«Time-Out»

05. Dezember 2012 14:18; Akt: 05.12.2012 15:33 Print

Servette und das «Formel-1-Prinzip»

von Klaus Zaugg - Das 3:4 gegen den SC Bern ist Servettes dritte Niederlage in Serie. Trainer Chris McSorley wird schon wieder Opfer seines genialen Prinzips.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?
Fehler beheben!
Senden

Die Formulierung kommt aus dem Rennsport: Der perfekte Bolide ist in jeder Beziehung so extrem am Limit konstruiert, dass er das Rennen gewinnt und gleich nach der Zieldurchfahrt stehen bleibt.

Servettes Mitbesitzer, Manager und Trainer Chris McSorley stellt seine Mannschaft exakt nach diesem «Formel-1-Prinzip» zusammen. Deshalb ist er kommerziell und sportlich erfolgreich. Aber letztlich scheitert er wegen dieses Prinzips immer wieder.

Akribische Spielerbewertung

Kein anderer Manager kennt die Spieler so gut wie Chris McSorley. Nach einem ausgeklügelten System bewertet er jeden Athleten der Liga nach insgesamt elf Kriterien. Hier diese Kriterien und die Benotung im englischen Original:
Size (Postur)
Skating (Laufen)
Skating Quickness (Beweglichkeit) Offensive Play (Offensivspiel)
Defensive Play (Defensivspiel)
Hockey Sense (Spielintelligenz) Competitivness (Kampfkraft)
Work Ethic (Arbeitseinstellung) Discipline (taktische Disziplin)
Toughness (Härte)
Strength (Stärke)

Dann wird jeder Spieler mit den Noten 1 bis 7 bewertet.
1 Trouble on or off the ice
2 Depth Player
3 Role Player
4 Regular Player
5 Quality Player
6 Impact Player
7 Franchise Player

Nur Chris McSorley arbeitet mit dieser geradezu wissenschaftlichen Methode, die er aus der NHL übernommen hat. Sie hat zwei Vorteile: Einerseits kann er im Spiel seine Mannschaft exakt auf den Gegner einstellen, Block für Block, Spieler für Spieler. Und andererseits macht er bei den Transfers so wenig Fehler wie kein anderer Manager. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz: Hände weg von Spielern, die Chris McSorley nicht mehr will oder zum Verkauf anbietet. Die meisten solchen Transfer eines vermeintlichen Servette-Stars waren in den letzten Jahren Flops: John Gobbi (vom ZSC inzwischen nach Ambri abgeschoben), Thomas Déruns (der SCB möchte ihn loswerden), Martin Höhener (vom SCB nach Ambri abgeschoben), Daniel Rubin (noch kein Tor beim SCB) oder Philipp Rytz (mit -16 Langnaus schlimmster Lotter-Verteidiger). Luganos Coach Larry Huras wird nächstes Jahr mit der launischen Diva Dan Fritsche viel Zeit mit Einzelgesprächen verbringen.

Mit Grösse und Gewicht auf Rang 1

Weil Chris McSorley die Spieler so gut kennt, ist er dazu in der Lage, die Positionen im Team mit dem richtigen Spieler zu besetzen. Weil er als Mitbesitzer auch wirtschaftliche Interessen berücksichtigt, transferiert er gezielt und nimmt nicht drei oder vier Spieler für eine Position auf die Lohnliste. So wie eben ein Rennfahrzeug konstruiert wird: In jeder Beziehung am Limit, damit es so leicht und schnell wie möglich wird. Im Hockey bedeutet diese Formel: So talentiert, so schnell, so hart, so gross und so schwer wie möglich. Auf der Webseite www.planethockey.ch finden wir eine Statistik, die aufzeigt, wie gut Chris McSorley arbeitet. Diese Statistik zeigt wie gross und wie schwer die Spieler durchschnittlich sind. Servette und die ZSC Lions stehen in dieser Statistik mit 189 Zentimetern Grösse und 89 Kilo Gewicht gemeinsam auf Platz 1.

Wenn Chris McSorley jede Position im Team besetzen kann, ist seine Mannschaft eine beinahe unbesiegbare, mit unheimlicher Präzision arbeitende Hockeymaschine. Seine Mannschaft spielt dann schneller, härter, präziser und disziplinierter als jeder Gegner. Im letzten Sommer ist es dem Kanadier gelungen, jede Position in seinem Team richtig zu besetzen. Und er hat in der ersten Saisonhälfte die Spitze der Liga gestürmt.

