Zürcher Obergericht

12. April 2018 23:54; Akt: 12.04.2018 23:54 Print

Baby stirbt wegen streng religiöser Erziehung

Wegen brutalen Erziehungsmassnahmen hat das Zürcher Obergericht die Strafe für eine 43-jährige Mutter verschärft. Eines ihrer Kinder starb im Alter von nur zwei Monaten.

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Der Fall wurde vor dem Zürcher Obergericht verhandelt. (Bild: Keystone/Ennio Leanza)

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Das streng religiöse Ehepaar wandte in der Erziehung ihrer kleinen Kinder brutale Methoden an: kalte Duschen, Ohrfeigen und heftige Schläge mit Holzkellen und Teppichklopfer. Ziel war es, die Mädchen zu folgsamen und braven Erdenbürgern zu erziehen, welche die Eltern respektieren - so wie es in der Bibel steht.

Die mittelalterlichen Methoden hatten im Februar 2013 tödliche Folgen. Eines der Mädchen starb unter einem Berg von Decken und Sofakissen an einem Kreislaufstillstand, ausgelöst durch Sauerstoffmangel und Überhitzung. Die Kissen und Decken hätten das Kind ruhigstellen sollen. Das Mädchen wurde nur zwei Monate alt.

Der Vater, der für das «Ruhigstellen» des Babys verantwortlich war, wurde bereits 2016 vom Obergericht wegen eventualvorsätzlicher Tötung zu einer Freiheitsstrafe von 10 Jahren verurteilt.

Mutter: Wollte die Kinder nur in die richtigen Bahnen lenken

Noch offen war hingegen das Obergerichts-Urteil für die Mutter, da zuerst ein neues psychiatrisches Gutachten angefertigt werden sollte. Dieses musste klären, ob die Deutsche überhaupt schuldfähig ist. Das Bezirksgericht hatte sie zu 14 Monaten bedingt verurteilt.

Sie selber forderte einen Freispruch, weil sie die Kinder gemäss eigenen Aussagen nie habe gefährden wollen. Es sei ihr nur darum gegangen, die Mädchen in die richtigen Bahnen zu lenken.

Einen Freispruch erhielt sie jedoch nicht - im Gegenteil. Das Obergericht verschärfte ihre Strafe um 4 Monate auf 18 Monate bedingt, bei einer Probezeit von zwei Jahren. Die Hausfrau wurde wegen eventualvorsätzlicher Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht, mehrfacher eventualvorsätzlicher Körperverletzung durch Unterlassen und wegen Tätlichkeiten verurteilt.

Das Gutachten zeigte, dass die Frau, die früher Drogen konsumierte und danach in einer evangelikalen Gemeinde Halt suchte, zwar eine dependente Persönlichkeitsstörung hat, sich also krankhaft unterordnet und anpasst. Sie sei aber dennoch ohne Einschränkung einsichts- und steuerungsfähig und somit voll schuldfähig.

Kind zum Füttern an Stuhl geklebt

Dass sie das Verhalten ihres Mannes gutgeheissen habe, liege daran, dass sie diese Überzeugung explizit geteilt habe, schreibt das Obergericht in seinem Urteil. Sie habe voll hinter ihrem Ehemann und seinen brutalen Züchtigungsmethoden gestanden. Zudem habe sie die Kinder selber auch geschlagen und damit eine häusliche Atmosphäre der ständigen Verunsicherung und der Furcht geschaffen.

So wurde die ältere Schwester des getöteten Mädchens etwa mit Klebeband an ihrem Hochstuhl festgeklebt. Diese Fixierung zur «effizienten Fütterung» sei eine unbegreifliche elterliche Dominanz und Machtausübung, urteilte das Gericht. Die Taten der Frau würden deshalb weit über Körperverletzungen und Tätlichkeiten hinausgehen. Eine Strafverschärfung erachtete das Gericht darum als angebracht.

Kinder leben jetzt im Kinderheim

Ihr Handeln habe zudem zwei Opfer getroffen, schreibt das Gericht weiter. Neben dem kleinen Mädchen, das unter den Sofakissen starb, litt auch seine ältere Schwester langfristig unter den brutalen Methoden. Im Kinderheim, in dem sie anfänglich untergebracht wurde, hatte sie unter anderem panische Angst davor, zugedeckt zu werden.

Die Schwester und ein drittes Kind der Verurteilten, ein Sohn, leben heute in einem Kinderheim im Kanton Bern. Die Mutter geht ihre Kinder regelmässig besuchen. Neu darf sie das wieder ohne Aufsicht. Das Urteil des Obergerichtes ist rechtskräftig.

(sda)