Bewerbung

13. September 2017 05:45; Akt: 13.09.2017 05:45 Print

Frau kassiert Absage – weil sie kein Mann ist

In der Absage auf eine Bewerbung als Chauffeuse stand, dass nur Männer angestellt werden. Das könnte die betroffene Firma teuer zu stehen kommen.

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«Aufgrund der körperlichen Anforderungen konnten wir für diese Stelle nur Männer berücksichtigen.» Diese Antwort erstaunte Michelle Keist. Sie hatte sich im Mai auf eine Stellenanzeige des Brockenhauses Hiob International für einen Job als Chauffeur beworben und hält nun die Absage in den Händen.

Keist ist körperlich fit und fühlt sich als gelernte Hufschmiedin in Männerdomänen zu Hause. Vor ihrer Bewerbung hat sie auch schon als Chauffeuse gearbeitet. «Ich habe schwere Paletten auf- und abgeladen», so Keist. Sie sei sich bewusst, was als Chauffeuse auf sie zukommt.

«Wir stellen auch Frauen ein»

«Unser Mitarbeiter hat eine alte Vorlage verwendet», entschuldigt sich Geschäftsführer Hervé Dobler. «Das war damals eine ehrliche Antwort.» Früher habe man tatsächlich nur Männer eingestellt, weil Chauffeure einerseits den Lastwagen fahren und andererseits auch als Möbelpacker eingesetzt werden.

Heute sei die Praxis anders. «Wir beschäftigen seit gut einem Jahr zwei Frauen als Chauffeusen», sagt Dobler. Ihre Arbeit werde von allen geschätzt. Das alte Schreiben soll in Zukunft nicht mehr verwendet werden. Dass in den Brockenstuben von Hiob International nun auch Frauen beschäftigt werden, begründet Dobler mit einer veränderten Einstellung. «Frauen sind ebenso gut als Chauffeusen geeignet wie Männer», sagt er.

Bis zu drei Monatslöhne stehen ihr zu

Das geltende Recht gibt der abgelehnten Bewerberin die Möglichkeit, gegen das Unternehmen zu klagen. Je nach Entscheid des Gerichts stehen ihr bis zu drei Monatslöhne zu. «Im vorliegenden Fall handelt es sich um eine unzulässige Diskriminierung», sagt Thomas Geiser, Professor für Arbeitsrecht.

Der Fall sei eindeutig, weil sich die Diskriminierung klar auf das Geschlecht beziehe. Eine individuelle Ablehnung aufgrund der körperlichen Verfassung wäre nicht diskriminierend. «Es ist aussergewöhnlich, dass ein solcher Fall heute noch vorkommt», sagt Geiser.

Keist hat neue Stelle

Mittlerweile hat die 24-Jährige eine Anstellung als Chauffeuse für Stückgüter gefunden. Sie liefert seit Juli Pakete aus. «Die Arbeit ist körperlich anstrengend, aber sie gefällt mir», sagt sie. Sie sei einen Tag mitgefahren und dann vom Arbeitgeber eingestellt worden. Ob sie gegen das Brockenhaus klagen wird, weiss sie noch nicht.

(tam)