Behindertes Kind

28. Oktober 2017 09:29; Akt: 29.10.2017 16:54 Print

Zürcher Spital muss Genugtuung zahlen

Ein Kind litt bei seiner Geburt an einem Zürcher Spital unter Sauerstoffmangel. Das Zürcher Obergericht spricht dem Kind und seiner Mutter 140'000 Franken zu.

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Sauerstoffmangel bei der Geburt: Das Kind erlitt eine cerebrale Lähmung (Symbolbild). (Bild: Keystone)

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Erfolg für die Mutter eines körperlich und geistig behinderten Knaben: Das Zürcher Obergericht ist zum Schluss gekommen, dass das Spital für den fatalen Sauerstoffmangel bei der Geburt des Kindes verantwortlich war. Es muss der Mutter und ihrem Sohn deshalb 140'000 Franken zahlen.

So hatte sich die Frau die Geburt ihres Kindes nicht vorgestellt: Nachdem die Schwangerschaft völlig normal verlaufen war, begab sich die werdende Mutter im Februar 2004 in ein Zürcher Regionalspital. Um welches es sich handelt, macht das Obergericht nicht publik.

Nabelschnur eingeklemmt

Vorgesehen war eigentlich eine Wassergeburt. Das Baby liess sich jedoch etwas gar viel Zeit, so dass sich die Hebamme dazu entschloss, die Fruchtblase zu öffnen. Das Fruchtwasser floss «in erheblichen Mengen», so dass zuerst die Bettwäsche gewechselt werden musste. Die Frau musste währenddessen neben dem Bett stehenbleiben.

Bei der anschliessenden Untersuchung stellte die Hebamme fest, dass etwas schief gegangen war. Der Kopf des Kindes lag so unglücklich, dass die Nabelschnur eingeklemmt wurde.

Sauerstoffmangel bei der Geburt

Der Knabe kam schliesslich per Notfall-Kaiserschnitt zur Welt. Er musste reanimiert werden und wurde kurz darauf ins Kinderspital Zürich verlegt. Als die Eltern ihren Sohn nach Hause mitnehmen durften, war er bereits bei der IV angemeldet.

Es stellte sich heraus, dass der Knabe eine cerebrale Lähmung erlitt, ausgelöst durch einen Sauerstoff- und Durchblutungsmangel bei der Geburt. So leidet er heute unter anderem an einem gestörten Gleichgewichtssinn und hat Mühe beim Sprechen. Der 13-Jährige geht in eine Schule für Körper- und Mehrfachbehinderte und wird sein Leben lang auf fremde Hilfe angewiesen sein.

Die Mutter verlangte Schadenersatz und Genugtuung vom Spital, was dieses – wenig überraschend – ablehnte. Auch das Bezirksgericht dieser Region teilte die Meinung des Spitals. Es sei nicht bewiesen, dass das Spital Schuld sei an diesem Unglück. Die Mutter zog den Fall weiter und erhielt nun doch noch Recht, wie aus dem kürzlich publizierten Urteil des Obergerichtes hervorgeht. Dem Sohn muss das Spital 100'000 Franken zahlen. Die Mutter erhält 40'000 Franken. Das Urteil ist inzwischen rechtskräftig.

Position des Kopfes falsch eingeschätzt

Für das Obergericht ist klar, dass die Hebamme die Position des Kopfes falsch eingeschätzt hat. Für eine Amniotomie, wie die Fruchtblasensprengung auch genannt wird, muss der Kopf bereits fix im Becken liegen – ansonsten droht die Gefahr, dass die Nabelschnur zwischen Kopf und Becken durchrutscht und abgeklemmt wird.

Dass dies im vorliegenden Fall passiert sei, zeige ja, dass der Kopf noch nicht weit genug im Becken gewesen sei. Die Hebamme hätte die Fruchtblase somit nicht anritzen dürfen. Sie habe es zudem verpasst, die Herztöne wie vorgeschrieben abzuhören. Sonst hätte sie den Vorfall früher entdeckt.

Für das Obergericht wäre es auch angezeigt gewesen, schneller einen Arzt beizuziehen. Stattdessen machte die Hebamme alleine weiter. Sie habe somit sorgfaltswidrig gehandelt und Vorschriften missachtet.

Kein Geld für Psychotherapie

Keinen Erfolg hatte die Mutter einzig mit ihrer Forderung, dass das Spital ihre Psychotherapie übernehmen soll. Dafür verlangte sie 18'000 Franken. Sie habe unter einer posttraumatischen Belastungsstörung gelitten, die zu Depressionen und Suizidgedanken geführt habe. Sie sei heute noch in Therapie und psychisch instabil.

Neben dem Gesundheitszustand ihres Kindes sei vor allem die nicht vorhandene Kommunikation des Spitals ein Grund für ihre Probleme, argumentierte sie. Das Spital hab sie in den prekärsten Momenten völlig uninformiert gelassen.

Das Obergericht kam jedoch zum Schluss, dass das Spital zumindest bei der Kommunikation keine Fehler gemacht hatte und die Frau die Therapie selbst zahlen muss.

«Spital macht den Fehler und wir müssen bezahlen»

«Dass man einer Familie nach über zehn Jahren das Recht ausspricht, wonach im Spital Fehler gemacht wurden, ist zwar erfreulich», sagt Margrit Kessler, Präsidentin der Stiftung SPO Patientenschutz, zu 20 Minuten. «Aber die 140’000 Franken sind leider bloss ein Tropfen auf dem heissen Stein.»