Ausfälle verkraftet das Team nicht

Nun fehlt mit Logan Couture (der NHL-Star ist heimgereist) der Topskorer und mit Cody Almond (verletzt) der wichtigste Zweiwegstürmer. Total sind das 42 Skorerpunkte. Chris McSorley hat nur noch drei Ausländer. Der SC Bern oder die ZSC Lions können solche Ausfälle mit ihrem breiten Kader kompensieren. Der SCB leistet sich sogar den Luxus, einen Ausländer auf die Tribüne zu setzen. Aber bei Servette hat bei einem Kader, das aus wirtschaftlichen Gründen so knapp wie möglich bemessen ist, jeder Ausfall Folgen. Letzte Saison standen zeitweise nur noch zwei Ausländer zur Verfügung und am Ende gings in die Playouts.

Mit seinem «Formel 1-Prinzip» hat Chris McSorley eine historische Leistung vollbracht: Servette ist der einzige Aufsteiger des 21. Jahrhunderts, der erfolgreich das «Kartell der Mächtigen» herausfordert. Chur, Basel, Lausanne und La Chaux-de-Fonds sind längst wieder abgestiegen. Die Lakers, Ambri, Biel und die SCL Tigers schaffen es nicht (oder nicht mehr), sich in der oberen Tabellenhälfte festzusetzen.

Auf der Zielgeraden gestrauchelt

Oben hat sich das «Kartell der Mächtigen» etabliert: Davos, Zug, die ZSC Lions, der SC Bern, Fribourg, Lugano und die Kloten Flyers. Zwar werden auch diese Grossen nicht von Rückschlägen verschont – aber sie sind so gut vernetzt, politisch so mächtig, finanziell so potent und können auf so gute Nachwuchsabteilungen zurückgreifen, dass die Rückschläge schnell überwunden werden und die «Kleinen» auf Dauer keine Chance haben. Im 21. Jahrhundert haben bisher nur die Titanen Lugano, Davos, ZSC und SCB die Meisterschaft gewonnen. Servette ist zweimal auf der Ziellinie der Schnauf ausgegangen: 2008 verloren die Genfer das Finale gegen die ZSC Lions in sechs und 2010 gegen den SCB in sieben Spielen. Der «Hockey-Bolide» ist kurz vor und nicht erst kurz nach dem Ziel stehen geblieben.

Diese Saison stehen Servettes Chancen auf den Titelgewinn allerdings so gut wie vielleicht noch nie. Wenn Chris McSorley im Laufe der Saison wieder jede Position richtig besetzen kann, wenn er im neuen Jahr vom Verletzungspech verschont bleibt und seine Schlüsselspieler nicht zu stark forcieren muss – dann ist alles möglich.

Wenn er in den Playoffs alle Mann an Bord hat und sich von den Schiedsrichtern nicht provozieren lässt, dann ist Chris McSorley dazu in der Lage, HCD-General Arno Del Curto, Berns Antti Törmänen, Luganos Larry Huras, Zugs Doug Shedden und Gottérons Hans Kossmann auszucoachen. Aber eben: Das gelingt ihm nur, wenn er jeden Spieler zur Verfügung hat. Nur dann geht das «Formel-1-Prinzip» auf.

Fragen und Antworten rund um die Kommentar-Funktion
«Warum dauert es manchmal so lange, bis mein Kommentar sichtbar wird?»

Unsere Leser kommentieren fleissig - durchschnittlich gehen Tag für Tag 4000 Meinungen zu allen möglichen Themen ein. Da die Verantwortung für alle Inhalte auf der Website bei der Redaktion liegt, werden die Beiträge vorab gesichtet. Das dauert manchmal eben einige Zeit.

«Gibt es eine Möglichkeit, dass mein Beitrag schneller veröffentlicht wird?»

Wer sich auf 20 Minuten Online einen Account zulegt und als eingeloggter User einen Beitrag schreibt oder auf einen Kommentar antwortet, der wird vorrangig behandelt. Hat ein eingeloggter User bereits viele Kommentare verfasst, die freigegeben wurden, so werden seine neuen Beiträge mit oberster Priorität behandelt.

«Warum wurde mein Kommentar gelöscht?»

Womöglich wurde der Beitrag in Dialekt verfasst. Damit alle deutschsprachigen Leser den Kommentar verstehen, ist Hochdeutsch bei uns Pflicht. Sofort gelöscht werden Beiträge, die Beleidigungen, Verleumdungen oder Diffamierungen enthalten. Auch Kommentare, die aufgrund mangelnder Orthografie quasi unlesbar sind, werden das Licht der Öffentlichkeit nie erblicken. (oku)

«Habe ich ein Recht darauf, dass meine Kommentare freigeschaltet werden?»

