Gefängnispersonal am Limit

05. März 2017 12:22; Akt: 05.03.2017 13:13 Print

Carlos prügelt sich und randaliert in U-Haft

Am Montag steht Carlos vor Gericht, weil er einen Bekannten spitalreif geschlagen haben soll. Die Zeit in Untersuchungshaft verbringt er jedoch alles andere als ruhig.

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Bereits 30 Mal verurteilt: «Carlos» und sein Verteidiger vor dem Richter, von rechts, beim Prozess am Bezirksgericht in Dietikon. (28. August 2015). Neue Anklage: Carlos steht Anfang März wegen versuchter schwerer Körperverletzung erneut vor Gericht. Hält Behörden und Betreuer auf Trab: Carlos werde «immer wieder gegen Material und/oder Personen tätlich», schrieb das Obergericht. Mit 15 Jahren hat er einem Kontrahenten im Streit ein Messer in den Rücken gestochen. Weil er für alle üblichen Institutionen für junge Straftäter – selbst für die Psychiatrie – untragbar war, wurde er in einem Spezialprogramm betreut. Dokumentation als Auslöser: Der Fall wurde durch ein Filmporträt des Schweizer Fernsehens über Jugendanwalt Hansueli Gürber publik. Dieser hatte die Sondermassnahmen für Carlos angeordnet. Umstrittene Methoden: Carlos (vorne) sollte mit speziellen Betreuungsmassnahmen resozialisiert werden. Dazu gehörte eine Rundumbetreuung durch Sozialarbeiter und Thaibox-Kurse. Die Gesamtkosten für das Resozialisierungsprogramm beliefen sich auf 29'000 Franken monatlich. Musste mehrfach zum Fall Stellung nehmen: Justizdirektor Martin Graf (Grüne) hielt erstmals am 6. September eine Pressekonferenz (Bild), nachdem er bei der Oberjugendanwaltschaft einen Bericht zum Fall angefordert hatte. Inzwischen fanden bereits drei Medienkonferenzen zum Fall Carlos statt. In der Kritik: Oberjugendanwalt Marcel Riesen (vorne) stellte sich am 6. September 2013 den Fragen der Medien. Die Oberjugendanwaltschaft liess Carlos verhaften, obwohl er sich nichts mehr zuschulden hatte kommen lassen und obwohl er seine Strafe abgesessen hatte. Der Jugendliche wurde erst ins Gefängnis Limmattal, dann ins Massnahmenzentrum Uitikon versetzt. Dort zerstörte er aus Protest eine Zelle. Das Bundesgericht entschied, Carlos müsse entweder freigelassen oder in einem neuen Spezialprogramm betreut werden. Seit wenigen Wochen ist Carlos in einem ähnlichen Programm wie bis August 2013. Die Kosten betragen noch 19'000 Franken. Weltmeister Shemsi Beqiri. Gegenüber dem «Tages-Anzeiger» verteidigte Gürbers Vorgesetzter, Oberjugendanwalt Marcel Riesen-Kupper, die Massnahmen als gerechtfertigt. Zwar zeigt er Verständnis dafür, dass die hohen Kosten für Aufregung sorgen. Ein Platz in einer geschlossenen Einrichtung sei aber ebenfalls teuer. Im St. Galler Jugendgefängnis Platanenhof kostet ein Platz mehr als 24'000 Franken im Monat, im Massnahmenzentrum Uitikon (Bild) bis zu 17'000 Franken für den gleichen Zeitraum. Regierungsrat Martin Graf (Grüne, Bild) untersteht der Fall Carlos. Boxer mit «All for Brian»-T-Shirt setzt ein Zeichen.

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Es wird nicht ruhig um Carlos. Weiter hält der 21-jährige Straftäter, der unter dem Pseudonym Carlos bekannt wurde, die Justiz auf Trab. Seit dem 1. April 2016 sitzt er in Untersuchungshaft in Pfäffikon ZH, am Montag steht er wegen versuchter schwerer Körperverletzung erneut vor Gericht. Trotzdem soll er im Gefängnis randaliert haben und durch zerstörerisches und renitentes Verhalten aufgefallen sein, wie Recherchen der «Sonntagszeitung» ergeben.

Er soll sich so mit einem Mithäftling geprügelt, sich rabiat gegenüber den Angestellten des Hauses verhalten sowie seine Zelle beschädigt haben. Der inzwischen 21-Jährige, der seit seinem 10. Lebensjahr bereits 30 Mal verurteilt wurde, hat bereits 2014 seine Zelle im Massnahmenzentrum Uitikon zerstört und weitere unter Wasser gesetzt. Dabei entstand ein Sachschaden von rund 9000 Franken.

Angriff auf bewusstloses Opfer

Morgen muss er sich wegen versuchter schwerer Körperverletzung vor Gericht verantworten. Am 29. März 2016 soll er laut Anklage einen Mann beim Aussteigen aus einem Zürcher Tram spitalreif geprügelt und ihm den Unterkiefer gebrochen haben. Als er sich von seinen zwei Bekannten verabschiedete, habe er ihnen den Ratschlag mit auf den Weg gegeben, sie sollen lieber in die Moschee gehen, als «herumzugangstern».

Als der Kollege erwiderte, dass er machen könne was er wolle, soll ihm Carlos einen Schlag ins Gesicht versetzt haben. Das Opfer stürzte laut der Anklageschrift aus dem Tram, knallte mit dem Kopf auf den Boden und blieb einige Sekunden lang bewusstlos liegen. Erneut soll Carlos auf ihn losgegangen sein – doch daneben geschlagen haben.

Der Fall Carlos sorgte für Aufruhr, als das Sondersetting des Straftäters publik wurde. Da er für alle üblichen Institutionen, inklusive Psychiatrie, untragbar geworden war, wurde er in einem speziellen Resozialisierungsprogramm für 29'000 Franken monatlich betreut.

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