Bezirksgericht Baden

05. September 2017 13:55; Akt: 06.09.2017 20:01 Print

Lebensgefährte tötet Bub – Mutter angeklagt

Ein Mann soll 2014 einen Buben zu Tode geschüttelt haben. Die Lebensgefährtin und Mutter hätte ihr Kind schützen müssen, findet die Staatsanwaltschaft.

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Die Staatsanwältin fordert 14 Monate Freiheitsstrafe für die Mutter des toten Buben. (Bild: Keystone/Pascal Mora)

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Das Bezirksgericht Baden setzt sich seit Dienstag mit einem Fall von Misshandlungen und tödlichem Schütteln eines Kleinkindes auseinander. Umstritten war unter anderem, ob die konsultierten Ärzte die Mutter des Zweijährigen auf mögliche Gewalt hingewiesen hatten.

Die Staatsanwaltschaft wirft der heute 32-jährigen Deutschen vor, sie habe die Augen davor verschlossen, dass es deutliche Anzeichen von Gewalt gegenüber dem Kleinkind gegeben habe. Mutmasslicher Täter ist der frühere Lebenspartner der Frau. Er steht am Mittwoch vor dem Gericht.

Die Anklage fordert eine Verurteilung der Mutter wegen fahrlässiger Tötung und mehrfacher fahrlässiger Körperverletzung durch Unterlassen. Sie soll mit 14 Monaten Freiheitsentzug bedingt bestraft werden.

Mutter glaubte an Selbstverletzung

Der Verteidiger verlangt einen vollumfänglichen Freispruch. Seine Mandantin habe nicht erkennen und nicht ahnen können, dass ihr kleiner Sohn von ihrem Partner misshandelt werde und schliesslich gar zu Tode kommen könnte.

In ihrem Schlusswort beteuerte die Beschuldigte: «Ich habe nicht fahrlässig gehandelt.» Sie bereue, dass sie nichts gesehen habe und sich nicht habe vorstellen können, dass vom Partner Gewalt gegen ihr Kind ausgehe.

Die Frau ging laut Verteidiger davon aus, dass das hyperaktive Kind, das zu heftigen Trotz- und Wutanfällen neigte, sich selbst verletzte. Die Frau, die selbst im medizinischen Bereich arbeitet, sei mit dem Kleinen immer wieder zu Ärzten gegangen und habe Abklärungen gefordert. Sie befürchtete eine Blutgerinnungsstörung als Ursache der häufigen blauen Flecken, später neurologische Störungen.

Weder Ärzte noch Freunde noch die Betreuerinnen in der Kindertagesstätte «erwähnten je eine Kindsmisshandlung», sagte der Verteidiger. Die Frau habe das Möglichste getan um Klarheit zu erhalten.

Anzeichen für Gewalt

Ganz anders die Darstellung der Staatsanwältin: Die Möglichkeit, dass es sich um Spuren von Misshandlung handeln könnte, sei sehr wohl zur Sprache gekommen, sagte sie. Es habe «zahlreiche suspekte Vorfälle» und auch sonst viele Anzeichen für Gewalt gegeben.

Stets sei der Mann in unmittelbarer Nähe des Kindes gewesen, stets sei er es gewesen, der die Verletzungen entdeckt habe und stets sei die Mutter gerade weg gewesen, wenn es passiert sei, sagte die Anklägerin. Die Erklärungen des Mannes seien teils völlig unglaubhaft gewesen.

Die Beschuldigte hätte schon früh misstrauisch werden müssen. Aber sie habe nicht reagiert, wie es ihre Pflicht als Mutter gewesen wäre. Sie habe die Augen verschlossen, ihre Beziehung nicht gefährden wollen.

Wie die Beschuldigte schilderte, hatte sie sich 2013 von ihrem gewalttätigen Ehemann getrennt. Im Frühling 2014 lernte sie einen anderen Mann kennen. Bald zog er zu ihr und dem damals knapp zweijährigen Buben. Er beteiligte sich intensiv an der Betreuung des Kleinkindes.

Mit neuem Mann kommen Verletzungen

Nachdem der neue Mann in das Leben der Frau getreten war, hatte das Kind immer wieder Verletzungen. Diese wurden im Laufe der Zeit zunehmend häufiger und schwerer - bis hin zum tödlichen Schütteltrauma Mitte Oktober 2014.

Immer wieder hatte der Zweijährige blaue Flecken an verschiedensten Körperstellen, Beulen am Kopf, mal eine verbrannte Hand, mal eine Schnittverletzung, eine Schramme im Gesicht oder eine Gehirnerschütterung. Der Mann wies die Mutter jeweils selbst auf die Verletzungen hin und erklärte, der Kleine habe sich selbst verletzt.

Nach dem Tod des Kindes fanden die Gerichtsmediziner zudem weitere Anzeichen von Gewalt. Neben älteren gab es zahlreiche frische Verletzungen. Stauchungsbrüche an drei Brustwirbeln mussten dem Kind zwei bis drei Monate vor dem Tod zugefügt worden sein.

Am zweiten Prozesstag am Mittwoch geht es um den damaligen Lebensgefährten der Frau. Er ist der vorsätzlichen Tötung und der mehrfachen Körperverletzung beschuldigt. Die Anklage verlangt eine Freiheitsstrafe von 14 Jahren. Wann die beiden Urteile eröffnet werden, ist noch unklar.

(sda)