Zürcher Obergericht

15. Dezember 2017 15:41; Akt: 15.12.2017 16:05 Print

Kommt Angeklagter frei, weil Leiche gefroren war?

Das Zürcher Obergericht will zuerst mehr Fakten sammeln, bevor es sein Urteil gegen einen 41-jährigen Albaner fällt. Er soll einen Landsmann getötet haben.

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Das Zürcher Obergericht hat am Freitag kein Urteil gefällt. (Bild: Keystone/Walter Bieri)

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Der Mann wurde von der Vorinstanz wegen Mordes zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe und einer Verwahrung verurteilt. Er soll einen albanischen Landsmann regelrecht hingerichtet und die Leiche einen Abhang hinuntergestossen haben. Er bestreitet dies jedoch.

Die Richter des Zürcher Obergerichts wollen vor allem den Todeszeitpunkt genauer abklären und dazu den Gutachter erneut anhören. Der Zeitpunkt der Tat ist nach Ansicht des Gerichtes nicht eindeutig klar, da die Leiche in gefrorenem Zustand gefunden wurde. Eine Spaziergängerin entdeckte den Toten im Januar 2009 in einem Bach bei Bonstetten ZH.

Prozess ohne Urteil beendet

Der Prozess vom Freitag wurde deshalb ohne Urteil beendet. Wann der Entscheid vorliegt, ist unklar. Während des Prozesses beteuerte der Beschuldigte, dass er «ein reines Gewissen» habe. Mit lauter Stimme las er von einem Blatt ab, dass er das Opfer nicht erschossen habe, sondern dass diese Tat unter das Prinzip der Blutrache falle.

Der Mann sei von jemand anderen getötet worden. Er könne leider nicht darüber reden, weil sonst seine eigene Familie geschädigt werde. Aber er müsse freigesprochen werden. Der Staatsanwalt bezeichnete dies als Schutzbehauptung. Dafür gebe es keine Beweise. Tatsächlich dauert das Verfahren bereits neun Jahre und der Kanun, das albanische Prinzip der Blutrache, war bisher kein Thema.

«Er wird weiter töten»

Für den Staatsanwalt ist der Fall klar. Der Beschuldigte ist der Täter und richtete seinen ehemaligen Freund im Auto regelrecht hin. «Das Opfer hat um sein Leben gebettelt.» Danach habe er den Toten aus dem Auto gezerrt und den Abhang hinunter gestossen.

Die damalige Freundin des Beschuldigten musste das Ganze vom Rücksitz aus mitverfolgen. Das Motiv waren 30'000 Euro Schulden aus Drogengeschäften, die das Opfer beim Täter hatte.

Staatsanwaltschaft fordert eine Verwahrung

Der Staatsanwalt fordert neben einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe auch eine Verwahrung, weil der Beschuldigte gemäss Gutachten keine psychische Störung hat und somit auch nicht therapiert werden kann. Er habe die Taten vielmehr wegen seiner Persönlichkeitsstruktur begangen. Kurz: Er ist ein Psychopath. «Er wird weiter töten», zeigte sich der Staatsanwalt überzeugt.

Sein Anwalt versuchte, Zweifel an den Aussagen der damaligen Freundin zu säen. So sei es doch fraglich, ob man von der Mitte einer Auto-Rückbank aus wirklich beobachten könne, wie eine Leiche einen Abhang hinunterfalle und sich überschlage. Zudem gebe es andere Widersprüche und verschiedene Versionen.

Schraubenzieher im Kopf

Der Beschuldigte ist bereits das zweite Mal in ein Tötungsdelikt verwickelt. Er wurde schon 2010, also kurze Zeit nach der Tat in der Schweiz, in Italien rechtskräftig verurteilt. Das Berufungsschwurgericht Bologna verhängte 22 Jahre Freiheitsstrafe, weil er auch dort an einem Mord beteiligt war. Das dortige Opfer, ein Mann in Parma, starb mit einem Schraubenzieher im Kopf.

Sobald ein Schweizer Urteil vorliegt, wird der Mann deshalb wieder nach Italien überführt, wo er den Rest seiner 22 Jahre absitzen muss. Die fast acht Jahre, die er nun schon in Zürcher Gefängnissen verbrachte, werden ihm dabei angerechnet.

Nach seinen restlichen Jahren in Italien wird er, geht es nach dem Staatsanwalt, wieder in die Schweiz gebracht. Hier soll er dann seine lebenslängliche Strafe verbüssen und anschliessend verwahrt werden, ohne Therapie.

(sda)