Denn das behinderte Kind werde wohl bis zum 65. Altersjahr IV beziehen müssen und seinen Unterhalt nie selber verdienen - total zwischen 3 und 6 Millionen Franken. «Mit anderen Worten: Das Spital macht den Fehler und wir müssen bezahlen - das ist der grosse Ärger am Ganzen.» Die Allgemeinheit bezahle zwei Mal, zuerst die Prämien der Haftpflichtversicherung des öffentlichen Spitals und dann die Sozialversicherung für den Geschädigten.

Gewiss komme es selten vor, dass ein Spital überhaupt eine Genugtuung zahlen müsse. «Das liegt aber auch daran, dass kaum jemand klagt, weil man in der Schweiz 10 Prozent der einzuklagenden Summe vorab dem Gericht hinterlegen muss», sagt Kessler. Wenn die Mutter nicht im Besitz einer Rechtsschutzversicherung war und die Gerichtsverhandlungen nach neuem Recht durchgeführt wurden, musste sie infolgedessen dem Gericht 10’000 Franken hinterlegen. Sie sagt: «Viele haben dieses Geld gar nicht – ein unhaltbarer Zustand im schweizerischen Haftpflichtrecht, der im Ausland immer wieder für Kopfschütteln sorgt.»

(sda/rom)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Maureen am 28.10.2017 09:58 Report Diesen Beitrag melden

    alles Gute der Familie

    100'000.-- für das Spital (Versicherung) wohl ein Klacks, während das behinderte Kind damit keine grossen Sprünge machen kann. Für Hilfsmittel, Therapien, Pflege- und sonstige Zusatzkosten ist das Geld ziemlich schnell aufgebraucht.

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  • Maria Zeidler am 28.10.2017 10:02 Report Diesen Beitrag melden

    extrem wenig!

    Dieser Fall ist zwar ein ganz kleiner Sieg da gemäss Patientenschutz Stiftung SPO 90% der Klagen von Richtern abgewiesen werden. Für viele Richter sind die Ärzte wichtiger als die Patienten. Jedoch finde ich die Summe sehr schwach da hier nicht nur ein Kind sein Leben lang nie normal sein wird, sondern eine ganze Familie extrem lange Einbussen auf sich nehmen muss. Ich bin zwar nicht für Million Klage wie in der USA aber 140'000 !!!

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  • maik am 28.10.2017 09:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Richtig

    Richtig endlich wird auch hier Ärztepfusch mal bestraft .

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Nicolas am 30.10.2017 22:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Beide Seiten betracht

    Ein schwieriges Thema. Wir alle machen mal Fehler bei der Arbeit, Gott sei Dank habe ich einen Beruf bei dem ich einen Fehler auch wieder revidieren kann, jeden Tag Entscheidungen über Leben und Tot treffen zu müssen ist eine hohe Aufgabe. Wenn eine Hebamme in 40 Berufsjahren einmal diesen Fehler macht ist das extrem tragisch für die Familie und diese muss entschädigt werden, deshalb darf man umgekehrt weder den Berufsstand noch nicht einmal die Betroffene Hebamme verdammen. Diese wird auch durch einen solchen Prozess gebranntmarkt. Es würde beiden Seiten gut tun, wenn es einen konfliktärmeren und fairen Weg gäbe, solche tragischen Berufsfehler auch ohne jahrelanges Prozessieren zu entschädigen.

  • Stefan Schweizer am 29.10.2017 14:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    USZ Pfusch !!

    Las einmal raten:Am meisten sterben im USZ .Der Hauptgrund ist ,weil meistens keine professionelles Ärzteteam am Werken sind! Ich kann das nur mehrmals bestätigen aus eigener Erfahrung ! Vor 23 Jahren wurde durch Komplikationen der Schwangerschaft die besonders schwierig war (Uterus bicornis)und eine frühzeitige Geburt war unseres Sohnes ergab. Das traurige war das USZ mein Sohn nicht an IV angemeldet hat.Gemäss Vorschrift muss USZ bei einer frühzeitige Geburt von mehr als 4 Wochen dies auch zu melden.Der Grund war vermutlich das wir Eltern Schweizer sind !

  • rigoletto am 29.10.2017 10:28 Report Diesen Beitrag melden

    Updating ist von Noete!

    Wieder ein CH-er Gesundheitsskandal. Das Spital, und alle beteiligten muessten - wie in anderen Laender (z.B. USA) - mit viele Millionen und volle Therapien und Kosten uebernehmn. Es ist hoechste Zeit, dass man endlich auch in der CH die Gesetze modernisiert.

  • Mensch am 29.10.2017 10:14 Report Diesen Beitrag melden

    Hebamme

    Eigentlich verstehe ich nicht warum bei einer Geburt kein Arzt dabei ist. Eine Geburt ist kritisch für Kind und Mutter.

    • Kati am 03.11.2017 20:36 Report Diesen Beitrag melden

      Hebammen SIND für Geburten zuständig

      Eine Geburt ist das natürlichste der Welt. Man muss doch nicht alles pathologisieren. Aber zum richzigen Zeitpunkt einen Arzt rufen, das ist wichtig. Hebammen SIND für Geburten zuständig!

    • Pippi Langstrumpf am 10.11.2017 08:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Mensch

      Das war ja nicht bei der Geburt sondern vorher.

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  • Cyril Jost am 29.10.2017 09:59 Report Diesen Beitrag melden

    Herr

    Leute... der Wahnsinn ! 13 Jahre Rechtsstreit um ein paar Franken zu bekommen. Viele Ärzte/ Hebammen usw. machen tolle Jobs aber die Versager haben nichts zu befürchten, die Haftpflichtversicherung zahlt PEANUTS und das aber auch erst 13 Jahre später ... Ein