«Er stellt System auf die Probe»

04. Juli 2017 05:46; Akt: 04.07.2017 08:37 Print

Darf man Carlos mit Medis ruhigstellen?

Fälle wie Carlos sind extrem selten, sagt ein Strafvollzugsexperte. Da tue man einfach, was man könne. Eine unverwüstbare Zelle für längere Haftstrafen sei darum sinnvoll.

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Herr Noll*, welche Sanktionen gibt es bei renitenten Häftlingen?
Als Erstes gibt es die Möglichkeit der Verwarnung. Dies ist noch keine Disziplinarsanktion. Die tiefste Sanktion ist ein Verweis. Diesen spricht man bei sehr geringfügigen Regelverstössen aus. Daneben kann man eine Busse verhängen – in der Regel sind das 20 bis 30 Franken. Das ist für einen Insassen viel, weil er nur 20 bis 30 Franken Tageslohn hat. Eine nächste Stufe ist etwa ein Fernsehentzug für eine Woche oder ein Zelleneinschluss für eine Woche. Die Strafe sollte immer etwas mit dem Verstoss und der Person, die den Verstoss begeht, zu tun haben. Die schärfste Disziplinarsanktion ist der Arrest. Eine Reihenfolge ist aber nicht vorgeschrieben. Wer etwas Schlimmes begeht – etwa eine Drohung oder eine Tätlichkeit – kann sofort Arrest erhalten.

Wie lange kann man den Arrest verhängen?
Im Kanton Zürich darf ein Arrest maximal 20 Tage dauern. Es ist eine relativ harte Strafe. Der Häftling sitzt nur in der kahlen Zelle, er hat keinen Fernseher, keine Zeitung, null Unterhaltung. Nur eine Stunde pro Tag darf er ganz allein im Hof spazieren. In der Regel ist ihm extrem langweilig.

Was tut man mit einem Häftling, der alles verwüstet und ständig das Gefängnispersonal bedroht?
Es gibt tatsächlich Häftlinge, die das System ausreizen. Man tut, was man kann. In der Regel bekommt so ein Häftling nur noch Essen, für das er kein Geschirr und kein Besteck braucht – also Sandwiches. So weit man kann, setzt man auch reissfeste Materialien als Kleider ein.

Offenbar will man nun unverwüstbare Zellen konzipieren. Wissen Sie mehr darüber?
Aus meiner Sicht sind die Arrestzellen in den Gefängnissen jetzt schon relativ karg und darauf ausgerichtet, dass man nicht viel kaputtmachen kann. Um es trotzdem zu schaffen, braucht es eine sehr grosse Portion schlechten Willens. Carlos sass aber in einer Sicherheitszelle. Das ist etwas Anderes. Da können die Insassen viel länger als 20 Tage untergebracht werden. Für solche Fälle wären solche unverwüstbaren Sicherheitszellen durchaus sinnvoll.

Darf man Medikamente einsetzen, um einen aggressiven Häftling ruhigzustellen?
Ich bin nicht sicher, ob man das im Gefängnis darf oder nicht. Aber man macht es nicht. Eine Zwangsmedikation ist eine Körperverletzung, für die es ausgebildete Spezialisten braucht. Darum macht man so etwas nicht im Gefängnis sondern in der Psychiatrie. Es kommt aber vor, dass ein Gefängnis einen Insassen in die Psychiatrie schickt, um ihn medikamentös behandeln zu lassen. Ziel ist hier immer, den Menschen zu beruhigen und zu normalisieren.

Wann kann man so etwas machen?
In der Regel handelt es sich in solchen Fällen um akut psychotische Personen, die in ihrem Wahn andere angreifen oder sich selbst gefährden. So ein Fall muss vorliegen, damit es überhaupt legal ist. So etwas darf man nur in extremen Fällen tun. Mit den richtigen Medikamenten kann man eine solche Person dann wieder stabilisieren. Carlos sieht aus der Ferne aber nicht psychotisch aus.

Der Häftling Carlos stellt für den Strafvollzug eine riesige Herausforderung dar. Ein Einzelfall?
Carlos ist nicht der Einzige, der das System im Gefängnis auf die Probe stellt. Aber es gibt nur ganz wenige solche Fälle.

(ann)