Jugendstraftäter

14. November 2016 17:26; Akt: 15.11.2016 08:01 Print

Neue Anklage gegen Carlos

Der Jugendstraftäter Carlos muss sich erneut vor Gericht verantworten – wegen eines Körperverletzungsdelikts.

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Carlos werde «immer wieder gegen Material und / oder Personen tätlich», schrieb das Obergericht. Mit 15 Jahren hat er einem Kontrahenten im Streit ein Messer in den Rücken gestochen. Weil er für alle üblichen Institutionen für junge Straftäter – selbst für die Psychiatrie – untragbar war, wurde er in einem Spezialprogramm betreut. Medienrummel um einen jugendlichen Straftäter: Carlos auf seinem Bett in seiner damaligen Wohnung in Reinach. (Screenshot SRF) Dokumentation als Auslöser: Der Fall wurde durch ein Filmporträt des Schweizer Fernsehens über Jugendanwalt Hansueli Gürber publik. Dieser hatte die Sondermassnahmen für Carlos angeordnet. Umstrittene Methoden: Carlos (vorne) sollte mit speziellen Betreuungsmassnahmen resozialisiert werden. Dazu gehörte eine Rundumbetreuung durch Sozialarbeiter und Thaibox-Kurse. Die Gesamtkosten für das Resozialisierungsprogramm beliefen sich auf 29'000 Franken monatlich. Musste mehrfach zum Fall Stellung nehmen: Justizdirektor Martin Graf (Grüne) hielt erstmals am 6. September eine Pressekonferenz (Bild), nachdem er bei der Oberjugendanwaltschaft einen Bericht zum Fall angefordert hatte. Inzwischen fanden bereits drei Medienkonferenzen zum Fall Carlos statt. In der Kritik: Oberjugendanwalt Marcel Riesen (vorne) stellte sich am 6. September den Fragen der Medien. Die Oberjugendanwaltschaft liess Carlos verhaften, obwohl er sich nichts mehr zuschulden hatte kommen lassen und obwohl er seine Strafe abgesessen hatte. Der Jugendliche wurde erst ins Gefängnis Limmattal, dann ins Massnahmenzentrum Uitikon versetzt. Dort zerstörte er aus Protest eine Zelle.

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Der als Carlos bekannt gewordene Zürcher Jugendstraftäter wurde erneut wegen Körperverletzung angeklagt. «Wir können bestätigen, dass die Staatsanwaltschaft am 8. November 2016 gegen ihn beim Bezirksgericht Zürich Anklage wegen eines Köperverletzungsdelikts erhoben hat», teilt die Oberstaatsanwaltschaft Zürich TeleZüri mit. Ob Carlos derzeit in Haft ist, ist nicht bekannt.

Seit August 2015 ist Carlos ein freier Mann. Das Bezirksgericht Dietikon ZH hatte ihn damals zwar zu eine Geldstrafe verurteilt, weil er in einer Gefängniszelle randaliert hatte. Weil er aber zuvor zu Unrecht inhaftiert worden war, war diese Strafe damit abgegolten.

«Sondersetting» für 29'000 Franken

Carlos war im Sommer 2013 in die Schlagzeilen geraten. In einem Dokumentarfilm präsentierte der damalige Zürcher Jugendanwalt Hansueli Gürber den «Fall» des seit seiner Kindheit äusserst schwierigen Jugendlichen als Beispiel dafür, dass eine gezielte Ausnahme-Behandlung durchaus Erfolg haben kann.

Der Jugendliche hatte einen anderen jungen Mann mit Messerstichen lebensgefährlich verletzt. Als der Film ausgestrahlt wurde, befand er sich seit gut einem Jahr in einem so genannten «Sondersetting», rundum betreut und überwacht. Und zum ersten Mal griff eine Massnahme: Carlos hielt sich an die Regeln.

Angesichts der hohen Kosten – 29'000 Franken pro Monat – ging allerdings ein Aufschrei der Empörung durch Medien und Öffentlichkeit. Dazu kam die Tatsache, dass Carlos Thai-Boxen trainieren durfte.

(woz)