«London Calling»

09. August 2012 10:42; Akt: 09.08.2012 14:28 Print

Ein Pferdeflüsterer wie Robert Redford

von Klaus Zaugg, London - Hollywood könnte diesen olympischen Springreit-Champion nicht besser erfinden: Steve Guerdat – der Jurassier, der mit den Pferden spricht.

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Der Sieg im Springreiten ist der grösste Triumph im Reitsport. Für einen Schweizer heute ungefähr so schwierig zu erringen wie eine Formel-1-Weltmeisterschaft. Denn es braucht nebst Talent und Beharrlichkeit auch unanständig viel Geld, um sich eines der besten Pferde der Welt leisten zu können.

Steve Guerdat (30), ein Olympiasieger wie in Hollywood modelliert. Ein eigenwilliger Reiter besiegt auf einem feurigen, schwierigen Pferd die ganze Welt.

London, Greenwich Park. Der neue olympische Champion ist überglücklich und doch ist es ihm nicht ganz wohl. Er sitzt noch nicht einmal eine halbe Stunde nach seinem Goldritt im Medienzentrum der olympischen Reitanlage vorne auf dem Podium und beantwortet mit einem charmanten französischen Akzent die Fragen der Weltmedien in englischer Sprache.

Seine Welt sind die Pferde

Aber diese Bühne ist nicht seine Welt. Seine Welt sind die Pferde. Er wirkt ein wenig steif und schüchtern und introvertiert. Er ist kein charismatischer Kommunikator für Presse, Rundfunk und Fernsehen, strahlt aber eine überaus sympathische Bescheidenheit und Schüchternheit aus. Er ist eben im besten Wortsinne ein Pferdeflüsterer.

Pferdeflüsterer? Ja, das ist eine durchaus treffende Bezeichnung für unseren Olympiasieger. Robert Redford spielt im Hollywood-Klassiker «The Horse Whisperer» («Der Pferdeflüsterer») einen Mann (Tom Booker), der nicht nur junge Pferde einreitet. Er kommuniziert selbst mit Problempferden in einer für die Tiere verständlichen Körpersprache.

Steve Guerdat, der Mann, der mit den Pferden spricht. Wie Robert Redford im Film. Er ist auf Nino des Buissonnets zu olympischem Gold geritten. Aber Nino ist ein schwieriges Pferd. Der elfjährige Wallach (ein kastriertes männliches Pferd) aus französischer Zucht gilt als eigenwillig, ungestüm, ja feurig und wild. Aber auch als genial. Nino scheint eine Nummer kleiner, sicherlich 15 Zentimeter weniger gross als Willi Melligers Kultpferd Calvaro (Olympiasilber 1996). Aber es ist ein elegantes, fliegendes Pferd.

Steve spricht nicht, sondern berührt

Steve Guerdat hatte die Wahl zwischen mehreren Pferden aus dem Stall des Milliardärs Urs E. Schwarzenbach. Er entschied sich für Nino, für die grösste Herausforderung. Wohl wissend, dass ein olympischer Triumph nur mit einem aussergewöhnlichen Pferd möglich sein würde.

Diese Zähmung des widerspenstigen Nino sollte sich als der Schlüssel zum olympischen Triumph erweisen. Steve Guerdat wird deshalb von einem vorwitzigen Reporter gefragt, in welcher Sprache er sich mit Nino jeweils unterhalte: Französisch, Deutsch oder Englisch? Der Pferdeflüsterer klärt den Unwissenden auf: Es gehe nicht um Worte, sondern um die Art und Weise, wie mit einem Pferd umgegangen werde. Um die Stimme, um die Berührungen. Es ist wohl wie im Film «Avatar»: Da vernetzen die Reiter ihr Nervensystem mit ihren futuristischen Pferden.

Der Olympiasieger sagt zwischendurch in englischer Sprache einen Satz, der seine ganze Karriere, seinen Triumph erklärt: Sein Ziel seien diese Olympischen Spiele gewesen. «Aber ich reite nicht für das, was ich hier erreicht habe. Ich reite, weil es meine Leidenschaft ist. Ich würde auch reiten, wenn es bloss um regionale Konkurrenz ginge und um die Ausbildung junger Pferde.»

Leidenschaft machts aus

Es ist die Leidenschaft, die jeden grossen Champion auszeichnet. Gewürzt mit Ehrgeiz. Steve Guerdats Triumph ist eine moderne Version von Geld und Geist. Das goldene Rezept: Die Beharrlichkeit, die den Jurassiern, diesen Emmentaler der lateinischen Welt, eigen ist. Dazu auf den Jurahöhen über Generationen erworbenes und von Vätern an die Söhne überliefertes Urwissen im Umgang mit edlen Pferden. Und dazu das Geld eines Milliardärs aus Zürich, um sich ein Pferd wie Nino leisten zu können. Ninos Marktwert wird inzwischen auf rund fünf Millionen Franken geschätzt.

Steve Guerdat war ein Wunderkind und wurde, als er noch ein Teenager war, im Rahmen eines regionalen Springens in Wängi (TG) nebenbei gefragt, was sein Ziel sei. Ob er so gut werden wolle wie sein Vater. Der Reiter-Dreikäsehoch soll gesagt haben, er wolle viel besser werden als sein Vater.

Der neue Olympiasieger stammt aus einer alten Pferdehändlerdynastie aus Bassecourt im Jura. In dieser wunderbaren Juralandschaft, die vor allem an ihrem westlichen Rand ein wenig an Montana und die Rocky Mountains erinnert (dort spielt der Film von Robert Redford), wissen die Menschen mindestens so viel über die Seele der Pferde wie die Cowboys in Montana.

Vater Philippe auch dabei

Steves Grossvater war Pferdehändler, sein Vater Philippe bereits ein erfolgreicher Springreiter und Olympiateilnehmer 1984 (auf Pybalia 5. mit der Mannschaft) und 1988 (auf Lanciano II 7. mit Mannschaft). Philippe hat als Equipenchef der Belgier den Triumph seines Sohnes hier in London live miterlebt.

Am 27. Juli 1924 ist der Kavallerie-Oberleutnant Alphonse Gemuseus auf Lucette in Paris als letzter Schweizer zu Gold geritten. Der damals 26-jährige Jurist besiegte einen italienischen Baron (Tommaso Laquio di Assaba auf Trebecco) und einen polnischen Grafen (Adam Krolikiewicz auf Picador). Zu dieser Zeit war der Reitsport noch etwas billiger und es brauchte keinen Milliardär als Sponsor: Die Armee hatte die Stute «Lucette» 1922 für 48 Pfund in Irland gekauft. So viel Geld hat Steve Guerdat 2012 in London jeden Tag für Pferdefutter ausgegeben.

Wir werden nicht wieder 88 Jahre auf das nächste Gold warten müssen. Steve Guerdats goldener Triumph hat eine grössere Nachhaltigkeit als jedes andere Schweizer Resultat hier in London: Es ist nämlich das Signal an alle Milliardäre dieser Welt: Wenn Du olympischen Ruhm ernten willst, dann musst Du, wie Urs E. Schwarzenbach, Deine Pferde einem Schweizer Reiter anvertrauen. Steve Guerdat wird auch 2016 in Rio zu den Gold-Favoriten gehören.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Christina Sottas am 09.08.2012 14:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Harte Arbeit und Vertrauen!

    Ich kenne Steve persönlich aus der Reiterszene und gratuliere ihm ganz herzlich zu diesem verdienten Erfolg! Er war 'schon immer' ein hervorragender Reiter und hat zudem immer tolle Pferde und spitzen Trainer um sich herum. Ich lobe ihn wie er das macht - auch seine Teamkollegen hätten es alle ebenfalls verdient eine Medaille zu gewinnen - allen voran Pius Schwizer, der sich vieles hart erarbeitet hat! Aber mit 'pferdeflüstern' etc. Hat das nicht viel zu tun - eher mit Pferdeverstand, Training, harter Arbeit, Teamwork UND Vertrauen!! Einfach super Steve!!!

  • Joyce am 09.08.2012 14:01 Report Diesen Beitrag melden

    Tiersport ist kein Sport!!!

    Ich frag mich wer die Goldmedalie küssen sollte und verdient hätte.... Der Reiter oder das Pferd???! Der, der sich weniger von beiden Bewegt hat lässt sich in den Himmel feiern..... Tiersport, ist KEIN Sport! Und die Investoren, reiben sich die Hände auf dem VIP Stühlchen... Iiieekkkhh.... Aber was genau passiert mit dem Pfert wenn es sich einen Knochen bricht beim Sport?! Es wird umgebracht! Wenn ihr den klugen Investor heraushängen möchtet, dann macht das doch bitte nicht auf Kosten von Tieren die NIX davon haben!!!

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  • Julia am 10.08.2012 08:46 Report Diesen Beitrag melden

    Pferdesport ist nicht romantisch!

    Der Pferdesport wird hier so abartig romantisch dargestellt, wie es nur absolute Laien können. Die Realität sieht aber so aus, dass solch wertvolle Pferde nie wirklich Pferd sein dürfen. Damit sie sich nicht verletzen werden sie wieder ihrer Natur nicht in Herden gehalten und haben kaum jemals die Möglichkeit mit ihren Artgenossen zu interagieren. Diese Tiere werden behandelt wie Sportgeräte. Übrigens, in der Natur springt kein Pferd von sich aus fast über 2m hohe Hindernisse. Damit sie das tun, werden teilweise brutale Methoden angewendet!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Julia am 10.08.2012 08:46 Report Diesen Beitrag melden

    Pferdesport ist nicht romantisch!

    Der Pferdesport wird hier so abartig romantisch dargestellt, wie es nur absolute Laien können. Die Realität sieht aber so aus, dass solch wertvolle Pferde nie wirklich Pferd sein dürfen. Damit sie sich nicht verletzen werden sie wieder ihrer Natur nicht in Herden gehalten und haben kaum jemals die Möglichkeit mit ihren Artgenossen zu interagieren. Diese Tiere werden behandelt wie Sportgeräte. Übrigens, in der Natur springt kein Pferd von sich aus fast über 2m hohe Hindernisse. Damit sie das tun, werden teilweise brutale Methoden angewendet!

  • Roger am 09.08.2012 16:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Warum

    Wie kann so etwas eine Olympische Sportart sein. Das ist doch abartig. Und da gibts sich Leute die behaupten das mache den Pferden auch noch Spass

    • E.b. am 09.08.2012 17:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @ roger

      Ein pferd, dass nicht gerne springt, wäre nicht in der lage, einen solchen parcour zu absolvieren. Man kann ja auch nicht aus einem kind einen top-fussballer machen, welches nicht gerne fussball spielt!

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  • Christina Sottas am 09.08.2012 14:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Harte Arbeit und Vertrauen!

    Ich kenne Steve persönlich aus der Reiterszene und gratuliere ihm ganz herzlich zu diesem verdienten Erfolg! Er war 'schon immer' ein hervorragender Reiter und hat zudem immer tolle Pferde und spitzen Trainer um sich herum. Ich lobe ihn wie er das macht - auch seine Teamkollegen hätten es alle ebenfalls verdient eine Medaille zu gewinnen - allen voran Pius Schwizer, der sich vieles hart erarbeitet hat! Aber mit 'pferdeflüstern' etc. Hat das nicht viel zu tun - eher mit Pferdeverstand, Training, harter Arbeit, Teamwork UND Vertrauen!! Einfach super Steve!!!

  • Joyce am 09.08.2012 14:01 Report Diesen Beitrag melden

    Tiersport ist kein Sport!!!

    Ich frag mich wer die Goldmedalie küssen sollte und verdient hätte.... Der Reiter oder das Pferd???! Der, der sich weniger von beiden Bewegt hat lässt sich in den Himmel feiern..... Tiersport, ist KEIN Sport! Und die Investoren, reiben sich die Hände auf dem VIP Stühlchen... Iiieekkkhh.... Aber was genau passiert mit dem Pfert wenn es sich einen Knochen bricht beim Sport?! Es wird umgebracht! Wenn ihr den klugen Investor heraushängen möchtet, dann macht das doch bitte nicht auf Kosten von Tieren die NIX davon haben!!!

    • Tesso am 09.08.2012 16:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Pferdesport!

      Ein solches pferd hat einen enormen wert und wird bei einem beinbruch sicherlich nicht eingeschläfert. Man sieht, dass sich hier jemand äussert, der definitiv keine ahnung vom pferdesport hat! Ach ja und übrigens ist es ein sport und es braucht sehr viel geduld und können um einem pferd solche sachen beizubringen!

    • A.G. am 09.08.2012 16:43 Report Diesen Beitrag melden

      Angebrachte Kritik

      Ich möchte Sie mal einen Parcours auf dieser Höhe reiten sehen, oder auch nur schon eine kurze Reitstunde - und dann am nächsten Tag Ihren Muskelkater. Klar bringt ein Reiter nicht die gleiche Leistung wie z.B. ein Läufer, aber Sport ist es allemal. Und einem Pferd mit gebrochenen Knochen ist manchmal (!!) eher geholfen, wenn man es erlöst, auch als Freizeitpferd. Also bitte nicht pauschal schlecht machen, ohne selber Ahnung zu haben... Ich befürworte die Haltung von Sportpferden auch nicht völlig, aber alles ist nicht schlecht.

    • Tina am 10.08.2012 08:51 Report Diesen Beitrag melden

      Null Plan haben und grosse Töne spucken

      Tesso, ein Pferd, welches einen Beinbruch erlitten hat, hat im Sport keinen Wert mehr. Es würde an ein Wunder grenzen, wenn ein Pferd nach einem solchen Unfall je wieder im Springsport eingesetzt werden könnte. Erstaunlich, wie viele Leute hier überhaupt keinen Plan haben und ihren Mist verzapfen.

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  • M.G. am 09.08.2012 13:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Olympia

    Endlich hat ein junger , bescheidener Mann erfolg im Pferdesport. Schon gibt es wieder Neider. Hört auf mit Parelli und Co. auch die sind keine Pferdeflüsterer.

    • Tamara am 09.08.2012 13:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      well done

      Ist so! Steve hat es mehr als verdient! Und sieht sein nino auch als Pferd und nicht als Sportgerät! Schade können es ihm einige nicht gönnen, weil man mit gerte und sporren reitet ist man noch lange kein Tierquäler! Aber neider hast du überall sogar wen du ihn den B 90 prüfugen erfolgreich bist. Aber egal was andere sagen :WELL DONE STEVE, WE'RE PROUD OF YOU AND NINO!

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