Verteidiger will Milde

20. November 2012 10:31; Akt: 21.11.2012 11:03 Print

«Was ich gemacht habe, tut mir leid»

33 Monate wegen sexueller Nötigung, Sex mit Minderjährigen, Körperverletzung, 14 davon unbedingt: Millionärssohn Carl Hirschmann kämpft vor dem Zürcher Obergericht für ein milderes Urteil.

Bildstrecke im Grossformat »
Carl Hirschmann ist mit seiner Beschwerde vor dem Bundesgericht abgeblitzt. Die Lausanner Richter bestätigten das Urteil des Zürcher Obergerichts, gegen das sich Hirschmann noch im November 2012 (Bild) zur Wehr gesetzt hatte. Das Zürcher Obergericht sprach am 21. November 2012 eine teilbedingte Freiheitsstrafe von 32 Monaten gegen Hirschmann aus. Das Bundesgericht stützt dieses Urteil. 12 Monate seiner Strafe muss Hirschmann definitiv absitzen. Staatsanwalt Daniel Kloiber hatte eine Strafe von 42 Monaten unbedingt gefordert. Das Medieninteresse vor dem Zürcher Obergericht war gross. Zuerst hatte der Fall das Bezirksgericht Zürich beschäftigt. Dieses verurteilte den Millionenerben am 9. September 2011 wegen mehrfacher sexueller Nötigung, Körperverletzung und Sex mit Minderjährigen zu 33 Monaten Freiheitsstrafe. Doch Hirschmann zog einen Teil der Anklagepunkte des Urteils weiter. Der 31-jährige Carl Hirschmann ist der Sohn von Carl Junior und der Enkel von Carl W. Hirschmann Senior, der vor über 40 Jahren die Firma Jet Aviation gründete. Ende 2008 wurde das Unternehmen der Hirschmanns für 2,45 Milliarden Schweizer Franken vom US-Rüstungskonzern und Flugzeugbauer General Dynamics übernommen. Für Aufmerksamkeit sorgte Hirschmann Junior erstmals 2003 mit der Behauptung, er habe eine Affäre mit Paris Hilton gehabt. 2007 eröffnete Carl Hirschmann im obersten Stock des Bally-Hauses an der Zürcher Bahnhofstrasse den Club Saint Germain. Zu seinen prominenten Party-Bekanntschaften gehören US-Schauspielerin Tara Reid ... ... oder das israelische Model Bar Refaeli. Hirschmanns Club Saint Germain empfing oft internationale Musiker wie Kid Cudi und The Game. 2009 schaffte es der Jetset-Unternehmer mit seiner Kurzbeziehung zu Whitney Toyloy in die Schlagzeilen. Anfang November 2009 wurde er in Zürich festgenommen. Am 2. Dezember 2009 befand ein Basler Strafgericht Carl Hirschmann wegen einer Schlägerei in einem Club der Körperverletzung und der Tätlichkeiten für schuldig. Er hatte den Basler Jungpolitiker Raphael Guldimann spitalreif geschlagen und dessen Freundin als Antwort auf eine Abfuhr eine schallende Ohrfeige verpasst. Hirschmann zog das Urteil weiter. Im Oktober 2010 zog Guldimann aber die Anzeige überraschend zurück, das Verfahren wurde eingestellt. Ob dabei Geld geflossen ist, darüber schweigen beide Parteien. In der Nacht auf den 21. März 2010 prügelte sich Hirschmann in der Lobby des Dolder Grand mit dem Mister Schweiz 2004, Sven Melig. Am 30. März 2010 wird der Clubbesitzer erneut verhaftet - diesmal in seiner Dauersuite im Hotel Dolder Grand: Gegen ihn ging eine Anzeige wegen sexueller Handlungen mit einer Jugendlichen im Schutzalter ein.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Rund ein Jahr nach seiner Verurteilung vor Bezirksgericht kämpft Carl Hirschmann heute vor dem Zürcher Obergericht für ein milderes Urteil im laufenden Prozess gegen ihn (siehe Box). An seiner Seite steht Staranwalt Christoph Hohler. Dieser fordert, sein Mandant sei zu 12, höchstens aber zu 15 Monaten zu verurteilen. Die Strafe sei bedingt auszusprechen.