20 Minuten ist nicht dazu verpflichtet, eingehende Kommentare zu veröffentlichen. Ebenso haben die kommentierenden Leser keinen Anspruch darauf, dass ihre verfassten Beiträge auf der Seite erscheinen.

Haben Sie allgemeine Fragen zur Kommentarfunktion?

Schreiben Sie an feedback@20minuten.ch
Hinweis: Wir beantworten keine Fragen, die sich auf einzelne Kommentare beziehen.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Deshalb können Storys, die älter sind als 2 Tage, nicht mehr kommentiert werden. Wir bitten um Verständnis.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Dr. Ice am 06.12.2012 08:15 Report Diesen Beitrag melden

    Playstation?

    So wie es sich liest, hat da jemand die Realität mit der Playstation verwechselt. Mit dem Rechenschieber ist nur bei Computerspielen der Titel zu gewinnen. Ich bin sicher, dass McSorley wesentlich cleverer ist, als diese Schilderung vermuten liesse.

    • Peach am 07.12.2012 22:20 Report Diesen Beitrag melden

      Wieso nicht?

      Warum soll das unrealistisch sein? Auch in der NHL werden die Spieler "zerlegt und analysiert" und das schon bei den Junioren! Die Talensucher der NHL-Teams stellen jetzt schon mögliche Draft-Ranglisten für die kommenden 2,3 Jahren zusammen. Das nennt man "akribisch arbeiten und das Optimum herausholen"! McSorley macht das toll, sein einziges Problem ist wie im Artikel beschrieben, dass ihm für ein Plan B (sprich für ein breites Kader) das nötige Kleingeld fehlt. Sehr spannender Artikel.

    einklappen einklappen
  • Chris Weber am 06.12.2012 07:37 Report Diesen Beitrag melden

    Spezielle Zeitgenossen

    Ich finde es cool hat die Liga solche spezielle und "nicht ganz normale" Persönlichkeiten wie Chris McSorley, Arno del Curto oder auch Lary Huras. Die bringen noch ein wenig Pfeffer und Unberechenbarkeit ins Hockeyland. Da sind halt Typen wie Kossmann, Törmänen oder Pizza-Harry schon eher langweilige Gesellen.. Trotzdem ein "Hopp SCB"

  • SCB Fan am 05.12.2012 23:32 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht leisten?

    Bern hat einen Ausländer auf der Tribüne und Genf kann sich das nicht leisten? Bern hat in dieser Saison 5 Lizenzen, Genf 7 gelöst! So viel zum Thema können es sich nicht leisten. Und wer will SC verpflichten?

  • Mr. McMuffin am 05.12.2012 21:00 Report Diesen Beitrag melden

    Verfälschungen

    Die Dominaz Servettes zu Beginn der Saison ist ganz simpel erklärbar: Die Teams hatten Sommertraining, wurden neu zusammengestellt und haben evtl. sogar neue Spieler im Kader. Während des Sommers gab es abgesehen von Grümpelturniere keine wirklichen Ernstkämpfe. Es ist ganz normal, dass sich ein Team einspielen muss. Nur weil Servette keine Startschwierigkeiten hatte, bedeutet das nicht, dass sie Titelanwärter sind bzw. sich an der oberen Tabellenspitze halten können. Man soll doch bitte alle Faktoren beachten, nicht nur ein vorübergehendes "Hoch" einer Mannschaft.

    • Respect am 07.12.2012 22:30 Report Diesen Beitrag melden

      28 Runden...

      Wenn man nach 28 Runden auf Platz 1 steht liegt das wohl kaum "nur' an einem Zwischenhoch! Wenn dann hat Genf in den letzten Spielen ein Zwischentief. Vorher waren sie während 2 Monaten die mit Abstand konstanteste und beste Mannschaft der Schweiz. Respekt zeigen, wo Respekt angebracht ist!

    einklappen einklappen
  • jakob am 05.12.2012 19:04 Report Diesen Beitrag melden

    genf- bern

    die liga ist momentan so ausgeglichen weil bern es zuläst.

    • Dr. Acula am 06.12.2012 07:44 Report Diesen Beitrag melden

      bitte was?

      Bin auch Bern Fan, aber wie du genau auf diese Aussage kommst, ist mir sehr schleierhaft...

    • Ralf am 06.12.2012 11:38 Report Diesen Beitrag melden

      So so

      Ja genau und ohne Tavares, Josi und Streit geht es nicht um zulassen sonder um mithalten. Dass Ihr da besser werdet, kauft Ihr jetzt schon wieder alles zusammen.

    einklappen einklappen
ZSC-Lions-TV
Der TV-Player benötigt einen aktuellen Adobe Flash Player: Flash herunterladen