Universität Zürich

02. November 2016 21:01; Akt: 19.09.2017 22:19 Print

Zahnmediziner verärgert über Praktika ohne Lohn

von Jennifer Furer - Praktika sind für Medizinstudenten an der Uni Zürich Pflicht. Doch während Humanmediziner dafür bezahlt werden, müssen Zahnmediziner gratis schuften.

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P. U.* studiert an der Universität Zürich Zahnmedizin — dafür muss sie tief ins Portemonnaie greifen: Sie muss nicht nur Semestergebühren von 769 Franken bezahlen, sondern es fallen zusätzliche Kosten für das Ausbildungsmaterial an. So habe sie für eine Box mit Zahnmedizininstrumenten rund 3500 Franken und für ein Phantom-Arbeitsmodell 1000 Franken bezahlen müssen sowie ein Depot von 1000 Franken hinterlegen für den Fall, dass sie etwas von der Uni kaputt machen sollte.

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Nicht nur das: Für die Pflichtpraktika während des dritten, vierten und fünften Studienjahres werde sie nicht entlohnt. So ergehe es jedem Zahnmediziner, der an der Uni Zürich studiere. Dies, obwohl der Patient die vollen Kosten für seine Behandlung bezahlen würde.

Drei Wochen pro Jahr

Die Praktika müsse sie jeweils in den Semesterferien für drei Wochen pro Jahr absolvieren. Die Stelle in einer Zahnarztpraxis werde von der Uni ausgesucht. Entsprechend würden die Studenten in dieser Zeit als Praxisassistenten funktionieren.

Bei den Humanmedizinern sehe das anders aus: Im fünften Studienjahr müssten diese ebenfalls ein Praktikum absolvieren, etwa in einer Klinik, einer Praxis oder einem Spital auf einem Gebiet ihrer Wahl — allerdings für ein Jahr. Dabei müssten sie sich die Stelle selber suchen und sich auch bewerben. Dafür erhalten sie einen Praktikumslohn – im Gegensatz zu den Zahnmedizinstudenten.

«Ich fühle mich benachteiligt»

«Ich finde es einfach unfair. Entweder müssen beide für die Praktika bezahlt werden oder niemand», sagt U. Kurios findet sie zudem, dass Zahnmedizinstudenten so viel für ihre Ausbildung bezahlen und sogar Geld aufwenden müssen, um überhaupt einen Patienten behandeln zu dürfen.

Zudem sagt U.: «Auch Lehrlinge werden in ihrer Ausbildung entlohnt, obwohl diese ebenfalls noch nicht als vollwertige Arbeitskraft gelten.»

«Nicht nachvollziehbar»

Thomas Geiser, Professor für Privat- und Handelsrecht, sagt dazu: «Lehrlinge haben eine normierte Ausbildung und einen anerkannten Abschluss durch die Lehre.» Studenten hingegen hätten durch das Absolvieren von Praktika keinen anerkannten Abschluss, dies sei nur ein Teil der Ausbildung.

Zu den unentlohnten Praktika von Zahnmedizinern meint er: «Das ist arbeitsrechtlich korrekt. Es gibt keinen Minimallohn in der Schweiz für Praktika.» Das müsse aber zwingend in einem Vertrag zwischen Student und Arbeitgeber vereinbart sein. Dennoch findet Geiser, dass es «nicht nachzuvollziehen ist», warum Humanmedizinstudenten entlohnt werden, Zahnmedizinstudenten hingegen nicht.

Vergütung mit ECTS-Punkten statt Geld

Die Universität Zürich erklärt das auf Anfrage wie folgt: «Es handelt sich um zwei unterschiedliche Ausbildungen, die nicht verglichen werden können.» Zudem würden die Praktika im Bereich der Humanmedizin in Spitälern absolviert, die sich die Studierenden selber suchen müssten. Diese Einsätze würden ausserhalb der Universität absolviert.

In den Spitälern würden die Studierenden als Hilfskräfte eingesetzt und Aufgaben während des normalen Spitalbetriebs erledigen. Deshalb seien sie beim Spital angestellt und entlohnt.

Die Studierenden der Zahnmedizin hingegen würden im Rahmen ihrer Ausbildung an der Universität Zürich auch Patienten behandeln. Es seien keine Praktika mit eigentlichen Arbeitseinsätzen, sondern praktische Übungen im Rahmen der Ausbildung. Die Behandlungen finden innerhalb eines Kurses statt. Diese würden mit ECTS-Punkten vergütet.

