Zwillingsmord

11. März 2010 08:41; Akt: 12.03.2010 17:09 Print

Nach einem Mord legt man sich nicht schlafen

Die Staatsanwaltschaft schliesst aus, dass der Vater der ermordeten Zwillinge der Täter sein könnte. Dass er seine Kinder ermordet hat und sich danach zum Schlafen legte, sei ausgeschlossen.

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Am 26. März 2010 wurde Bianca B., die Mutter der getöteten Zwillinge Mario und Céline, vom Zürcher Geschworenengericht zu lebenslanger Haft verurteilt. Während Jahren bestritt sie, mit der Tat in Verbindung zu stehen und rekurrierte gegen das Urteil. Am 12. Dezember 2012 gestand sie die Tat vor dem Bezirksgericht Horgen schliesslich. Was damals geschah: Kurz vor 2.30 Uhr am 24.12.2007 meldeten Bianca und Franz B. der Einsatzzentrale der Kantonspolizei Zürich, dass ihre beiden Kinder umgebracht worden seien. Die Sanität rückte aus, konnte die beiden Kinder aber nicht mehr retten. Noch am selben Tag wurden die Eltern wegen dringendem Tatverdacht verhaftet. Die Tat erschütterte Horgen. Niemand sah irgendwelche Anzeichen für Probleme in der Familie. Freunde, Verwandte und Mitschüler der beiden Erstklässler Céline und Mario waren tief bestürzt. Ein älteres Foto des kleinen Mario. Céline als sie noch etwas jünger war. Lange war unklar, was sich in der Nacht auf Heiligabend im Innern der Wohnung im ersten Stock abgespielt hat. Beide Eltern blieben in Haft und beschuldigen sich dort gegenseitig. Ende März 2007 teilte die Staatsanwaltschaft mit, dass Franz B., der Vater der Kinder aus der Haft entlassen wurde. Der Verdacht gegen die Mutter hingegen habe sich erhärtet. Man erfährt auch: Bianca B. soll die beiden Kinder erstickt haben. Kurz darauf alarmierte ihr Mann die Polizei. Während Mario schon tot war, lebte Céline noch, als die Rettungskräfte eintrafen. Die Reanimationsversuche blieben jedoch ohne Erfolg und Céline verstarb ebenfalls. Franz B. hat am 24.12.2007 alles verloren: Seine beiden Kinder, seine Frau und sein bisheriges Leben. Bei der Verhandlung vor dem Geschworenengericht stellte sich jedoch heraus, dass vieles in diesem Leben nur Schein war: Bianca B. hatte zum Zeitpunkt der Ermordung der Zwillinge zwei heimliche Liebhaber. Gutachter Frank Urbaniok verglich das Leben von Bianca B. mit einem Kessel, in dem der Druck stark angestiegen sei. Zudem habe Bianca B. die Angewohnheit gehabt, nicht mehr tragbare Situationen einfach radikal abzuschneiden. Bianca B. hingegen versuchte zuerst, die Schuld ihrem Mann in die Schuhe zu schieben: Er habe die Kinder wegen ihrer Seitensprünge ermordet, sagte sie. Das Geständnis von Bianca B. erfolgte dann am 12. Dezember 2012 vor dem Bezirksgericht Horgen. Vor dem Geschworenen-Gericht hatte sich Bianca B.noch in zahlreiche unerklärliche Widersprüche verstrickt. Diese hat sie mir ihrem umfassenden Geständnis nun bereinigt.

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Die Staatsanwaltschaft hat heute Franz B., den Vater der ermordeten Horgener Zwillinge, entlastet. Es fehlten konkrete Anhaltspunkte, dass der Mann die Tat begangen haben könnte. Die Staatsanwaltschaft gewichtete insbesondere einen Punkt: Der Mann konnte beweisen, dass er geschlafen habe und in der Tatnacht - nach dem Tötungsdelikt - von seiner Frau geweckt wurde. Auch die Frau bestätigte dies am Mittwoch vor dem Geschworenengericht. Es sei «lebensfremd, dass er seine Kinder ermorden würde und sich danach zum Schlafen lege», lautete die Schlussfolgerung der Staatsanwaltschaft. Auch, weil der Mann laut einem psychiatrischen Gutachten als «völlig normal» beschrieben wird.

