Bezirksgericht Zürich

04. Oktober 2017 12:04; Akt: 04.10.2017 15:33 Print

«Sprayer von Zürich» muss mit dem ERZ verhandeln

Sind seine Strichfiguren Kunst im öffentlichen Raum oder Sachbeschädigung? Der international bekannte «Sprayer von Zürich», Harald Naegeli, stand vor Gericht.

Das sagte Harad Naegeli am Mittwochmorgen nach der Gerichtsverhandlung. (Video: tür)
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Am Ende war die Frage immer noch nicht geklärt, ob es sich bei den Graffitis von Harald Naegeli um Sachbeschädigung oder Kunst im öffentlichen Raum handelt - eine grundlegende Frage in dieser Verhandlung. Nach den Plädoyers von Anklage und Verteidigung und einem theatralischen Schlusswort des 77-jährigen Künstlers Naegeli erklärte der Richter am Mittwoch, er werde das Urteil aussetzen.

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Er gab dem Verteidiger den Auftrag, sich mit dem Kläger Entsorgung und Recycling Zürich (ERZ) in Verbindung zu setzen und zu verhandeln. Sehe das ERZ von einer Weiterverfolgung der Sache ab, gelte: «Wo kein Kläger, da kein Richter». Wie es diesbezüglich weitergeht, ist offen. Der für das ERZ zuständige Stadtrat Filippo Leutenegger (FDP) sagt auf Anfrage: «Ich bin jederzeit offen für ein Gespräch mit Herrn Nägeli. Mit oder ohne Anwalt. Meine Tür ist offen.»

Vorgeworfen hat die Staatsanwaltschaft dem «Sprayer von Zürich» dies: 25 Wandbilder aus den Jahren 2012 und 2013 an verschiedenen Orten in der Zürcher Innenstadt sollen aus seiner Hand stammen. Die Kosten für die Entfernung der Graffitis betragen laut Anklageschrift rund 9200 Franken. Die Staatsanwaltschaft verlangte eine Busse von 10'000 Franken und eine Geldstrafe von 270 Tagessätzen à 700 Franken.

Am Mittwoch erklärte das Gericht drei geringfügige Sachbeschädigungen für verjährt, darunter das Wandbild am Gebäude der kantonalen Verwaltung. Damit schied die kantonale Baudirektion als Klägerin aus und es verblieb das ERZ.


Das sagte Harald Naegeli vor dem Prozess. (Video: tür)

Naegeli verweigerte zu den meisten Punkten seine Aussage. Als der Richter ihn fragte, welche Schulen er besucht habe, sagte er: «Kunstschulen». Auf die Frage, seit wann er als freischaffender Künstler arbeite, antwortete er: «Seit meiner Geburt.»

Während der Verhandlung skizzierte er Gesichter der Anwesenden mit einem feinen Tuschstift auf ein Blatt Papier. Dazwischen und darüber zeichnete er die Motive, die auch seine Graffitis zeigen. Er war mit dem Velo gekommen, trug Trekkingsandalen ohne Socken, eine braune Wildlederjacke, einen weinroten Schal und seinen schwarzen Hut nahm er während der Verhandlung nicht ab.

Sprayer in der Videofalle

Der Staatsanwalt bezeichnete die Graffitis durchwegs als «Markierungen» und «abstrakte Strichfiguren». Er schilderte in seinem Plädoyer, wie Naegeli am frühen Morgen des 24. Dezembers 2013 um 5.24 Uhr in eine Videofalle der Stadtpolizei tappte und dabei gefilmt wurde, wie er innert 2:36 Minuten im Treppenaufgang zum Grossmünster eine Fischfigur sprayte.

Darauf folgte eine Hausdurchsuchung beim Künstler, bei der Beweismaterial beschlagnahmt wurde. Sein Laptop wurde ausgewertet und sein Mailverkehr untersucht. Daraus zitierte der Staatsanwalt vor Gericht. Da schrieb Naegeli an einen Bekannten: «Ich arbeite an meinem Mythos hier in Zürich.» Darauf folgte eine genaue Ortsbeschreibung seines neusten Wandbildes.

Oder er schrieb: «Die Herstellung der Figuren beansprucht fast meine ganze Kraft», und: «Sonst bin ich wieder eifrig auf der Strasse, die Putzkolonnen allerdings auch» sowie: «In Zürich wie gewohnt tätig, einige Guignols als Novitäten für die Stadt».

Für den Staatsanwalt spielt es «keine Rolle, ob die Bemalungen künstlerisch wertvoll sind oder nicht». Der Beschuldigte habe keinerlei Respekt vor fremdem Eigentum und sei auf die Bilder auch noch stolz.

Willkürliche Rechnungsbeträge?

Der Verteidiger bezeichnete die Beweisführung der Staatsanwaltschaft als besessen. Bei den frühmorgendlichen Streifzügen seines Mandanten mit der Spraydose sei es immer um Kunst im öffentlichen Raum gegangen und nicht um Sachbeschädigung. Er zweifelte die Korrektheit der Angabe der Reinigungskosten durch das ERZ an.

In der Anklageschrift werden Beträge von 396.60 Franken aufgelistet oder 413.70 Franken sowie 331.40 Franken. Der Verteidiger führte aus, dass das Bundesgericht festgelegt habe, dass bis zu einem Schaden von 300 Franken von einer geringfügigen Sachbeschädigung auszugehen sei, die nach drei Jahren verjährt ist. In den Augen der Verteidigung sind die Beträge willkürlich zustande gekommen. Sie verlangte einen umfassenden Freispruch.

Naegeli: «J'accuse!»

Der Künstler seinerseits hatte ein Schlusswort vorbereitet. Mit lauter Stimme rief er dem Staatsanwalt zu: «J'accuse! Ich klage an, dass Sie Kunstwerke, von wem auch immer, Kunstwerke überhaupt vernichten, zerstören, unsichtbar und unbrauchbar machen und obendrein noch als kriminell bezeichnen, statt diese zu schützen und zu bewahren, wie es das Gebot der Kultur ist.»

Er verlangte eine Neuinterpretierung des Begriffs Sachbeschädigung: «Damit wäre dieser Prozess richtungsweisend und konstruktiv.»

Nach Zürich gereist war auch Susanne Anna, die Kuratorin einer Ausstellung von Naegelis Werken in Düsseldorf unter dem Namen «Der Prozess». Sie sagte nach der Verhandlung vor den Medienvertretern, Naegeli sei der Vater der Street Art und er mache Kunst im öffentlichen Raum. Für die Ausstellung habe sie Naegelis Akten durchgearbeitet. Anhand der Vorgeschichte überrascht sie nicht, dass diese Verhandlung stattgefunden hat.

(sda/tür)