Vegi-Papst Rolf Hiltl

20. November 2017 05:46; Akt: 20.11.2017 05:46 Print

«Mein Team hatte Angst wegen der Demo»

Mit einer Eisenstange gegen das Hiltl-Restaurant: Um ein Haar wäre die Demo gegen Stadtaufwertung aus dem Ruder gelaufen. Jetzt sprechen Rolf Hiltl und der Hauseigentümer.

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Viel fehlte nicht zur Eskalation an der unbewilligten Demo gegen Stadtaufwertung am Samstagnachmittag in der Zürcher Langstrasse. Als ein vermummter Demonstrant plötzlich mit einer Eisenstange gegen ein Fenster des neuen Vegi-Restaurants von Hiltl an der Langstrasse 84 schlug, rückte die Polizei zwar vor, liess den Umzug aber weiterlaufen. «Bei einem Bruch des Fensters wäre dies wohl kaum der Fall gewesen», sagt Rolf Hiltl.

Der Gastronom war am Samstag vor Ort, als auch sein Lokal zur Zielscheibe der Demonstranten wurde: «Ich bin ratlos.» Dass ihm von den Demonstranten etwa vorgeworfen wird, er schleime sich mit Gratis-Essen für Randständige bei der Quartierbevölkerung ein, findet der gläubige Christ unerhört: «Was ist daran verwerflich? Wir tun dies wirklich aus gutem Herzen.»


Die Demo unterwegs in der Langstrassen-Unterführung.

Auch den Sexismus-Vorwurf kann Hiltl nicht nachvollziehen - die Demonstranten empörten sich über die Plakatwerbung zur Personalsuche zur Eröffnung des Hiltl Langstrasse. Da hiess es «Wir suchen Mitarbeitende mit unterdurchschnittlicher Belastbarkeit» oder «Wir suchen Mitarbeiterinnen, die momentan noch fleischliche Gelüste befriedigen.» Hiltl sagt dazu: «Die 5 verschiedenen Sujets wurden durch Ruflanz Werbung mit einem Augenzwinkern gestaltet.» Rund 200 Personen hätten sich auf diese Stelleninserate hin gemeldet - 10 davon erhielten einen Job bei Hiltl.

Das Hiltl-Team Langstrasse habe am Samstag gezittert. Man habe auf Anraten der Polizei das Lokal während der Demo kurz geschlossen. «Danach hatten alle Angst und wollten das Restaurant nicht mehr öffnen», so Hiltl. «Doch wir lassen uns nicht unterkriegen.» Deshalb habe man die Türen später wieder aufgemacht. Trotzdem beschleiche ihn teilweise ein «komisches Gefühl», wenn er in der Langstrasse unterwegs sei: «Das ist einfach nur traurig.»

«Ich bin kein Immobilienhai»

Ebenfalls bestürzt ist Detlef Gärtner, der Eigentümer der Langstrasse 84: «Dass die Demonstranten unser Projekt mit der Europaallee in einen Topf werfen, ist nicht fair.» Er sei kein Immobilienhai und habe für den Kauf des Hauses 2006 seine ganzen Ersparnisse und Pensionskassengelder ausgegeben. «Das Gebäude war baufällig und ein Neubau unausweichlich.»

Deshalb versteht Gärtner nicht, warum die Demonstranten «einen ästhetisch schönen Neubau verteufeln», der eine Baulücke füllt. «Auch habe ich niemandem das Kulturlokal Perla Mode weggenommen - im Gegenteil, dank der Zwischennutzung zum Selbstkostenpreise habe ich dieses Projekt erst ermöglicht.» Zwar biete er keine Genossenschaftswohnungen an, doch mit 2950 Franken für eine 105 Quadratmeter grosse 4,5-Zimmer-Wohnung verlange er einen quartierüblichen Zins.

Auch Gärtner war am Samstag Zeuge der Demo: «Ich habe sogar verbal versucht, den Demonstranten mit der Eisenstange aufzuhalten.» Angst vor den Stadtaufwertungs-Gegner habe er nicht: «Ich bin jederzeit bereit für einen Dialog.» Dass das Glas gehalten hat, überrascht ihn übrigens nicht: «Bei dem Neubau stand nicht der Profit, sondern die Qualität im Vordergrund.»

(rom)