicht darüber hinwegsetzen: «Der Kanton verfügt hier über kein Ermessen – für abgewiesene Asylsuchende besteht folglich keine Möglichkeit, zu arbeiten beziehungsweise eine Lehre zu absolvieren, auch wenn ein Lehr- oder Arbeitsvertrag vorliegt», sagte sie zur «Aargauer Zeitung». Stattdessen hält das SEM eine Rückkehr nach Äthiopien für möglich.

Dies, obwohl er dort eine Repression befürchten muss. Weil er sich für die oppositionelle Oromo-Bewegung engagiert, sass er dort bereits einmal im Gefängnis, auch Familienmitglieder wurden verhaftet.

Auch Zahnarztpraxis würde Kadir anstellen

Benno Straumann, Lehrer in Kadirs Asylunterkunft, hält das Verbot der Lehre für fatal: «Abdul Wasi Kadir ist einer von vielen Jugendlichen, die keine Ausbildung machen können, aber wahrscheinlich noch lange hier bleiben werden. Das wird zu einem sozialen Problem, wenn wir es nicht bald lösen.» Es würde schliesslich allen zugutekommen, wenn der 19-Jährige seinen Lebensunterhalt selbst verdienen würde, statt von Nothilfe abhängig zu sein.

Kadir selbst will lieber Taten sprechen lassen – und hat bereits ein neues Angebot für eine Lehrstelle. «Wir waren begeistert von ihm», sagt eine Zahnarztpraxis, bei der der 19-Jährige geschnuppert und überzeugt hat. Man würde ihm auch dort eine Chance geben, falls im kommenden Jahr eine Lehrstelle verfügbar ist. Für Kadir ist klar, was er will: «Erst eine Ausbildung, dann eine Arbeit.»

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