Mit der Stadtpolizei auf Streife

05. Mai 2017 19:53; Akt: 05.05.2017 19:53 Print

«Schlägerei – wir fahren mit Blaulicht»

von Jennifer Furer - Am Wochenende hat die Stadtpolizei Zürich alle Hände voll zu tun – nicht nur an der Langstrasse. 20 Minuten hat eine Patrouille nachts begleitet.

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20 Minuten durfte ein Nacht lang mit einer Soko-Einheit auf Streife. Die schnelle Eingreiftruppe der Stadtpolizei ist Tag und Nacht an den sozialen Brennpunkten in Zürich unterwegs und unterstützt die regulären Patrouillen bei ihren Einsätzen. Nach Mitternacht erhält Einsatzleiter W. die Meldung, dass es an der Langstrasse zu einer Schlägerei gekommen ist. Mit Blaulicht rückt die Patrouille zum Tatort aus. Dort treffen sie die Opfer der Attacke an. Die Täter sind auf der Flucht. Die Patrouille macht sich umgehend auf die Suche nach den vier Tatverdächtigen, die die Opfer genau beschreiben können. Nur kurze Zeit später sichten die Polizisten die Tatverdächtigen. Nachdem die Polizei die Personalien der vier Tatverdächtigen aufgenommen hat und sie sich einem Alkoholtest unterzogen haben, der positiv ausfällt, darf die Gruppe gehen. Ein Nachspiel wird das Ganze vermutlich dennoch haben. Die Opfer wollen Anzeige erstatten. Ausser diesem Einsatz bleibt es in dieser Nacht ruhig an der Langstrasse. Einsatzleiter W. erklärt, dass es genau in diesen Situationen wichtig sei, Präsenz zu markieren. «Schliesslich trägt das auch dazu bei, dass in einem solch pulsierenden Quartier wie der Langstrasse Ruhe und Ordnung herrscht und sich die Leute sicher fühlen.» Deshalb entscheidet W., seine Soko-Einheit an der Piazza Cella zu positionieren. Trotz der friedlichen Stimmung müssen die Polizisten jederzeit für alles gerüstet sein, beispielsweise auch für gewaltbereite Demonstranten, aber auch im Fall von Fanausschreitungen rund um ein Fussballspiel oder Amoktaten. «Es gehört zu unseren Kernaufgaben, auf solch spontane Lagen zu reagieren», sagt W. Auch die Promenande am See ist Einsatzort der Soko-Patrouille. Aber auch dort ist es am Freitag ruhig. Jedoch wird ein junger Mann kontrolliert, weil er seine Musik zu laut aufgedreht hatte. Und ein kiffender Mann erhält eine Busse.

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Es ist Freitag kurz vor Mitternacht. Eine junge Frau liegt regungslos in Seitenlage auf dem Sechseläutenplatz am Boden, umgeben von drei Männern und einer weiteren Frau. Die Gruppe wird von einer vorbeifahrenden Patrouille des Sonderkommissariats (Soko) bemerkt. Die vier Polizisten der schnellen Eingreiftruppe der Stadtpolizei sind Tag und Nacht an den sozialen Brennpunkten in Zürich unterwegs und unterstützen die regulären Patrouillen bei ihren Einsätzen.

Ohne zu zögern, steigen die vier Polizisten aus ihrem Wagen. Schnellen Schrittes nähern sie sich der Gruppe. Einsatzleiter R. W., ein blonder Mann mit freundlichem Gesicht, der seit 18 Jahren das Gesetz hütet, fragt einen der Männer: «Kennen Sie die Frau?» Er bejaht und sagt, dass seine Kollegin einfach zu viel getrunken habe.

Schlägerei an der Langstrasse

Die junge Frau öffnet darauf ihre Augen und blickt zum Polizisten. Sie versucht aufzustehen und erklärt stammelnd, dass sie heute eine Jobzusage erhalten und deswegen zu viel getrunken habe. Dann übergibt sie sich. «Ich schaue, dass sie nach Hause kommt», sagt der Mann, der die torkelnde Frau stützt.

