Marco Streller

05. Dezember 2017 09:08; Akt: 05.12.2017 09:08 Print

«Wir sind wie die Gallier in Asterix und Obelix»

von E. Tedesco - Marco Streller sitzt am späten Morgen in einem Sitzungszimmer des St.-Jakob-Turms, als der Pöstler aufkreuzt. Mit einem grossen Karton voller Autogrammwünsche.

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Marco Streller, sind diese Autogrammanfragen im Karton alle für Sie?
Marco Streller: Nein, meine Karten sind im Büro – und nicht mehr so begehrt wie früher. Wir haben jedoch einige Spieler, die sehr begehrt sind. Auf was wollen Sie hinaus mit Ihrer Frage?

Wie hat sich Ihr Image verändert, seit Sie Sportchef des FC Basel sind?
Mittlerweile ist mein Standing wieder sehr gut. Ich sagte ja von Beginn an, dass die Leute bei mir ruhig skeptisch sein dürfen oder sollen. Ich war immer überzeugt, dass wir eine gute Rolle spielen werden. Dafür brauchte es einfach etwas Zeit; Zeit, die einem Club wie dem FCB mit den vielen Erfolgen kaum gewährt wurde. Trotzdem merke ich, dass die Unruhe rund um den Verein, die Anfang Saison herrschte, mittlerweile verschwunden ist. Es ist Vertrauen da. Nun stehen wir im Cup-Halbfinal, haben Manchester geschlagen, überwintern europäisch und haben lange nicht mehr verloren in der Liga.

Sie betonen, dass Ihr Image wieder sehr gut sei. Hatte Ihr Ruf zwischendurch gelitten?
Nein, aber man muss den Spieler Marco Streller und den Sportdirektor Marco Streller trennen. Als Spieler hatte ich meine Verdienste, sowohl im Erfolg als auch im Misserfolg darf man dies nicht überbewerten. Meine Liebe zum FCB darf man bewerten, die hat sich nicht verändert. Aber ein guter Ex-Spieler macht aus mir keinen guten Sportdirektor, und einen Titel habe ich noch nicht gewonnen. Hätte ich in meiner neuen Rolle umgekehrt keinen Erfolg, wäre ich ja auch kein schlechter Spieler gewesen. Aber in einer neuen Aufgabe muss man sich immer zuerst beweisen, den Respekt erarbeiten. Um ein guter Sportdirektor zu sein, muss man auch mal unten durch.

Hatten Sie Zweifel?
Nein, aber es gab schon Leute, die mich Anfang Jahr fragten, ob ich spinne. «Du kannst nur verlieren», gaben sie mir zu verstehen. Ich hätte mich zurückziehen können und einfach darauf warten, bis der Nächste vielleicht Misserfolg hat. Dazu noch aus dem Hinterhalt schiessen. Aber das ist nicht meine Art. Bei mir geht es um das Wohl des FCB.

Sportlich ist das unbestritten. Aber was läuft genau hinter den Kulissen – was darf man von einem innovativen Präsidenten wie Bernhard Burgener erwarten?
Ich bin mit dem Ressort Sport genug ausgelastet. Was ich sagen kann: Eine neue Achse, wie sie einst Beni Huggel, Alex Frei und ich bildeten, hätten wir gern. Steht ein starkes Gerüst, können wir auch die Jungen forcieren. In diesem Zusammenhang möchte ich Michael Lang erwähnen. Seine Entwicklung ist phänomenal, doch er musste seine neue Rolle als Vize-Captain zuerst finden. Momentan könnte er wohl auf den Boden pinkeln und es würde ein Blumenstrauss wachsen (lacht).

Die alte Achse Huggel-Streller-Frei funktionierte gut, aber die alten Zeiten kann man nicht kopieren. Und sie kostet Geld …
Der FCB lebt von Transfer-Erlösen und von CL-Einnahmen. Um Erfolg zu haben, müssen wir zwischendurch investieren, doch das ist mit Risiko verbunden. Dass wir im Sommer 2017 praktisch keinen Spieler teuer verkaufen konnten, hing damit zusammen, dass wir in der CL-Gruppenphase nur 2 Punkte geholt hatten. Das ist Fakt. Bei diesem tollen Heimsieg gegen Benfica hat sich der Marktwert des Kaders um 30 Millionen Franken gesteigert. Und mit dem 1:0 gegen Man United gleich noch einmal. Das heisst, dass unsere Spieler wieder Begehrlichkeiten wecken, dennoch dürfen wir die Altersstruktur in der Mannschaft nicht auf den Kopf stellen. Wir sind und bleiben in der Schweiz eine Ausbildungs-Liga, das dürfen wir nie vergessen.

