Wegen Business-Wohnungen

13. November 2012 09:22; Akt: 13.11.2012 11:09 Print

Verwaltung wirft Rentner nach 44 Jahren raus

von Andreas Bättig - Seit fast einem halben Jahrhundert wohnt Charles Tanner in seiner kleinen Wohnung in Zürich-Altstetten. Nun wird sie luxussaniert – der Mieterverband ist empört.

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Charles Tanner geht es schlecht. «Manchmal wache ich mitten in der Nacht auf und denke daran, dass ich hier bald raus muss. Das macht mir Angst.» Seit genau 44 Jahren wohnt der 77-Jährige schon in seiner 3,5-Zimmer-Wohnung in Zürich-Altstetten. Im März hat ihm die Verwaltung mitgeteilt, dass er sich eine neue Bleibe suchen müsse. «Ich hätte nicht gedacht, dass ich in meinem Lebensabend noch auf Wohnungssuche gehen muss. Das beschäftigt mich wahnsinnig», sagt Tanner.

Besonders stossend findet Tanner, dass nur die sieben langjährigen Mieter aus der Wohnung ziehen müssen. Nämlich jene, welche einen tieferen Mietzins zahlen. Tanner selber zahlt für seine 3,5-Zimmer-Wohnung 1300 Franken im Monat. «Die anderen Mieter mit den höheren Mietzinsen haben einen Brief bekommen, dass sie sich keine Sorgen machen müssen. Die müssen nicht raus», sagt Tanner.

Verwaltet wird die Liegenschaft, in der Tanners Wohnung liegt, von der Gidaboll AG. Philipp Kaufmann, Leiter der Verwaltung, bestätigt, dass rund 14 Wohnungen zu Business-Appartements umgebaut werden. Dass nur die langjährigen Mieter mit tiefen Mietzinsen aus dem Haus raus müssen, davon will Kaufmann nichts wissen.

Mieterverband hält Kündigung für skandalös

Schlicht als skandalös bezeichnet Walter Angst vom Mieterinnen- und Mieterverband Zürich das Vorgehen des Vermieters. «So kann es einfach nicht weitergehen», sagt Angst. So genannte Business-Appartements würden in Zürich zurzeit wie Pilze aus dem Boden schiessen. Der Mieterverband schätzt, dass in Zürich mittlerweile 5000 möblierte Wohnungen angeboten werden. «Früher haben Vermieter bei Eigenbedarf-Kündigungen wenigstens darauf geschaut, dass jene Personen das Haus zuerst verlassen müssen, die es sozial am wenigsten hart trifft», sagt Angst. Heute sei die soziale Härte einigen Verwaltungen offenbar schlicht egal.

Zwar sei dies moralisch fragwürdig, solche Renditekündigungen würden von den Gerichten aber nicht als missbräuchlich beurteilt. «Wir werden ernsthaft die Möglichkeit prüfen, den vorliegenden Fall bis ans Bundesgericht weiter zu ziehen», sagt Angst.

Noch bis 2015 Zeit

Laut Angst herrsche momentan mit den ganzen Business-Appartements eine richtige Goldgräber-Stimmung. «Die Vermieter müssen nur ein paar billige Ikea-Möbel kaufen und können dann die Wohnungen als Business-Appartements 1000 bis 1500 Franken teurer vermieten.» Zurzeit würden in der Zürcher Innenstadt ganze Häuser in Business-Appartements umgewandelt.

Wie es nun weitergeht, weiss Charles Tanner noch nicht genau. Ein Termin bei der Schlichtungsstelle habe zwar einen Aufschub gebracht, raus muss Tanner aber trotzdem. Er hat nun bis zum Jahr 2015 Zeit, eine neue Wohnung zu finden. «Ich habe mir jetzt mal ein Online-Such-Abo erstellt», so Tanner.

