Krawalle im Stadion

05. Oktober 2011 16:48; Akt: 06.10.2011 00:51 Print

Polizei-Einsätze sind eine riskante LösungPolizei-Einsätze sind eine riskante Lösung

von Amir Mustedanagic - Geht es nach der Politik, soll in Zukunft die Polizei in den Fussballstadien durchgreifen. Als positives Beispiel dient Deutschland. Dort setzt man allerdings vermehrt auf den Dialog.

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Szenen wie am vergangenen Sonntag im Letzigrund will niemand mehr sehen. Bevölkerung, Fans und auch die Ultràs verurteilen den Fackel-Wurf. Politiker verschiedener Couleur fordern seit den Ausschreitungen im Zürcher Derby einen Einsatz der Polizei im Stadion. Sie wünschen sich ein hartes Durchgreifen gegen Pyros und Gewalt in den Schweizer Stadien. Die Chaoten sollten lokalisiert, aus dem Block herausgepickt und mit harter Hand bestraft werden. Wie die Polizei im Kampf gegen die Chaoten konkret vorgehen soll und welche Schwierigkeiten damit verbunden sind, blieb bisher ungenannt.

Die Polizei selbst wehrt sich grundsätzlich gegen den Einsatz im Stadion. Für den Präsidenten des Verbandes Schweizerischer Polizei-Beamter (VSPB) ist das Stadion privates Areal und in der Konsequenz auch «eine privatrechtliche Angelegenheit», sagt Heinz Buttauer. Die Beamten in der Schweiz seien zwar durchaus ausgebildet, um eine solche Aufgabe zu übernehmen und haben sich vor der Fussball-Europameisterschaft 2008 auch vertieft mit solchen Einsätzen befasst. Um tatsächlich im Stadion für Recht und Ordnung zu sorgen, «müssten wir aber massiv mehr Mittel zur Verfügung haben», sagt Buttauer.

Wie viele Beamte es braucht, lässt sich bei unseren nördlichen Nachbarn beobachten. Deutschland wird in der aktuellen Debatte gerne als Beispiel genannt. Alleine in Nordrhein-Westfallen arbeiten hochgerechnet 1354 Polizisten pro Jahr ausschliesslich, um Fussballspiele zu sichern. Gemäss der Zentralen Informationsstelle für Sporteinsätze (ZIS) stand in der Saison 2009/2010 für die erste und zweite Bundesliga die Polizei unglaubliche 1 760 654 Stunden im Einsatz. Die Beamten leiteten während der Einsätze insgesamt 6043 Strafverfahren ein und nahmen 6784 Personen fest. Die Polizei steht allerdings nicht – wie bisher in der öffentlichen Debatte erwähnt – im Stadion im Einsatz, sondern unterstützen den bestehenden Ordnungsdienst der Stadionbetreiber, wenn dieser «seine Aufgaben nicht mehr selbst wahrnehmen kann», wie das ZIS auf Anfrage mitteilt.

Polizei wird immer zur Eskalation führen

Die Polizei kommt folglich nur zum Einsatz, wenn die Situation im Stadion eskaliert. Sei es nun aufgrund von Abbrennen von Pyro oder aufgrund von gewalttätigen Ausschreitungen zwischen den Fanlagern. Dass die Polizei nicht für Recht und Ordnung im Stadion sorgt, hat einen einfachen Grund, wie Gunter A. Pilz, Fanforscher und Soziologe sagt: «Die Polizei ist für die Ultràs ein ausgeprägtes Feindbild.» Der Anblick von Polizei im Stadion dämpfe nicht das Gewaltpotenzial, wecke eher noch Emotionen. Deutschland nehme deshalb die Beamten heraus aus den Stadien, um Eskalationen zu vermeiden. Pilz rät davon ab, aus dem Moment heraus auf Repression und Polizeipräsenz im Stadion zu setzen. «Eine sichtbare Polizei im Stadion», sagt Pilz, «wird immer zur Eskalation führen.»

Die Erfahrungen in Deutschland zeigen gemäss Pilz, dass brachiale Gewalt das Problem mit Pyros und gewalttätigen Chaoten in den Fankurven nicht lösen wird. Stürmen Polizisten den Block, um Pyro-Sünder herauszuholen, sagt Pilz, greift aufgrund des ausgeprägten Feindbildes ein Solidaritätsmechanismus in der Kurve. «Selbst besonnene Fans werden sich in diesem Moment mit den wenigen Chaoten verbünden.» Die Folge sind Kämpfe mitten in der Fankurve. Um auf diese Art und Weise die wirklichen Krawallanten aus der Kurve zu holen, benötige man ein immenses Polizeiaufgebot. «Es gibt Städte in Deutschland, die benötigen an Spieltagen 1000 bis 1500 Polizisten, um die Situation im Griff zu halten», sagt Pilz.

