Zürich, Kreis 4

04. Januar 2017 17:44; Akt: 04.01.2017 18:06 Print

Räumung Gammelhäuser – ein Schrecken ohne Ende?

Der Verwalter setzt seit Mittwoch die Schliessung der Gammelhäuser mit Hausverboten durch. Manche Anwesende wehren sich dagegen, so dass die Polizei anrücken muss.

Verwalter Sherry Weidmann führt durch die Gammelhäuser, Bewohner erzählen und die Polizei muss einschreiten. (Video: Jennifer Furer, Schnitt: Cédric Knapp)
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Werden die Gammelhäuser an der Neufrankengasse nun geschlossen oder doch nicht? Wie angekündigt ist der Verwalter der beiden Liegenschaften, Sherry Weidmann von der Real Estate Solutions GmbH, am Mittwoch zur Tat geschritten und vor Ort aufgetaucht.

«Heute beginnen wir zu räumen», sagte er in die zahlreichen Mikrofone von Journalisten. Und das stellt er sich wie folgt vor: «Wer sich in den Häusern aufhält und keine Aufenthaltsberechtigung hat, wird mit einem Hausverbot belegt», so Weidmann. Wenn nötig, werde dazu auch die Stadtpolizei beigezogen.


Sherry Weidmann informiert vor den Gammelhäusern über das weitere Vorgehen. (Video: jen/ced)

Beim nochmaligen Betreten der Liegenschaft werde erneut die Polizei geholt und das Hausverbot durchgesetzt. Weidmann sagt: «Dann müssen die Unerwünschten mit Bussen oder im schlimmsten Fall mit einer Gefängnisstrafe rechnen.»

Jenen, die einen Mietvertrag besitzen, wurde ordentlich auf den 31. Dezember 2016 vor der Schlichtungsbehörde gekündigt. «Auch sie wurden aufgefordert, die Liegenschaften zu verlassen», so der Verwalter. Dennoch habe es immer noch mindestens zwei Mieter, die das nicht taten. «Sie haben mir zugesichert, auszuziehen», sagt Weidmann. Ansonsten müsste man via Gericht die Ausweisung beantragen – das könnte allerdings Wochen dauern.

Räumung Gammelhäuser – ein Schrecken ohne Ende?

Beim Sozialdepartement der Stadt Zürich ist man froh, dass die Schliessung nun angestossen wurde. «Wir sind gespannt, was passieren wird», sagt Sprecher Michael Rüegg. Sie würden den Menschen dort weiterhin zusammen mit der SIP Zürich mit einem Bus vor den Problemliegenschaften helfen.

Sobald die Häuser leer sind, sollen sie geschlossen und verbarrikadiert werden, um eine Besetzung zu verhindern. «Was dann passiert, werden wir zu gegebener Zeit kommunizieren», sagt Weidmann.

Spritzen und Blut am Boden

In den Häusern sind laut Weidmann «Millionenschäden» entstanden durch Vandalismus und Drogenhandel. In den letzten zwei Wochen seien alle Dämme gebrochen. «Wenn man da nach 10 Uhr reingehen wollte, musste man schon Mut haben. Ich hatte sogar Angst», sagt Weidmann.

Ein Augenschein zeigt tatsächlich ein wüstes Bild: Am Eingang und in den Gängen stinkt es bestialisch nach Urin, Kot und Schweiss. In einem Zimmer, das eigentlich vor zehn Tagen verbarrikadiert wurde, wird das Ausmass nochmals stärker vergegenwärtigt: Überall am Boden liegt Unrat, es hat unzählige Spritzen und Blutflecken.

«Aber wo soll ich hin?»

Auch wenn die Zustände in den Häusern unhaltbar scheinen – für viele Randständige waren sie über Monate ein Zuhause. «Ich dachte, ich kann hier noch eine Zeit lang bleiben. Nun weiss ich, dass ich gehen muss. Aber wo soll ich hin?», sagt Gonz (30), ein Bewohner. Aber auch ihm ist bewusst, dass die Zustände in den letzten Wochen ausser Rand und Band geraten sind. «Die Bronx in Amerika ist nichts dagegen. Es gab täglich Schlägereien und Messerstechereien», sagt er.

Gonz akzeptiert aber die Wegweisung durch Weidmann – im Gegensatz zu anderen im Haus anwesenden Personen. Als der Verwalter etwa einem Junkie, der sich hier eingenistet hat, klarzumachen versucht, dass er nun gehen muss, rastet der aus. Die Polizei rückt an. «Das ist ein trauriges Beispiel, das es in den nächsten Tagen vermehrt geben wird. Das Katz-und-Maus-Spiel geht so lange weiter, bis es alle begriffen haben», sagt Weidmann.

Die Schicksale der Menschen würde Weidmann berühren, dennoch sagt er: «Wenn man die Neufrankengasse weiter laufen lässt, ändern sich diese Schicksale nicht zum Positiven – im Gegenteil, es wird immer schlimmer.» Er fügt an: «Es bewegt, es tut weh, was sollen sie machen? Sie werden sterben. Vielleicht ist der Tod eine Erlösung für viele dieser Menschen.»


20 Minuten besuchte die Gammelhäuser und deren Bewohner Mitte Oktober. (Video: jen/ced)

(jen)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Mark am 04.01.2017 18:22 Report Diesen Beitrag melden

    Platzspitz lässt grüssen

    Im Sommer wäre diese Aktion wohl besser gewesen. Aber lieber jetzt als später.

  • mimi am 04.01.2017 18:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    schokiert

    Also bin total schockiert..das ist ja schlimm und der hat über 1000.- verlangt für ein Zimmer..hat nie was gemacht..und das in der guten reichen Schweiz..unfassbar..

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  • Schnabias am 04.01.2017 21:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    The Bronx von Zürich

    'Es gab täglich Schlägereien und Messerstechereien'. Wenn mir vor 10 Jahren sowas von Zürich erzählt hätte, würde ich ihn als Spinner taxiert haben. Ich kenne sowas aus meinen Amerikazeiten von gewissen Stadtteilen in New York, aber nicht von der Stadt, in der ich aufgewachsen bin. Aber so ändern sich die Zeiten, GRAL und ihren Exponenten sei Dank! Müssen wir uns auch daran gewöhnen, Herr Wolff?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • jane77 am 05.01.2017 07:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    krass

    wahnsinn...warum wartet man so lange? ist klar das bei solchen bilder die vermieter keinem süchtigen mehr eine wohnung zuweisen möchten,leider den viele sind nicht so

  • Spaniel am 05.01.2017 06:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wucherpreise

    Ja wirklich schockierende Bilder. Und das Amt hat diese Wucherpreise noch unterstützt!

  • Ursula Angst am 05.01.2017 04:41 Report Diesen Beitrag melden

    Haus aus

    Ich hoffe diese Häuser sind in 15 Tagen Geschichte.

  • C.Käser am 05.01.2017 02:21 Report Diesen Beitrag melden

    So so!

    «Wir sind gespannt, was passieren wird», sagt Sprecher Michael Rüegg... Die Behörden-Mitarbeiter bekommen Ihren Lohn doch wohl um koordiniert zu handeln und nötigenfalls durchzugreifen und nicht um zu staunen - oder?

  • Nationless2 am 05.01.2017 00:31 Report Diesen Beitrag melden

    Lösung?

    Was unternehmen die Sozialen Dienste der Stadt und so das SIP?Landen viele als Obdachlose auf der Straße oder was? Ich finde es einen schlechten Räumungstermin und hätte bis Mai gewartet, wenn das Gröbste an Nässe und Kälte vorbei wäre.