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Ausgewählte Leser-Kommentare

Jeder weiss, dass Arbeits- und Mietverträge kündbar sind. Die Leute sind selber Schuld, wenn sie jahrzehntelang nichts machen und sich einfach blind darauf verlassen, dass diese Verträge bis in alle Ewigkeit gelten. Er hätte sich ja schon vor 10 Jahren denken können, dass das uralte Haus wohl irgendwann mal sarniert werden wird. Dann hätte er mehr als genug Zeit gehabt was Neues zu finden. Jetzt hat er immer noch mind. 2 Jahre Zeit. Das dürfte ja wohl reichen... – Thomas Meier

Ich finde es überraschend wie teilnahmslos die Kommentare hier sind! Scheinbar ist unsere Gesellschaft tatsächlich schon so abgestumpft und nur noch gewinnorientiert, dass man das absolut in Ordnung findet! Ich meine der gute Mann ist 77 Jahre alt und muss jetzt nochmals umziehen! Er hat mehr als die Hälfte seines Lebens in diesem Quartier verbracht und wird jetzt heraus gerissen!! Das ist doch nicht in Ordnung!! Vielleicht verstehe ich es auch nur, weil wir in unserem Haus (8 Parteien) nächstes Jahr auch alle raus müssen, damit sie die Wohnungen anschliessend 900.- teurer vermieten können!! – Mieter

Die neusten Leser-Kommentare

  • Peter (kinsky) Kälin am 14.11.2012 08:48 Report Diesen Beitrag melden

    halt nur ein Bürger

    es mag sein das sich Politiker lauthals für einen gekündigten Politiker stark machen,aber für solche Kündigungen interessieren sich die wenigsten,es geht nur um den Bürger,zudem ist es leider legal.Dabei wird es auch bleiben,wenn die Politiker nur dort Worte investieren wo Sie sich profilieren können.Denn Bürger ob alt ode jung brauchts nur alle 4 Jahre !

  • Third Life am 13.11.2012 16:21 Report Diesen Beitrag melden

    Alle die hier hetzen gegen Ausländer

    sollten sich mal ernsthaft fragen wer denn an der ganzen Geschichte verdient. Und das sind nämlich Schweizer Immobilienfirmen und Banken ! Es ist immer leicht und billig alles auf "die bösen Anderen" zu schieben.

  • ORCH_IDEE am 13.11.2012 14:52 Report Diesen Beitrag melden

    geld regiert-wachstumsgrundlage!

    naja wenn wunderts'? der staat verdient an teurem wohnraum mit und ist darum logischerweise nicht an billig wohnraum interessiert. geld befiehlt- bis unter die bundeskuppel. oder dort erst recht? geld gegen gewissen, eine wertefrage! doch man kann ein gewissen so umpolen, dass selbst ein mörder zum heiligen wird. mit dem christentum stirbt die nächstenliebe- langsam aber sicher. dummerweise haben einige unter diesem titel andere total ausgenommen. sich selbst sind viele am nächsten!doch so war/ ist das nicht gemeint............

  • Daniel G am 13.11.2012 14:21 Report Diesen Beitrag melden

    Lieber Velo Wege als Wohnraum

    Es ist schon lustig in einer linken Stadt wie Zürich, es müssen Velo Wege gebaut werden aber Wohnraum für Rentner und Personen mit schwachen Einkommen ist kein Thema. Da frage ich mich was an eine linken Regierung sozial ist.

  • patman4107 am 13.11.2012 14:03 Report Diesen Beitrag melden

    Mietrecht

    Ich glaube, dass das geltende Mietrecht die Mieter genügend schützt. Herr Tanner kann die Kündigung anfechten und 2 Mal eine Erstreckung von insgesamt maximal 4 Jahren begehren. Es steht nun mal jedem Vermieter zu, seine Immobilie so zu nutzen, wie er das möchte. Härtefälle gibt es immer wieder. Schlimm für die Betroffenen.

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