*Name der Redaktion bekannt

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • K. M. am 02.11.2016 21:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Den Assistenten geht es nicht besser

    Auch die Assistenten, welche die Zahnmedizinstudenten in ihrer Ausbildung betreuen, werden von der Uni ZH zwar 100% angestellt, aber nur 80% entlöhnt!!

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  • K.ritiker am 02.11.2016 21:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Moderne Sklaverei

    Mir scheint es, als hätten viele Politiker Tomaten auf den Augen. Wann wird das Phänomen Praktikum endlich arbeitsrechtlich geregelt? Anscheinend haben viele Interesse an dieser Ausbeutung, da sonst die Jugendarbeitslosigkeit plötzlich europäische Züge annimmt.

  • Dr. B am 02.11.2016 22:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fordern?

    Es ist seltsam, welche Forderungen die Dame an die Universität stellt. Man sollte nicht vergessen, dass hier eine komplette Infrastruktur bereit gestellt wird, um ihr eine gute Ausbildung zu ermöglichen. In diesem Stadium ihrer Ausbildung ist sie keine Entlastung für den täglichen Betrieb. Im Gegenteil sind unter Anderem fertig ausgebildete Zahnärzte als Assistenten dafür eingestellt, dass sie eine gute Ausbildung erfährt. Genauso sehe ich in 3 Wochen Praktikum in einer freien Praxis keine Entlastung für den Inhaber. Dies dürfte bei einem 1jhrg. Vertrag für einen Humanmediziner anders sein.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Absolvent ZZM Uni Zürich am 04.11.2016 21:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Seid zufrieden!

    Vor einigen Wochen beklagten sich die Vetstudis über minimalst bezahlte Nachtschichten. Das Gejammer der Zahnmedizinstudenten steht in keinem Verhältnis!

  • Dr. med. dent. am 04.11.2016 20:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Weniger jammern und mehr tun hilft

    Hör auf zu weinen! Dein Studium kostet den Staat über eine halbe Million Franken! Du bist mit Abstand im teuersten Studiengang. Die von dir genannten Materialien sind deine und kannst du auch nach Abschluss verwenden. Auch in den Assistenzjahren kannst du nicht gleich jammern, wenn dir etwas nicht passt. Die Praktikas dienen zur praktischen Vertiefung/Übung und sind nicht als Nebenjob anzusehen. Ich empfehle dir, dich für dein Studium einzusetzen und somit der staatlichen Leistung Rechnung zu tragen.

  • Mark am 03.11.2016 22:03 Report Diesen Beitrag melden

    Geschenktes Studium, trotzdem jammern

    Ein korrekter Lohn für ein Praktikum ist sicher OK. Ich wäre jedoch dafür, dass die angehenden Zahnmediziner und Humanmediziner die tatsächlichen Ausbildungskosten tragen würden. 60'000 Franken pro Semester wären das.

  • Assistenzarzt am 03.11.2016 11:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Keine Benachteiligung. Im Gegenteil.

    Ich habe Humanmedizin an der Uni Zürich studiert, im Praktikum im 5. Jahr gibt es nur einen Lohn für Anstellungen im Inland. Auslandspraktika bspw. in Amerika muss für die Praktika bezahlt werden, weshalb sich einige Studenten diese Praktika nicht leisten können. Im Inland erhält man dann auch nur zwischen 750 und 1000 Franken pro Monat, 350 gehen davon noch für das Piketzimmer weg. Das für eine 50 std. Woche mit Nachtdiensten und Piket. Macht einen Std. lohn von nicht mal 4 Franken, also kein Grund einversüchtig zu sein. Ausserdem ist das eine Jahr das die Humanmediziner mehr studieren müssen uder Fehlende Lohn in diesem Jahr um ein vielfaches Teurer. Und zum Abschluss der Ausbildung verdient man als Zahnmediziner mehrere Tausend mehr im Monat für weniger Std. und ohne Nacht und Piketdienst.

  • humani am 03.11.2016 10:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    humanmedizin

    wir werden während der normalen praktika, jeden nachmittag! (morgens Vorlesung, nachmittags praktika) auch nicht entlöhnt. für die Zeit im Wahlstudienjahr (5.Jahr) ist die Bezahlung für viele Studenten wichtig, da vermehrt Kosten für Reisen und Zimmer im Spital anfallen. Das ist bei den Zahnmedizinstudenten nicht der fall! Wegen des Wahlstudiejahrs dauert unser Studium auch 1 Jahr länger., somit verdienen wir auch erst 1 Jahr später einen "richtigen"Lohn. das Wahlstudienjahr ist kein Praktikum.