Zürcher Obergericht

22. August 2017 14:50; Akt: 22.08.2017 14:50 Print

Säugling an Decke geworfen – 6 Monate Haft

Ein 35-jähriger Vater musste sich am Dienstag vor dem Zürcher Obergericht verantworten. Er hatte seine beiden Kinder schwer misshandelt.

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Laut dem Zürcher Obergericht würde eine längere Gefängnisstrafe für den Vater keinen Sinn machen. (Bild: Keystone/Walter Bieri)

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Der Fall von Ende 2014 zeigt auf dramatische Weise, wohin elterliche Überforderung, Stress und Erschöpfung führen können: Ein junger Vater betreute in jener Nacht seine wenige Wochen alten Säuglinge, damit die erschöpfte Ehefrau schlafen und sich erholen konnte. Dies, obwohl er selbst auch bereits total übermüdet war. Als es ihm nicht gelang, die schreienden Kinder zu beruhigen, geriet er völlig aus der Fassung, wollte aber um keinen Preis die schlafende Frau stören.

Unter anderem packte der heute 35-Jährige die Kinder mehrmals, riss sie aus dem Bettchen in die Höhe, ohne die Köpfchen zu stützen, er liess sie mehrmals aus 20-30 Zentimetern ins Bettchen zurück fallen, wo sie mit den Köpfen zusammenstiessen. Er versuchte gewaltsam, ihnen Schoppen oder Nuggi in den Mund zu zwingen. Eines hielt er an einem Bein übers Abwaschbecken und klopfte ihm auf den Rücken, dabei entglitt es ihm. Er warf es in die Luft - jedoch zu stark, so dass es an der Decke anschlug.

Staatsanwalt wollte unbedingte Freiheitsstrafe von vier Jahren und neun Monaten

Die Kinder erlitten schwere Verletzungen. Eines von ihnen hat mit bleibenden körperlichen Schäden und allenfalls geistigen Beeinträchtigungen zu rechnen. Nach der verhängnisvollen Nacht verschwieg der Vater zunächst, was er getan hatte. So kamen die Kinder erst Tage nach den Misshandlungen in ärztliche Obhut.

Das zuständige Bezirksgericht verurteilte den Mann im August 2016 wegen mehrfacher schwerer Körperverletzung zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe von 36 Monaten - 30 Monate davon bedingt mit einer Probezeit von vier Jahren. Sechs Monate hatte der Mann schon mit der Untersuchungshaft abgegolten. Der Beschuldigte akzeptierte das Urteil. Der Staatsanwalt dagegen zog es ans Obergericht weiter. Er verlangte eine unbedingte Freiheitsstrafe von vier Jahren und neun Monaten.

Ehefrau hält weiterhin zu ihm

Der vollumfänglich geständige Beschuldigte, ein jungenhaft wirkender, alles andere als grobschlächtiger Mann, zeigte sich vor Obergericht aufrichtig reuig. Immer wieder kamen ihm die Tränen. Sein damaliges Handeln sei für ihn «schwer nachvollziehbar», sagte er. Die möglichen schlimmen Folgen für die Kinder seien ihm nicht bewusst gewesen. Er habe sich «in eine Sackgasse manövriert».

Damit so etwas nie mehr vorkommt, hat er eine freiwillige Psychotherapie begonnen. Seine Ehefrau hält nach wie vor zu ihm. Die Ehe sei «stabil, aber schwer belastet», sagte er.

Gerichtsvorsitzender: «Gefängnis würde bloss der Familie schaden»

Das Obergericht bestätigte das erstinstanzliche Urteil am Dienstag, 22. August 2017. Dieses sei «ausgewogen und fair». Es sei nicht wirklich verständlich, weshalb es angefochten worden sei, sagte der Gerichtsvorsitzende. Vier Jahre Probezeit, in denen nichts mehr passieren darf, seien ein «richtiges Signal».

Den Beschuldigten ins Gefängnis zu schicken, macht laut Obergericht im vorliegenden Fall keinen Sinn. Dies würde bloss der Familie schaden, die schon genug belastet sei. Damit wäre den Kindern «wohl kein Gefallen» getan.

Kontakt- und Rayonverbot aufgeboben

Das Bezirksgericht habe zu Recht nicht nur die objektive, sondern auch die subjektive Seite angeschaut, sage der Vorsitzende. Der Beschuldigte sei aufgrund seiner problematischen Persönlichkeitszüge «in einer extremen Stresssituation in seiner Entscheidungsfreiheit eingeschränkt» gewesen. Er habe die Kinder nicht verletzen wollen, habe dies allerdings in Kauf genommen.

Die Verfahrenskosten auferlegte das Gericht nicht dem Beschuldigten, der ohnehin in finanziell engen Verhältnissen lebt. Es bestätigte die von der ersten Instanz festgestellte grundsätzliche Genugtuungspflicht und verwies entsprechende Forderungen auf den Zivilweg.

Das Obergericht hob zudem die vom zuständigen Zwangsmasssnahmengericht erlassene Anordnung eines Kontakt- und Rayonverbotes auf. Falls die KESB nichts anderes beschliesst, könnte der Beschuldigte also zu seiner Familie zurückkehren.

(sda)