Sein Plädoyer basiert in erster Linie auf der Darstellung, dass die Aussagen von Martina F.* nicht glaubwürdig seien. Die junge Frau sagte aus, sie sei von Hirschmann auf der Terrasse des Clubs Saint Germain zu Oralsex gezwungen worden.

Glaubwürdigkeit mit Gutachter analysiert

«Ihrem Freund erzählte sie aber, sie sei vergewaltigt worden», sagt Hohler dem Gericht. Zudem habe sie bei der Polizei nie sexuelle Nötigung anzeigen wollen, fügt der Verteidiger an. Auch die Gutachter, die extra für Hirschmann das Aussageverhalten von Martina F. analysiert haben, bescheinigen ihr nicht viel Glaubwürdigkeit. Hohler beantragt darum einen Freispruch von diesen Vorwürfen.

Ursprünglich war Hirschmann im Zusammenhang mit Martina F. auch wegen Körperverletzung angeklagt worden. Diesen Antrag hat die junge Frau aber zurückgezogen.

Gutachter beurteilte nicht fachgerecht

Milder zu werten, so Hohler, sei auch die sexuelle Nötigung von Anna R. Es handle sich in diesem Fall um ein Missverständnis. Hirschmann habe nicht erkannt, dass R. gar nicht mitmachen wollte. Das hänge mit dem ADHS zusammen, aber auch mit dem Erfolg, den er damals bei Frauen hatte.

Wegen seiner ADHS-Störung müsse ihm zudem eine verminderte Schuldfähigkeit zugesprochen werden, so Hohler. Mehrere Gegengutachten hätten bewiesen, dass die Darstellungen von Elmar Habermeyer nicht fachgerecht seien.

«Ich habe viele Fehler gemacht»

Nach seiner Verhaftung habe sich eine Lawine von Medienberichterstattungen über Hirschmann ergossen. Die Artikel seien alle vorverurteilend gewesen, weshalb ihm eine weitere Strafmilderung zu gewähren sei, so Hohler.

In einem Schlusswort sagt Hirschmann, er habe viele Fehler gemacht. Im Rahmen des Verfahrens gegen ihn habe er viel gelernt. «Was ich gemacht habe, tut mir leid und ich möchte mich dafür entschuldigen», sagt er geläutert. Er hoffe, dass das Gericht anerkenne, dass er sich gebessert habe und ein entsprechendes Urteil fälle, fügt er an.

Körpersprache eines Teenie im Schutzalter

Am Mittag war Carl Hirschmann vom Gericht zu den verschiedenen Anklagepunkten befragt worden. Bezüglich der Anklage wegen Sex mit einer Minderjährigen war Hirschmann geständig, behauptete aber, er habe Nicole B.* für 17-jährig gehalten. Der Richter entgegnete, bei der Einvernahme der Geschädigten sei klar geworden, dass Stimme, Ausdrucksweise und Körpersprache denjenigen eines Teenie im Schutzalter entsprächen.

«Nicht im Ernst konnte man da annehmen, dass sie sicher über 16 sei», so der Richter. Hirschmann forderte auch vor Obergericht eine Einstellung dieses Verfahrens; das Bezirksgericht hatte seinem Antrag nicht stattgegeben.

Sie war beim Oralsex «nicht so motiviert»

Auch Anna R.* soll Hirschmann sexuell genötigt haben. Gemäss Anklageschrift zwang er sie auf der Toilette eines Nachtclubs zu Oralsex. Hirschmann ist in diesem Punkt geständig. Vor Gericht sagte der Beschuldigte aber, zunächst nicht wahrgenommen zu haben, dass die junge Frau damit nicht einverstanden war. Sie sei freiwillig mitgegangen.