Entlasten dürfte den Vater auch die Tonbandaufnahme, die heute vor Gericht abgespielt wurde. Es war die Aufnahme des Telefonats, das Franz B. unmittelbar nach Auffinden seiner toten Kinder an die Polizei gemacht hatte. Dort war ein verzweifelter Vater zu hören, der weinend die Polizei um Hilfe bittet. «Bei uns ist eingebrochen worden und unsere Kinder sind umgebracht worden. Beide Kinder sind tot, beide», stösst eine verzweifelte Stimme aus bevor sie in Schluchzen ausbricht. Es war ein eindrücklicher Moment in diesem Prozess.

Das Abspielen des Tonbands hatte die Verteidigerin von Bianca B. gefordert. Sie wollte heute mit ihren Fragen aber vor allem aufzeigen, dass der Mann von den Affären seiner Frau gewusst habe. Doch sie blieb nur vage, ein belastendes Beweisstück konnte sie nicht vorlegen. Zudem hat sich Franz B., im Gegensatz zu seiner Ex-Frau, während des gesamten Verfahrens nie in Widersprüchen verstrickt.

Sie führte ein Doppelleben

Die Gutachter beschrieben ihn als «normalen Durchschnittsbürger». Vor Gericht zeigt er Gefühle, er wirkt niedergeschlagen. Er sei psychisch noch immer angeschlagen, sagte der Vater. Über seine Ex-Frau urteilte Franz B.: «Das ist nicht mehr die Bianca, die ich gekannt habe.» Nach allem, was er seit dem Tod ihrer gemeinsamen Kinder erfahren habe, sei er heute sicher: «Meine Frau führte ein Doppelleben. Sie hat uns alle hintergangen.»

Der Mann schilderte denn auch seine Ehe völlig anders als seine ehemalige Partnerin. «Wir vier hatten ein schönes Zusammenleben», sagte er. Er und die Angeklagte hätten eine «gute und offene Ehe» geführt. Die Frau gab am Mittwoch vor Gericht an, dass sie mit zwei Männern Affären gehabt habe. Zwei Tage vor dem Mord hat sie mit beiden Männern Sex am gleichen Tag gehabt. Der Mann sei ihr auf die Schliche gekommen, weshalb er die Kinder umgebracht haben soll, so die Angeklagte vor Gericht.

Kündigte die Frau die Tat an?

Der Vater dementierte heute jedoch, dass er von den Seitensprüngen gewusst habe. Er habe nie ein SMS von seiner Frau gelesen oder von Affären erfahren. «Ich habe davon absolut nichts gewusst», so der sichtlich niedergeschlagene Mann. Erst in der Untersuchungshaft habe ihm der Staatsanwalt von dem Geheimnis seiner Frau erzählt. «Ich war schockiert und enttäuscht», sagte der Vater vor Gericht.

Von der Tatnacht erzählte der Vater ein Detail, das noch Gewicht haben könnte. So habe die Familie Stunden vor dem Mord den Weihnachtsbaum in der Wohnung geschmückt. Die Frau soll damals den Kindern gesagt haben, es sei dies «das letzte Mal». Der Vater ist heute denn auch überzeugt, dass seine Ex-Frau die Kinder ermordet habe. Die Kinder, die er so sehr liebte. Als er zur Tatnacht befragt wurde und schilderte, wie er seinen Sohn Marco im Bett auffand, brach er in Tränen aus. «Es war furchtbar, was ich dort sah.»

(att/meg/sda)

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