Während des Einsatzes klingelt das Telefon von Polizist W. Es ist die Einsatzzentrale. An der Langstrasse soll es zu einer Schlägerei gekommen sein. Zwei Männer seien von vier Leuten angegriffen worden. Die Täter seien auf der Flucht.

Mit Blaulicht und Horn über den Bürkliplatz

Schnell verabschieden sich die vier Polizisten und eilen zum Einsatzfahrzeug zurück. «Wir fahren mit Blau», sagt W. bestimmt und drückt auf einen Knopf in der Nähe des Schalthebels. Auf dem Dach des Polizeiwagens beginnt sich das Blaulicht zu drehen. Die Sirene ist ohrenbetäubend.

Am Steuer sitzt P. O. eine junge, zierliche Polizistin. Sie fährt zügig, aber mit der nötigen Vorsicht über den Bürkliplatz. Es blitzt. Ein Radar hat das Polizeifahrzeug erfasst. Doch das spielt keine Rolle. Es eilt. Routiniert nimmt die Polizistin eine scharfe Rechtskurve. Währenddessen ändert W. immer wieder den Ton der Sirene. «Die Leute sollen sich nicht an den Klang der Sirene gewöhnen. Wenn sie das tun, merken sie nicht mehr, dass es ein Notfall ist, und machen allenfalls keinen Platz mehr», erklärt er.

«Lassen Sie uns durch»

Die wenigen Autos auf Zürichs Strassen machen dem Polizeifahrzeug aber Platz. Bis auf einen: Der Autofahrer bleibt vor einem Lichtsignal einfach stehen. Das Polizeifahrzeug kann nicht passieren. W. zückt ein Mikrofon. «Fahren Sie über Rot. Lassen Sie uns durch», spricht er hinein. Der Autofahrer hört die Aufforderung und fährt vor.

Auf einmal wird es leise. W. hat die Sirenen abgestellt. Das blaue Licht dreht sich aber immer noch. «Die Täterschaft könnte in der Nähe sein. Wir wollen sie ja nicht vorwarnen», sagt W.

Fahndung nach mutmasslichen Tätern

Doch von den Tätern fehlt jede Spur. Stattdessen treffen die Polizisten zwei junge Männer an. Es sind die mutmasslichen Opfer. Einer von ihnen hat eine blaue Beule auf der Stirn. Sie erklären den Polizisten, dass sie geboxt wurden, und liefern eine genaue Beschreibung der mutmasslichen Täter.

Die Polizisten eilen darauf zurück ins Fahrzeug und machen sich auf die Suche nach ihnen. Es dauert nicht lange, da erblickt Fahrerin O. eine Gruppe am Strassenrand, die auf die Beschreibung passt. Sie lenkt links ein und bringt das Polizeifahrzeug wenige Meter vor der Gruppe zum Stehen.

Die drei Männer und eine Frau bleiben verdutzt stehen, als sich die vier Polizisten ihnen mit grossen Schritten nähern. «Stellen Sie sich bitte in einer Reihe an die Wand», sagt O. Die Gruppe respektiert die Aufforderung ohne Widerworte. O. fängt an, die Personalien der vier aufzunehmen, während Einsatzleiter W. Verstärkung ruft. Nur wenige Minuten später trifft eine weitere Soko-Patrouille mit vier Polizisten ein.

Verstärkung angefordert

Dass der Einsatzleiter W. eine weitere Polizeipatrouille angefordert habe, sei eine präventive Sicherheitsmassnahme, denn nicht selten komme es bei solchen Einsätzen zu Übergriffen auf Polizisten. Das zeigt auch ein Blick auf die Kriminalstatistik: Die Zahl der Fälle mit Gewalt und Drohung gegen Polizisten ist mit 367 im Jahr 2016 hoch. «Respektlosigkeit ist etwas der wenigen Dinge, die mich an meinem Job nerven. Leider kommt das nicht nur in unserem Beruf vor. Es ist ein gesellschaftliches Problem», sagt W., während er die vier Verdächtigen im Auge behält.

Dieser Einsatz verläuft aber glücklicherweise ruhig ab. Nachdem die Polizei die Personalien der vier Tatverdächtigen aufgenommen hat und sie sich einem Alkoholtest unterzogen haben, der positiv ausfällt, darf die Gruppe gehen. Ein Nachspiel wird das Ganze vermutlich dennoch haben. Die Opfer wollen Anzeige erstatten.