Der Richter entgegnete: «Es ist ein stieres, hässliches Personalklo. Was hätte die Frau dazu bewegen sollen?» Hirschmann gestand, R. zum Schlucken seines Ejakulats gezwungen zu haben und wahrgenommen zu haben, dass Anna R. dabei «nicht so motiviert» war.

«Aussagepsychologische Gutachten sind das Papier nicht wert»

«Es geht nicht, dass Carl Hirschmann nur teilweise geständig ist», sagte Staatsanwalt Daniel Kloiber am Nachmittag in seinem Plädoyer zum Fall Anna R. Entweder sei er geständig, was man ihm strafmildernd zugute halten könne, oder er sei nur teilweise geständig. Dieses Verhalten wäre nicht strafmildernd.

Im Fall von Martina F. lässt Staatsanwalt Kloiber kein gutes Haar an den Aussagepsychologischen Gutachten. Die Gutachter aus Deutschland widersprächen sich oft diametral. Diese Gutachten seien das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben seien. Er hält fest, dass Martina F.s Kernaussagen sehr glaubhaft seien.

Staatsanwalt fordert 42 Monate

Strafmildernd sei ihm anzurechnen, dass er im Fall von Nicole B. (Sex mit einer Minderjährigen) von sich aus Wiedergutmachung zahlte und im Fall von Anna R. und Sarah N. die Tat oder einen Teil der Tat eingestand. Kloiber fordert darum 42 Monate unbedingt. Vor Bezirksgericht hatte er noch 48 Monate gefordert.

Nach Kloiber hielt die Anwältin von Sarah N. ihr Plädoyer. Sie forderte eine stärkere Gewichtung der Vergehen von Hirschmann gegen ihre Mandantin. Ausserdem soll die Auseinandersetzung zwischen Hirschmann und Sarah N. als schwere Körperverletzung gewertet werden. Hirschmann bestreitet aber, Sarah N. getreten und geschlagen zu haben.

Einschränkungen durch ADHS nur marginal

Den Anfang der Verhandlungen hatte die Diskussion um ein psychiatrisches Gutachten gebildet. Die Verteidigung hatte Gegengutachten in Auftrag gegeben. Dies sollte die Frage klären, ob die ADHS-Erkrankung Hirschmanns zu einer Verminderung der Schuldfähigkeit führe. Der 32-Jährige wollte im Vorfeld der Berufung das Gutachten des forensischen Psychiaters Elmar Habermeyer entkräften. Die anderen Gutachten üben offenbar harsche Kritik an Habermeyer. Der forensische Psychiater hielt heute trotz der Kritik an seiner Einschätzung fest. Die Einschränkungen durch die Krankheit seien nur marginal und führten zu keiner Verminderung der Zurechnungsfähigkeit.

Zugute halten dürfte das Gericht dem Millionenerben, dass er seine Lebensumstände verändert hat und gemäss eigenen Aussagen sich kaum noch in der Party-Szene bewegt. Dazu beitragen dürfte die Tatsache, dass Hirschmann im Oktober Vater geworden ist. Die Kindsmutter und das Kind leben aber nicht bei ihm in London.

Vor die Schranken des Obergerichts trat er in einem klassischen dunkelgrauen Anzug und damit dezenter als bisher. An den Prozess, der unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt wird, kam der Beschuldigte in Begleitung seiner Mutter und seines Bruders.

Das Urteil des Obergerichts wird am Mittwoch frühestens ab 16.30 Uhr erwartet. Das Gericht verkündet, dass es aber deutlich später werden könnte.

*Name geändert

(ann/dwi)

Immobilien

powered by

Immobilien finden

PLZ
Preis bis
Zimmer bis

Nachmieter finden? Jetzt bei homegate.ch inserieren