Wie erklären Sie sich die aktuelle, grandiose Champions-League-Kampagne?
Mit dem 5:0 gegen Benfica hätte selbst ich als grösster Optimist nicht gerechnet. Ich wurde kritisiert, als ich im August sagte, dass wir in die Achtelfinals einziehen wollen. Und ich habe schon früher meistens mein Wort gehalten. Nun müssen wir den letzten Schritt noch machen, der wird schwer genug. Aber dass wir alle Gegner schon einmal geschlagen haben, ist wirklich unglaublich.

Worauf führen Sie das zurück?
Weil wir im Angriff massiv an Geschwindigkeit gewonnen haben. Phasenweise haben wir den Umschaltfussball fast in Perfektion gespielt. Mühe hatten wir gegen Gegner, die massiert in der Defensive standen. Der Trainerstaff um Raphael Wicky und Massimo Lombardo suchte dafür intensiv nach Lösungen, und mittlerweile sind wir auch in diesem Bereich viel weiter. In solchen Spielen gegen defensive Mannschaften fehlte uns der zurückgetretene Captain Matias Delgado. Deshalb ist es wahrscheinlich, dass wir in der Winterpause im offensiven Mittelfeld transfertechnisch noch etwas unternehmen.

Aber das Delgado-Projekt gibt es nicht mehr. Die Spielmacher sterben aus.
Aber es gibt immer noch Spieler, die den letzten Pass spielen können. Und die in einer 4-2-3-1-Grundformation jede Position in der Offensive besetzen können.

Könnte dies Fabian Frei sein?
Das könnte sein. Ihn zu integrieren wäre vom Einfachsten, was es gibt.

Wie gross ist die Enttäuschung, wenn der FCB doch noch in der Europa League überwintert?
Aber jetzt komme wieder ich und sage: Wir wollen in der Champions League überwintern! Schaffen wir das nicht, wäre das ganz klar eine Enttäuschung im ersten Moment. Danach müssten wir uns neue Ziele setzen. Schaffen wir den Sprung in die Achtelfinals, würden wir dann wohl mit 95-prozentiger Sicherheit ausscheiden. Aber wer weiss – die K.-o.-Phase in der Champions League ist enorm lukrativ, machen wir uns nichts vor.

Der FCB kassiert sieben Millionen Franken extra von der Uefa …
Mhmm.

Würde ein grosser Betrag in Transfers reinvestiert?
Wenn wir etwas machen, dann im Hinblick auf die Meisterschaft. Wir wollen den Titel verteidigen. Und ich bin überzeugt, dass wir auch dieses Ziel noch erreichen. Möglich ist auch, dass uns der eine oder andere Spieler verlässt.

Die üblichen Verdächtigen – allen voran Manuel Akanji?
Er ist eine ganz heisse Aktie auf dem Transfermarkt. Wir werden ihn wohl nicht über den Sommer 2018 hinaus beim FCB halten können. Er spielt überragend.

Das Schaufenster Champions League fällt in Zukunft vielleicht weg. Machen Sie sich Gedanken, wie man weiterhin an Millionen-Einnahmen kommt?
Natürlich, das müssen wir. Wir haben gewisse Vorgaben. Wenn uns Einnahmen aus dem Transfergeschäft und der Champions League wegbrechen, schreiben wir rote Zahlen. Gut wäre, wenn wir sagen könnten, dass wir die Königsklasse nur noch jedes zweite oder dritte Jahr brauchen, um Gewinn zu verbuchen. Oder anders gesagt: Im Prinzip sollten wir in jeder Saison die Europa League fix budgetieren. Die ist aufgewertet worden – und interessant. Aber der Mensch strebt immer nach dem Höchsten.

Welches ist bislang Ihre wichtigste Erkenntnis aus dieser internationalen Kampagne?
Ich bin kürzlich gefragt worden, welchen Sieg gegen Manchester United ich höher gewichte – das 2:1 von 2011 oder das 1:0. Allein diese Frage finde ich eigentlich grossartig. Dass ich mich damit beschäftigen muss! Mittlerweile haben wir in Basel etwa fünfzehn «Nights to remember» gehabt. Obwohl die finanzielle Schere im Weltfussball immer weiter aufgeht, haben wir weiterhin die Fähigkeit, die Grossen zu schlagen – das ist grossartig.

Wie bewegen Sie sich persönlich in der Welt der Champions League?
Als Spieler auf dem Rasen zu stehen und diese Hymne zu hören, ist nicht zu toppen – selbst wenn ich nun oben auf der Tribüne neben dem Präsidenten von Manchester United sitze. In der Königsklasse ist alles bis ins letzte Detail geplant, das nimmt dem Fussball etwas die Seele. Auch deshalb ist es so erfrischend, wenn der Kleine den Grossen bezwingt. Unseren Sieg haben zwischen 50 und 100 Millionen Menschen verfolgt, das muss man sich mal vorstellen! Und wir bekommen Reaktionen aus der ganzen Welt von Leuten, die uns schreiben: «Basel again!». Wir sind wie die Gallier in Asterix und Obelix. Das ist schon cool.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Tell am 05.12.2017 10:00 Report Diesen Beitrag melden

    offen, ehrlich und sympatisch...

    gutes Interview... habe ich gerne gelesen und mich gefreut! ...mit dieser Einstellung und Herangehensweise kann wirklich Grosses entstehen... auf bescheidenem schweizer Niveau... ;) super - Pflichtlektüre für alle RSL-Club-Verantwortlichen! und für heute Abend viiiiel Glück FC Basel! Auf in die Achtelfinals! Egal ob als Gruppen-Erster oder Zweiter! ;) ...Hopp FCB ! ;) i drugg dr beidi Duume ;)

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  • Glaibasel am 05.12.2017 09:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Super FCB

    viel glück FC BASEL,macht den Traum heute abend perfekt:-)wer hätte das noch vor wenigen Wochen für möglich gehalten? Viel spass Berner und Zürcher beim CL Duft schnuppern

  • YB-Fan am 05.12.2017 12:55 Report Diesen Beitrag melden

    Das sollte...

    Machbar sein. Viel glück FCB. Holt die entscheidenden Punkte, egal obs einen oder 3 braucht, für die Achtelfinals. Aber nicht mit einer Niederlage weiter kommen, das habt ihr ja vom Fussballsachverstand-Schweiz gelernt in der WM Quali; Weil das ist dann unverdient und ihr gehört ausgeschlossen. Ich drücke dem FCB auf jeden fall die Daumen und bin wieder vor dem TV dabei. ;)

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Der Beste Mann der Welt am 06.12.2017 20:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ich bin

    der beste mann der welt. haben sie fragen?

  • marko 32 am 05.12.2017 21:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Super

    Super

  • Kuno Blaser am 05.12.2017 19:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    FCB macht vieles richtig!

    Das Interview vermittelt einen guten Einblick in das Innenleben des FCB. Fazit: Der FC Basel ist bodenständig, macht vieles richtig und wenig falsch! Entsprechend fallen die Resultate aus, nämlich überragend für Schweizer Verhältnisse!

  • Reto.S am 05.12.2017 17:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    PSG wartet schon

    der Höhenflug wird gegen PSG kläglich zu Ende gehen dann ist sogar das 7:0 in München in Gefahr eine Packung für Basel 2x

    • Tell am 05.12.2017 18:46 Report Diesen Beitrag melden

      ... schön, dass du so überzeugt bist...

      dass Basel heute den Sprung in die KO-Phase meistert... ;) ...PS: kein Basler glaubt ernsthaft daran die Champignions-League zu gewinnen... ;) und wenns so rauskommt wie du prophezeist... "soo wat"? "hu kärs"? ...freuen wir uns alle solange der Flug anhält... ;) freue mich fieberst du mit deinen Emotionen mit... ;) Hopp FCB !!! ;)

    • Tell am 05.12.2017 22:52 Report Diesen Beitrag melden

      du hattest recht Reto.S... !

      der FC Basel ist eine der besten 16 Mannschaften in Europa... ;) Yessss... ;)

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  • Pedro Miguel Gomes am 05.12.2017 15:23 Report Diesen Beitrag melden

    Fooooorca

    Hopp Benfica macht die Bisler nieder und uns stolz in Portugal. Die können nichts!! Wir gewinnen locker wenn wir nur halbwegs unser Spiel spielen, dann geben wir diesen Flaschen lockerleicht 6 Stück! Revanche, yeah!! Wir freuen uns auf einen überzeugenden Sieg gegen diese Nobodies, lasst sie leiden.

    • Luis Fischu am 05.12.2017 15:59 Report Diesen Beitrag melden

      Ein Fussballkenner par excellence!

      Dieser Kommentar ist an Scharfsinnigkeit und Eloquenz kaum zu überbieten. Bravo! Ich bin zwar kein Fussball-Sachverständiger aber soweit ich weiss, hat Basel den einen oder anderen Punkt mehr auf dem Konto als die Fussballgötter aus Portugal?

    • Felipe Carvalho am 05.12.2017 16:03 Report Diesen Beitrag melden

      @Pedro Miguel Gomes

      Macht sie nieder?? Das gefällt mir irgendwie, die 6 Stk. auch. Guter Junge.-))))

    • träum weiter am 05.12.2017 16:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Pedro Miguel Gomes

      Ja ihr habt ja auch schon soooo viel erreicht in der Gruppe.

    • Max Gross am 05.12.2017 16:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Pedro Miguel Gomes

      Diese Nobodies überwintern europäisch und Benfica scheidet mit null Punkten aus. Ein restlicher Kommentar erübrigt sich.

    • marko 32 am 05.12.2017 21:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Pedro Miguel Gomes

      Super

    • GMP am 05.12.2017 22:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Pedro Miguel Gomes

      Und schon im Bett? Diese Portugiesen würden nicht mal gegen das Elsässische Bisel gewinnen geschweige denn gegen den FCB.

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