«Schande von Zürich»

18. Mai 2012 12:36; Akt: 18.05.2012 17:07 Print

Zwei Jahre bedingt für Petardenwerfer

von Attila Szenogrady - Heute war es so weit: Der 23-jährige Petardenwerfer vom Zürcher Fussball-Derby stand vor dem Bezirksgericht. Dieses hat ihn zu einer bedingten Haftstrafe von zwei Jahren verurteilt.

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Mit dem Wurf einer 2000 Grad heissen Fackel in den GC-Sektor hatte ein militanter FCZ-Fan den erstmaligen Abbruch eines Derbys zwischen GC und dem FCZ verursacht. Am Freitag wurde der in der Sache geständige Täter wegen Gefährdung des Lebens sowie Nebendelikten zu einer gerade noch bedingten Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt.

Der heute 24-jährige Beschuldigte aus Zürich-Albisrieden hinterliess vor Gericht alles andere als den Eindruck eines gewaltbereiten Hooligans. Der Briefträger und bekennende FCZ-Fan zeigte sich vielmehr zerknirscht, wortkarg und kleinlaut. Er habe wegen des Vorfalls ein dreijähriges Stadion-Verbot erhalten, wusste er zu berichten und blickte reumütig auf den 2. Oktober 2011 zurück.

Die Nerven verloren

Damals fand das Derby zwischen GC und FCZ im Zürcher Letzigrund-Stadion statt. Mit dabei war auch der Angeklagte, der sich in der Südkurve eine Handfackel geschnappt hatte. Als in der 70. Minute einige GC-Fans mehrere FCZ-Embleme verbrannten, rastete der Beschuldigte aus. «Ich habe die Nerven verloren», erinnerte er sich vor Gericht. Fest steht, dass er sich vermummte und mit einem Komplizen in Richtung GC-Ecke rannte.

Dort warfen die beiden Männer zwei der 2000 Grad heissen Fackeln ins Publikum. Ein Zuschauer wurde an der Schulter getroffen und leicht verletzt. Allerdings hatten die Feuerkörper viel Unruhe ausgelöst. Ein Teil der GC-Fans floh aus dem Stadion. Andere prügelten sich mit FCZ-Fans herum. Zu denen auch der Beschuldigte gehörte. Er schlug einem Geschädigten von hinten mehrfach gegen den Hinterkopf.

Als der Schiedsrichter das Spiel abbrach, war der Skandal um die «Schande von Zürich» perfekt.

Wirkung der Fackel verharmlost

Vor den Schranken versuchte der Täter den Fackelwurf zu bagatellisieren. So habe er nicht bewusst in die Menschenmenge geschossen, sagte er. Zudem haber er sich bei der Prügelei bloss gewehrt. «Sie verharmlosen für mich zu stark die Wirkung der Fackel», lastete ihm der Richter Ferdinand Hürlimann an.

Staatsanwalt Edwin Lüscher verlangte wegen versuchter schwerer Körperverletzung und weiteren Delikten eine teilbedingte Freiheitsstrafe von zwei Jahren. Ein Jahr sollte der FCZ-Fan absitzen. Es wären schwerste Verletzungen möglich gewesen, zeigte sich Lüscher überzeugt. Nicht nur wegen der Fackel, sondern auch wegen einer Massenpanik, der das Publikum nur knapp entgangen sei.

Schutzengel hätten an jenem Abend Überstunden geflogen, sagte Lüscher. Er sprach auch von einem nichtigen Anlass. Es sei nicht nachvollziehbar, dass der Beschuldigte wegen eines angezündeten Stoff-Fetzens aus der Bahn geraten sei. Er habe sich gänzlich von der Realität verabschiedet.

Kritik an Fan-Kultur

Lüscher kritisierte auch die fanatische Fan-Kultur im Schweizer Fussball. Bei einem Fussball-Club handle es sich eigentlich bloss um eine Aktiengesellschaft, dessen treuste Anhänger sich aber bis zur Selbstaufgabe opferten. Man stelle sich vor, dass Migros- und Coop-Kunden aufeinander losgehen würden. Bloss wegen einer anderen Einkaufstasche.

Verteidigung verlangte bedingte Geldstrafe

Der Verteidiger verlangte in vielen Punkten Freisprüche und setzte sich für eine bedingte Geldstrafe von 90 Tagessätzen ein. Der Verteidiger sah einzig eine versuchte einfache Körperverletzung (Fackelwurf), Tätlichkeiten (Prügelei mit GC-Fan) sowie Widerhandlungen gegen das Sprengstoffgesetz (Abbrennen von Fackeln) als erwiesen an.

