Traurige Bilanz

19. Januar 2018 14:40; Akt: 19.01.2018 14:41 Print

2017 mit Rekordzahl an Fällen sexueller Gewalt

Traurige Bilanz in Zürich: Im letzten Jahr wurden deutlich mehr Fälle von Kindsmisshandlung sowie sexueller Gewalt gemeldet.

storybild

Die meisten Überfälle geschehen laut Castagna in der engeren Familie. (Symbolbild) (Bild: iStock)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Viel Arbeit für die Zürcher Beratungsstelle Castagna: Im Jahr 2017 haben sich fast 10 Prozent mehr Opfer von sexueller Gewalt an die Fachfrauen gewandt als im Vorjahr. Die Rekordzahl zeige, dass das Problem trotz vermehrter Aufklärung aktueller denn je sei.

Insgesamt beriet Castagna im vergangenen Jahr in 1164 Opferfällen. Die Fachstelle kümmert sich seit bald 26 Jahren um sexuell ausgebeutete Kinder und weibliche Jugendliche sowie um in der Kindheit betroffene Frauen. Auch Angehörige und Fachpersonen finden hier Hilfe und Rat.

Übergriffe geschehen in der Familie

Die grösste Tätergruppe machten mit rund 30 Prozent Väter aus oder Männer, die für die Opfer die Vaterrolle übernommen haben. Bei 60 bis 70 Prozent der Täter handelt es sich um Familienmitglieder.

«Einmal mehr beweisen diese Zahlen, dass die meisten sexuellen Übergriffe gegen Kinder und Jugendliche in der engeren Familie geschehen», teilte Castagna am Freitag mit. In 0,2 Prozent der Fälle handelte es sich um Täterinnen. 20 Prozent der Täter und Täterinnen waren noch minderjährig.

Die Statistik zeigt, dass viele Täter sehr junge Kinder und sogar Kleinkinder sexuell ausbeuten: Über 50 Prozent aller Opfer waren unter 10-jährig. Die meisten Betroffenen kamen aus dem Kanton Zürich, gefolgt von den Kantonen Aargau und Thurgau. Bei rund 160 Fällen ist der Wohnkanton unbekannt.

Rekordzahl auch beim Kinderspital

551 Fälle von Kindsmisshandlungen hat die Kinderschutzgruppe und Opferberatungsstelle am Kinderspital Zürich im Jahr 2017 bearbeitet. Das sind 12 Prozent mehr als im Vorjahr und so viele Fälle wie noch nie seit Gründung der Kinderschutzgruppe im Jahr 1963.

Auf den ersten Blick sei die hohe Zahl besorgniserregend, teilte das Kinderspital Zürich am Freitag mit. Bei der Analyse der Fälle sei aber zu erkennen, dass es zum grössten Teil nicht sehr schwer misshandelte Kinder seien.

Bei 390 der 551 Fälle konnte die Kinderschutzgruppe die Misshandlung mit Sicherheit feststellen. Bei den betroffenen Kindern waren Massnahmen oder Unterstützungsangebote notwendig. Oberstes Ziel ist es, die Kinder zu schützen und das familiäre Umfeld zu unterstützen.

Weitere Begleitung bei unklaren Fällen

Bei 6 Prozent der gemeldeten Kinder konnte eine Misshandlung ausgeschlossen werden. So stellte sich beispielsweise heraus, dass sich das Kind bei einem Unfall verletzt hatte. 24 Prozent der Fälle blieben unklar. Dann sorgt die Kinderschutzgruppe dafür, dass andere Personen oder Institutionen das Kind und seine Familie weiter begleiten, wie es in der Mitteilung heisst.

Das Kinderspital unterscheidet fünf Misshandlungsarten: körperliche und psychische Misshandlung, sexueller Missbrauch, Vernachlässigung sowie Münchhausen Stellvertreter-Syndrom. Am meisten zugenommen hat die psychische Misshandlung ( 4,8 Prozent). Darunter fallen auch die Kinder und Jugendlichen, die Zeugen von häuslicher Gewalt werden.

Gegenüber dem Vorjahr leicht angestiegen sind Fälle sexueller Ausbeutung ( 0,7 Prozent) und Vernachlässigung ( 2,7 Prozent). Abgenommen hat die Zahl der körperlichen Misshandlung (-6,4 Prozent).

Rund zwei Drittel der Fälle werden von Personen oder Organisationen ausserhalb des Kinderspitals gemeldet. Deutlich häufiger als im Vorjahr gingen Meldungen von Mitarbeitenden, insbesondere von den Bettenstationen und der Notfallstation ein. Wiederum waren vor allem Kinder im Alter von einem bis sieben Jahren betroffen. Mädchen werden häufiger Opfer von Gewalt gegen die sexuelle Integrität, Knaben dagegen werden häufiger körperlich misshandelt.

(sep/sda)