Polizeipräsenz am Wochenende verstärkt

Einsätze wie dieser wegen Tätlichkeiten sind für die Polizisten keine Seltenheit. In den letzten Jahren haben sie sogar zugenommen. Während es 2015 deren 923 gab, stieg die Anzahl 2016 auf 1136. Die Zunahme hat hauptsächlich mit der Ausgangsszene nachts und an den Wochenenden im Langstrassenquartier zu tun. Auch deshalb hat man sich bei der Stadtpolizei Zürich dazu entschieden, die Polizeipräsenz zu diesen Zeiten in den Ausgangsvierteln zu verstärken – hauptsächlich durch die Soko.

In dieser Nacht bleibt es an der Langstrasse aber aussergewöhnlich ruhig. «Es ist kalt und kurz vor dem Zahltag. Man spürt, dass die Leute kein Geld mehr haben, um in den Ausgang zu gehen», erklärt W. die Lage. Dennoch sei es wichtig, genau in diesen Situationen Präsenz zu markieren. «Schliesslich trägt das auch dazu bei, dass in einem solch pulsierenden Quartier wie der Langstrasse Ruhe und Ordnung herrscht und sich die Leute sicher fühlen.» Deshalb entscheidet W., seine Soko-Einheit an der Piazza Cella zu positionieren. Die Gesetzeshüter stehen am Strassenrand und beobachten die Situation genau.

«Die Polizei: Dein Freund und Helfer»

Immer wieder sprechen betrunkene Leute die Polizisten an, fragen etwa nach dem nächsten Bancomaten oder wo die beste Party steigt. «Das gehört eben auch zu unserem Beruf», sagt W. lachend. «Die Polizei hat zwar das Gewaltmonopol und muss, wenn nötig, repressiv vorgehen, aber häufig ist sie auch einfach dein Freund und Helfer.»

Nach ein paar weiteren Fragen entscheidet sich W., zu Fuss durch die Langstrasse zu gehen. Die Leute sind friedlich, die Stimmung ausgelassen. Hin und wieder sieht man Männer, die mit Frauen um die Ecke verschwinden, oder Leute auf Drogen, die durch die Gassen torkeln.

Einsatzleiter W. wird von vielen Menschen freundlich begrüsst, ab und zu sogar mit einem Handschlag. «Die meisten sind ‹Klienten› von mir», sagt W. Er habe diese zum Teil schon oft verhaftet, meistens wegen Verstössen gegen das Betäubungsmittelgesetz. «Ich finde es schön, wenn mich diese Leute grüssen. Respekt und Anstand sind wichtig. Die verstehen, dass ich eben auch nur meinen Job mache.»

Demonstrationen als einer der Kernaufgaben

Trotz der friedlichen Stimmung müssen die Polizisten jederzeit für alles gerüstet sein, beispielsweise auch für gewaltbereite Demonstranten, aber auch im Fall von Fanausschreitungen rund um ein Fussballspiel oder Amoktaten. «Es gehört zu unseren Kernaufgaben, auf solch spontane Lagen zu reagieren», sagt W. Für solche Situationen haben Soko-Einheiten eine spezielle Ausrüstung in ihrem Fahrzeug.

Eine grosse Herausforderung für die Polizei sei aber auch der Terror. Dass in letzter Zeit gezielt Polizisten ins Visier geraten sind, macht auch Einsatzleiter W. zu schaffen. «Es ist beängstigend und traurig zugleich», sagt er, während er durch die Langstrasse schreitet. Solche Situationen und Einsatzlagen seien zwar einkalkuliert, ein gewisses Restrisiko bleibe aber. «Es ist blauäugig, zu glauben, dass so etwas in der Schweiz nicht passieren könnte», sagt W.

In dieser Nacht werden W. und seine Patrouille aber glücklicherweise mit keiner solchen Situation konfrontiert. Doch das wird nicht immer so sein. Bereits morgen oder am nächsten Wochenende könnte es anders aussehen. Und auch dann werden die Polizisten im Einsatz sein, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen.