«Time-out» mit Klaus Zaugg

02. September 2008 16:40; Akt: 02.09.2008 17:17 Print

Die Miserablen: Leidenschaft, Unverstand und eine goldene ZukunftDie Miserablen: Leidenschaft, Unverstand und eine goldene Zukunft

Am Freitag startet die Eishockey-Saison. 20-Minuten-Online-Kolumnist Klaus Zaugg hat vor dem Meisterschaftsstart die Teams unter die Lupe genommen. Zuerst beschäftigt er sich mit den «Miserablen».

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Die Miserablen (oder zu Deutsch: die Elenden) der NLA sind die drei Teams, die in (fast) allen Prognosen die Playout-Plätze belegen: Aufsteiger Biel, die Lakers und Ambri. So ähnlich die Ausgangslage, so unterschiedlich die Gründe, warum dieses Trio der Klasse der Elenden zugeordnet werden muss - eine Klasse übrigens, die Victor Hugo mit einem Stück Weltliteratur («Les misérables») verewigt hat. Wir dürfen zwar von Ambri, den Lakers und Biel nicht allzu viele Siege erwarten - dafür beste Unterhaltung.


Ambri - die Miserablen mit Leidenschaft

Die Leventiner führen seit Anbeginn der Zeiten einen heroischen Kampf um ihre Existenz. Mit Ausnahme der kurzen Jahre des Ruhmes (die im Playoff-Finale von 1999 gegen Lugano gipfelten) hat Ambri schon immer in der Rolle des Aussenseiters gespielt. In der Leventina gilt: Wir leiden, wir bangen, wir zittern, also sind wir. Das Eishockey-Kultunternehmen schöpft seine Kraft, seine Leidenschaft aus der Rolle des Miserablen und hat eine ganz besondere Streit- und Polemik-Kultur entwickelt. Das Wohlergehen der Mannschaft liegt einer ganzen Talschaft am Herzen. Niederlagen und Krisen werden nie einfach hingenommen. Vielmehr wird leidenschaftlich nicht nur über die Schuldfrage debattiert, sondern auch über mögliche Wege aus der Not.

Ist es eishockeytechnisch richtig, Ambri dem Lager der Miserablen zuzuordnen? Ja, das ist es. Allerdings sind die Tessiner die einzige Mannschaft aus dem Trio der Elenden mit dem Potenzial zur positiven Überraschung, zu einer Klassierung auf den Rängen acht oder neun. Die Leventiner haben mit Nationaltorhüter Thomas Bäumle den besten Goalie und mit dem letztjährigen NLA-Tospkorer Erik Westrum den besten Ausländer der Miserablen. Und dies ist kein Zufall. Wie kein anderes Sportunternehmen beschwört Ambri den Zusammenhalt über das Eisfeld hinaus: Wer auch immer im Laufe der Zeit etwas für Ambri getan hat, gehört fortan zur Familie. Er bleibt lebenslänglich im Kontakt mit dem Verein, wird respektiert, eingeladen, ins Wesen und Wirken des Klubs einbezogen. So ist ein Beziehungsnetz von Wladiwostok bis Washington gewachsen, weiter verzweigt als das Wurzelwerk eines fünfhundertjährigen Eichenbaumes. Durch dieses Netzwerk gelingt es Ambri immer wieder, erstklassige Ausländer zu finden.

Die Ausgabe 2008/09 ist typisch für Ambri: Ein sehr guter Torhüter, gute Ausländer und Spieler, die ihre Zukunft noch vor sich oder schon hinter sich haben. Stars im besten Mannesalter verlassen das Tal, um unter den Palmen von Lugano oder bei den Titanen im Welschland und in der Deutschschweiz Geld zu verdienen oder ein Studium abzuschliessen.

Sichere Wetten: 1. Ambri gewinnt ein Spiel gegen Lugano. 2. Erik Westrum kommt in der NLA-Skorerliste unter die Top Ten. 3. Ambri steigt nicht ab.

Stärken: 1. Die Paraden von Torhüter Thomas Bäumle. 2. Die Skorerpunkte des Duos Erik Westrum/Noah Clarke. 3. Die Härte und Intensität von Paolo Duca..

Schwächen: 1. Erik Westrum lässt sich zu leicht provozieren. 2. Zu viele langsame und weiche Verteidiger. 3. Zu wenig Kreativität und Stabilität auf der Center-Position.


Rapperswil-Jona Lakers - die Miserablen aus Unverstand

Die Rapperswil-Jona Lakers vollbrachten seit dem Aufstieg von 1994 jahrelang in der Rolle des Aussenseiters Eishockey-Wunder: Sie sind neben den Kloten Flyers und dem HC Fribourg-Gottéron das einzige Team, das noch nie aus der NLA abgestiegen ist. Jahrelang funktionierten die Lakers ähnlich wie Ambri. Aber mit dem neuen Stadion ist die Unternehmenskultur mit Geld überdüngt worden. Mit den höheren Einnahmen ist keine bessere Leistungskultur entstanden. Früher beschäftigten die Lakers mittelmässige, aber günstige Spieler. Inzwischen sind die Lakers die teuerste miserable Mannschaft der Liga.

Die Existenz in der NLA hat über Jahre hinweg alle glücklich und zufrieden gemacht. Die Dynamik ist verloren gegangen. Es hat sich, anders als in Ambri, keine Streit- und Krisenkultur entwickelt. Die Lakers stehen in ihrer schwersten Krise seit dem Aufstieg - und keiner merkt es: Mittelmässige Torhüter, mittelmässige Verteidiger, mittelmässige Stürmer und ein Ausländer (Stacy Roest), der sich wie eine Diva gebärdet und die Chemie in der Kabine vergiftet. Inzwischen ist sogar der Liga-Erhalt gefährdet.

Sichere Wetten: 1. Die Lakers schaffen die Playoffs nicht. 2. Trainer Morgan Samuelsson steht Ende Saison nicht mehr an der Bande. 3. Der Name Loïc Burkhalter taucht noch vor Weihnachten in Transfergerüchten auf.

Stärken: 1. Genügend Geld um ein kerniges Krisenspektakel zu finanzieren. 2. Loïc Burkhalter kann die Flachland-Antwort auf Reto von Arx sein - wenn er will. 3. Christian Berglund und Niklas Nordgren können zusammen über 50 Tore schiessen.

Schwächen: 1. Zu viele Spieler in ungenügender physischer Verfassung. 2. Die Mannschaft verliert fast nie wegen Torhüter Marco Streit. Aber sie gewinnt nie wegen ihm. 3. Stacy Roest will alle Privilegien, die einem Leader zustehen - aber er ist kein Leader.


EHC Biel - die Miserablen mit goldener Zukunft

Die Bieler sind nach 13 Jahren wieder in die NLA aufgestiegen. Wer 13 Jahre lang den Traum von einer Rückkehr ins gelobte Land nie aufgegeben hat, ist von einer besonderen Leidenschaft beseelt. In dieser Beziehung ist Biel so stark wie Ambri und den Lakers weit überlegen. Aber den Bielern ist es nicht gelungen, die wichtigsten Positionen (Torhüter, Ausländer) erstklassig zu besetzen.

Anders als Ambri und die Lakers haben die Bieler realistische Chancen, im Laufe der nächsten drei Jahre die Klasse der Miserablen zu verlassen. Am Stadtrand wird für fast 50 Millionen Franken ein neues Stadion gebaut. Die Elenden können in zwei Jahren in einen nigelnagelneuen Eispalast einziehen. Bis dahin gilt es, in der Liga auszuharren.

Auf dem Papier sind die Bieler nicht besser als der EHC Basel, der letzte Saison fünf von 65 Partien gewann, sowohl spielerisch als auch taktisch verwahrloste und schliesslich in der Liga-Qualifikation den NLA-Platz an den EHC Biel verloren hat. Aber Biel hat eine starke Eishockeykultur. Basels Zuschauerschnitt (2629) ist bereits mit den Saisonkarten übertroffen worden und es wird gelingen, den Kern der Mannschaft intakt durch die Qualifikation zu bringen und spätestens in der Liga-Qualifikation den Ligaerhalt zu sichern.

Nominell sind die Bieler die miserabelsten der Miserablen. Dass der Zwergstürmer Mathieu Tschantré (173 cm) zum Captain befördert worden ist, macht durchaus Sinn: Der EHC Biel ist die kleinste und leichteste Mannschaft der Liga. Der Titan Martin Steinegger (185 cm/92 kg) dürfte sich zeitweise vorkommen wie Gulliver bei seiner Reise ins Land der Zwerte. Der Rekordinternationale (220 Länderspiele) hat Biel nach dem Abstieg vor 13 Jahren verlassen und ist beim SC Bern zu Ruhm und Reichtum gekommen. Nun ist er nach seiner Rückkehr Biels härtester, charismatischster und wichtigster Spieler auf und neben dem Eis. Er weiss, was auf seine Mannschaft zukommt. Nach der fürchterlichen Niederlage im Testspiel gegen die ZSC Lions (0:7) sassen seine Spielkameraden traurig in der Kabine. Steinegger stand auf und sagte laut und deutlich: «Jetzt wisst ihr, was die NLA bedeutet. In jedem Spiel müssen wir mit einem solchen Gegner rechnen.» An der Selbstüberschätzung werden die Bieler sicher nicht scheitern.

Sichere Wetten: 1. Im letzten Saisonspiel stehen nicht mehr die gleichen Spieler in der Mannschaft wie beim Saisonstart am Freitag in Bern. 2. Sportchef Kevin Schläpfer wird einen ausländischen Torhüter verpflichten. 3. Biel steigt nicht ab.

Stärken: 1. Tempofestigkeit und Kreativität von Marco Truttmann, Mathieu Tschantré und Jörg Reber. 2. Das Spielkonzept und die Geduld von Trainer Heinz Ehlers. 3. Das Charisma und die Spielintensität von Martin Steinegger und Sean Hill.

Schwächen: 1. Kein Torhüter, der in der NLA zur Nummer 1 taugt. 2. Grösse und Gewicht von Marco Truttmann (173 cm/70 kg), Mathieu Tschantré (173 cm/73 kg) und Jörg Reber (170 cm/80 kg). 3. Von Martin Steinegger wird zu viel erwartet.


Klaus Zaugg, 20 Minuten Online

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  • Jegerlehner Ueli am 04.09.2008 18:10 Report Diesen Beitrag melden

    Super Bieler

    Auch wenn viele Zeitungen davon ausgehen, dass Biel Kanonenfutter sein könnte darf die Leidenschaft nie vergessen werden. Hier steht eine ganze Region hinter ihrem Klub. Wer hätte in der letzten Saison getippt, dass Lugano nicht in den Playoffs steht? Mögen die grossen Hockeygötter würfeln.

  • Dave McDonell am 03.09.2008 22:31 Report Diesen Beitrag melden

    Lakers

    Lakers Startsieg ist Pflicht gegen die Geister aus dem Hallenstadion. Drücke die Daumen aus Toronto !

  • Nino Renner am 03.09.2008 10:45 Report Diesen Beitrag melden

    ZSC Lions

    Startsieg gegen die Lakers Pflicht.