Extremismus-Fachstelle

13. Oktober 2017 13:20; Akt: 13.10.2017 13:20 Print

«Jihad ist Pflicht» – da holte der Vater Hilfe

Die Extremismus-Fachstelle Winterthur zieht nach dem ersten Betriebsjahr eine positive Bilanz. Nur in drei von insgesamt 48 Beratungen musste die Polizei informiert werden.

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Beigezogen wurde in allen drei Fällen der Gewaltschutz der Winterthurer Stadtpolizei. Dabei handelt es sich um jene Abteilung, die aktiv wird, bevor eine Straftat begangen wird.

In zwei dieser drei Fälle handelte es sich allerdings nicht um radikalisierte Muslime, sondern um Muslime mit psychischen Krankheiten. Es waren Trittbrettfahrer, die sich aufgrund ihrer Störung auffällig verhielten und entsprechend behandelt wurden.

Wie Fachstellenleiter Urs Alleman am Freitag vor den Medien erklärte, gab es im ersten Jahr der Fachstelle nur einen Fall, bei dem eine echte Radikalisierung gemeldet wurde.

Ein Vater rief bei der Extremismus-Fachstelle an, weil er sich Sorgen um seinen Sohn machte. Er hatte bei ihm eine Notiz mit dem Satz «Jihad ist Pflicht» gefunden. Zudem habe sich der Sohn über Reisen nach Istanbul informiert. Die Fachstelle schaltete daraufhin die Polizei ein.

Lehrer suchen Rat

Die meisten Ratsuchenden, die bei der Fachstelle anrufen, sind aber nicht Eltern und andere Angehörige, sondern Fachpersonen. Etwa Lehrerinnen, die bei einem Schüler Veränderungen im Verhalten feststellen, oder Mitarbeitende aus der Jugend- und Sozialarbeit.

Die Fachstelle habe sich als niederschwellige Anlaufstelle für alle Fragen im Zusammenhang mit Extremismus und Gewalt etabliert, so Allemann weiter. Es gebe grossen Bedarf nach Information.

Niederschwellig will die Fachstelle auch mit Jugendlichen in Kontakt treten. Sie ist deshalb neu über die App der Jugendinfo Winterthur erreichbar. Im Chat können ratsuchende Jugendliche rasch Antworten erhalten, etwa wenn sich eine Schulkollegin zurückzieht und andere als schlechte Muslime bezeichnet. Die Beratung ist anonym.

In einem neuen Leitfaden werden zudem mögliche Anzeichen von Radikalisierung von Kindern und Jugendlichen aufgezeigt. Lehrerinnen und Lehrer, Sozialarbeiter und Schulleiter erfahren darin auch, an wen sie sich wenden müssen und welches Vorgehen angemessen ist.

Unterschied: «Streng religiös» oder «gewaltbereit»

Die Herausforderung der kommenden Monate werde sein, die Unterscheidung zwischen «streng religiös» und «gewaltbereit» nicht zu vermischen, sagte Allemann weiter. Wer streng religiös lebe, komme vielleicht mit hiesigen Normen in Konflikt. Illegal müsse dies aber noch nicht sein. Das dürfe nicht vergessen gehen.

Die Extremismus-Fachstelle ist bis Ende 2018 befristet. Dann wird die Stadt Winterthur entscheiden, ob sie weitergeführt wird. Neben der Beratungsstelle ist in Winterthur seit Anfang Jahr auch ein so genannter «Brückenbauer» im Einsatz.

Dieser Stadtpolizist sucht aktiv den Kontakt zu Migranten, in Cafés, Moscheen und Kampfsportvereinen. Sein Ziel ist es, Vertrauen zu schaffen. Dieses Vertrauen soll helfen, kriminelle Handlungen zu verhindern - oder zumindest früh genug davon zu erfahren.

Weniger IS-Reisende, mehr Einzeltäter

Die Art der terroristischen Bedrohung hat sich in den vergangenen Monaten deutlich verändert. Die Zahl der europäischen Jugendlichen, die sich dem IS anschliessen wollen, nahm deutlich ab. Reisen ins Kalifat haben für Jugendliche deutlich an Attraktivität verloren.

Vermehrt in Erscheinung tritt hingegen der Typ des Einzeltäters, der beispielsweise mit Lastwagen oder Messern islamistische Anschläge verübt.

(sda)