Konfliktmanager als Lösung

Der Fanforscher empfiehlt ein Modell wie in Hannover. Der Verein benötigte bis vor einigen Jahren bis zu 800 Polizisten pro Spiel. Inzwischen sind es noch 250 - «und 150 davon machen den Verkehrsdienst», sagt Pilz. Die Polizei setzt dort auf Konfliktmanager. Werden Pyros gezündet oder kommt es zu Ausschreitungen im Fanblock, geht dieser zivile Polizist in die Kurve und klärt die Angelegenheit. «Er sagt», so Pilz, «in euren Reihen gehen diese und diese Sachen vor, ihr habt zehn Minuten, um das zu klären, danach kommt die Polizei in den Block.» Die Fans haben dann die Wahl: Sie liefern die Übeltäter selbst aus oder sie warten ab und gehen dann der Polizei aus dem Weg. «In 60 bis 80 Prozent der Fälle ist seither kein Einsatz mehr nötig», sagt Pilz. «Und wenn doch: gibt es keine Solidarisierung, weil die Fans die Wahl hatten.»

Das Vorgehen in Hannover vermindert nicht nur das Risiko der Auseinandersetzungen zwischen Fans und Polizei, es reduziert auch die Zahl der benötigten Polizisten im Stadion. «Gelingt es die Chaoten aus der Anonymität zu holen, reichen zehn gut ausgebildete Polizisten», sagt Pilz. Aus seiner Sicht ist deshalb der einzig richtige Weg zur Lösung des Problems mit gewaltbereiten Chaoten, die Einbindung der besonnen Fans in die Entscheidungen. «Je mehr die Fans eingebunden werden, umso mehr stehen sie in der Pflicht.» Gemäss Pilz haben die Vereine, aber auch die Behörden und die Politik es lange Zeit verpasst, die Fans einzubinden. «Die Kurve sollte mit in den Lösungsprozess eingebunden werden, aufgezwungene Massnahmen und martialischer Aufmarsch von Polizisten verschärft das Problem.»

Auch Polizei plädiert auf Dialog

In Deutschland haben weder die Polizeipräsenz im Stadion noch das rigorose Durchgreifen bei Pyros im Stadion zu nachhaltigem Erfolg und einer Abnahme der Gewalt geführt. Im Gegenteil. Die deutsche Gewerkschaft der Polizei (GdP) beklagte erst vor fünf Tagen, dass die Beamten verstärkt in das Angriffsfeld aggressiver Chaoten gerieten. Der Kampf gegen Pyros ist einer mit Windmühlen. Noch immer brennen Wochenende für Wochenende in den deutschen Stadien Fackeln.

Die deutsche Polizei hat nun umgeschwenkt und plädiert selbst für einen verstärkten Dialog mit den Ultràs. In Landesinnenministerien von Nordrhein-Westfallen über Bremen bis Baden-Württemberg wird bereits an Konzepten gearbeitet, wie man den Polizeiauftritt deeskalierender gestalten könne, schrieb unlängst die «Welt». Und zitierte den Polizeidirektor von Nordrhein-Westfallen mit den Worten: «Nicht die Polizei, sondern die Ultrabewegung muss klären, wie sie Gewalttäter effektiv ausgrenzt.»

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  • Tommy am 06.10.2011 09:56 Report Diesen Beitrag melden

    Mehr Freiheit und mehr durchgreifen

    Es braucht weniger Vorschriften und Gesetze, aber wenn diese gebrochen werden muss man härter durchgreifen. z.b. Pyros in den Ultra-Sektoren erlauben, aber wenn einer Pyros schmeisst muss man ihn mit allen Mitteln aufspüren und 10+ Jahre wegsperren. Wegen der vielen unnötigen Einschränkungen die die Polizei durchsetzen muss ist sie auch so unbeliebt.

    • Bernhard Bianker am 06.10.2011 11:30 Report Diesen Beitrag melden

      Härtere Strafen?

      Genau. Da wird ja ein Kinderschänder weniger hart bestraft. Verhältnismässigkeit wo?

    • Tommy am 07.10.2011 10:51 Report Diesen Beitrag melden

      Kinderschänder

      Die Strafen für Kinderschänder gehören natürlich auch erhöht. Und wer eine 1000 Grad heisse Fackel in eine Menschenmenge schmeisst gehört wegen versuchtem Mord 10 Jahre weggesperrt. (Und ja ich weiss, dass man sogar für ausgeführten Mord mit 10 Jahren davonkommen kann, die Strafen für alle Gewaltverbrechen müssen nämlich etwa verdoppelt werden!)

    einklappen einklappen
  • Engländer am 06.10.2011 08:02 Report Diesen Beitrag melden

    Richtige Meinung

    Der Beitrag von Herr Pilz ist sehr überlegt und trifft auch auf das zu, was viele selbst im Stadion erlebt haben. Auch die Aussage von Meier Sepp ist korrekt, ich glaube mit FanArbeit und gesprächen mit den grossen Blöcken in den Kurven hilft mehr, als nach Polizei zu verlangen. Denn eins ist sicher, Polizei im Stadion, wird nur schlimmere Eskalation mit sich führen.

  • Emilie L. am 06.10.2011 08:01 Report Diesen Beitrag melden

    Pro Polizei

    die direkte Polizeipräsents im Stadion ist sicher nicht ideal. Als Aktivist der 80er Jahre weiss ich von was ich spreche. Andrerseits ist auch bekannt, dass es sehr viele Mitarbeiter der sogenannten Security-Firmen gibt, welche früher selber zu den Hooligans gehört haben und diese sogar beim einschleusen von Pyro und Vermummungskleidern unterstützen. Es hat genügend Toiletten und Putzräume, welche als Zwischenlager dienen. Es müsste halt mal richtig und profimässig kontrolliert werden....