Der Fackelwurf sei nicht geeignet gewesen, lebensgefährliche Verletzungen anzurichten, plädierte er. Der getroffene Zuschauer habe an der Schulter lediglich eine leichte Rötung erlitten und sei mit einem Eisbeutel behandelt worden. Zudem sei sein Klient in den Medien an den Pranger gestellt worden. Er habe beinahe seine Arbeitsstelle verloren. Zudem verwies der Anwalt auf die jüngsten Diskussionen um die mögliche Legalisierung von Pyros in den Stadien.

Skrupellos und rücksichtslos

Das Gericht ging von einer skrupellosen und rücksichtslosen Tat des Beschuldigten aus. Es verurteilte ihn wegen Gefährdung des Lebens, versuchter einfacher Körperverletzung, Widerhandlung gegen das Sprengstoffgesetz sowie Verstoss gegen das Vermummungsverbot zu einer gerade noch bedingten Freiheitsstrafe von zwei Jahren.

Die Probezeit wurde auf drei Jahre verlängert. Zum Schluss wurde klar: Das Geständnis in der Sache sowie die bisherige Vorstrafenlosigkeit hatten den Ersttäter vor einem erneuten Gang ins Gefängnis bewahrt. So hatte er bereits 22 Tage in Untersuchungshaft verbüsst.

Das Gericht führte aus, dass der Beschuldigte um die Gefährlichkeit der Fackel gewusst und sie trotzdem geworfen habe. Die Richter stuften die heisse Fackel, welche über 60 Sekunden lang brenne, als lebensgefährlich ein. Zu den aktuellen Debatten zu den Pyros wollte sich das Gericht nicht äussern.

Jedenfalls sei es an und für sich bereits gefährlich, sagte die Gerichtsvorsitzende, und ebenso verboten, wie sich im Stadion zu vermummen. Da der Letzigrund der Stadt Zürich gehöre, gelte es als öffentlicher Grund. Der Verteidiger hatte vergeblich geltend gemacht, dass das Stadion aufgrund der Mietverhältnisse als privater Bereich gelte.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Stopp-it am 18.05.2012 17:53 Report Diesen Beitrag melden

    Behörden leben von Hools u Pyrowerfern

    Das Urteil ist das klare Zeichen, dass das Polit- und Behördensystem in der CH sowohl die "Hooligans" und die "Pyro-Fakelwerfer" braucht! Es gibt viel Arbeit für alle involvierten Kreise und die Vorkommnisse kreieren einen beachtlichen "Mehrwert" an intellektueller Leistung - eben bis zum Gerichtsurteil. Die Lohn- und Honorarsumme zwischen Pol-Bereitschaft, dann Verhaftung/Anklage bis Prozessende ist der Gradmesser je Hools oder Pyro-Boy.

  • J.Zimmermann am 18.05.2012 17:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wie lange noch?

    Der gesunde Menschenverstand ist nicht mit unseren Gesetze im einklang.Ich frage mich ,ob man Jahrelang studiert um zu verlernen was recht und unrecht ist.Die Realität zeigt ,dass unsere Juristen mit Ihren Gesetze nicht annähernd Erfolg erzielen.Wie lange geht es noch bis Sie das kapieren??

  • Dein Bareirro am 18.05.2012 17:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gut so!

    Das finde ich gut den er hätte mich fast getroffen.. Jedoch hätte ich mit mehr als 2 jahre gewünscht!

  • Hans Meiser am 18.05.2012 17:22 Report Diesen Beitrag melden

    Skandal? Nö!

    Der Richter hat entschieden. Findet euch damit ab. Ich will genau diejenigen hier drin hören, wenn sie am 1 August ihr Haus abfackeln, was dann genau für Argumente und Ausreden kommen... Wie wenn es keine andere "Probleme" geben würde in Zürich, als jemanden der eine Fackel wirft! Für mich unverständlich wie man auf eine Person eindreschen kann, solange es nicht sich selber betrifft! Heute sind es Pyros, morgen die Burkas und übermorgen heult die SVP wieder rum, wie gemein die Welt zu ihnen ist. janu... Danke (in Deutschland ist ja alles besser, ähä)

  • SuizoLopez am 18.05.2012 17:15 Report Diesen Beitrag melden

    Und wieder Mal Kuscheljustiz

    Wow, ganze 2 Jahre...und das auf Bewährung. Die Schweiz ist echt ein "Verbrecher-Paradies".