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«Time-out» mit Klaus Zaugg
09. September 2009 07:39; Akt: 09.09.2009 10:46 Print
Die Miserablen: Der Traum von der Überraschung
Am Freitag startet die neue Eishockey-Saison. 20-Minuten-Online-Kolumnist Klaus Zaugg hat vor dem Meisterschaftsstart die Teams unter die Lupe genommen. Zuerst beschäftigt er sich mit den «Miserablen».

Die Miserablen träumen von der Qualifikation für die Playoffs. (Bild: Keystone)
Drei Teams kommt die Rolle der Miserablen zu: In (fast) allen Saisonprognosen auf den letzten drei Plätzen und für die Playoffs kein Thema. Und doch schlummert in allen drei Miserablen das Potenzial, die Überraschungsmannschaft der Saison zu werden.
SCL TIGERS
Ausgangslage: Vorletzte Saison waren die SCL Tigers das offensiv beste Team der Liga (!). Noch im letzten Frühjahr hatte die Mannschaft offensives Playoff-Potenzial. Nach dem turbulentesten Sommer der Emmentaler Hockeygeschichte mit Lohnkürzungsrunde, Machtwechsel, dem Verlust von Stars wie Daniel Steiner (NHL-Trainingscamp Columbus), Martin Stettler (SCB), Matthias Joggi (Davos), Jeff Toms (Servette) oder Martin Kariya (Riga) und insgesamt fast 200 Skorerpunkten geht es nicht mehr um die ersten Playoffs. Sondern um den Ligaerhalt.
Qualitäten: Trainer Christian Weber spielt in Langnau eine ähnliche Rolle wie sein Trauzeuge Arno Del Curto in Davos. Er hält die Mannschaft zusammen und orchestriert die Transfers. Inzwischen konzentriert sich das ganze Hockeywissen auf Weber. Davos würde ohne Del Curto immer noch funktionieren. Langnau ohne Weber nicht mehr. Dies ist nur deshalb kein Problem, weil Webers Loyalität zur Organisation der SCL Tigers unerschütterlich ist. Der Dübendorfer hat ein Spielkonzept eingeschult, das gut zu den mehrheitlich kleinen und schnellen Spielern passt und den Fans dynamisches, spektakuläres Offensivhockey beschert - die Langnauer hatten letzte Saison den höchsten Zuschauerschnitt der Geschichte (5788), es kamen pro Spiel mehr Zuschauer als in der Meistersaison 1975/76. Von den Miserablen spielt Langnau das modernste, konstruktivste und attraktivste Hockey.
Schwächen: Die Tiger können das Spektakel in die gegnerische Zone tragen - das Problem ist der Abschluss, das Durchsetzungsvermögen vor dem gegnerischen Tor. Zumal mit Matthias Joggi der Stürmer mit der grössten Wasserverdrängung und mit Daniel Steiner der beste Schweizer Torschütze nicht mehr dabei sind.
Die Ausländer: Die SCL Tigers haben auf dem internationalen Transferwühltisch zwei Rolex-Uhren gefunden: Brendan Brooks und Nick Naumenko. Brooks ist wegen Budgetkürzungen seines bisherigen Arbeitgebers (Stavanger/Norwegen) aus einem laufenden Vertrag ausbezahlt worden und kostet die Langnauer weniger als 100 000 Franken. Der kräftige Kanadier wird nach einer Anpassungszeit von 15 bis 25 Spielen einer der schnellsten, durchschlagkräftigsten Flügel der Liga sein. Verteidiger Nick Naumenko ist ein trainingsfauler Sunnyboy, Offensiv-Verteidiger und Powerplay-Manager, der an der kurzen Leine geführt werden muss. Da er vorerst nur einen Vertrag für zwei Monate hat, wird er sich gehörig anstrengen. «Donau-Jenni» Oliver Setzinger und Verteidiger Curtis Murphy sind geblieben. Setzinger ist einer der läuferisch besten Spieler der Liga, Österreichs Antwort auf Marcel Jenni. Würde ihm nicht das Herz in die Hockeyhosen fallen, wenn er in eine gute Abschlussposition kommt, wäre er Liga-Topskorer. Noch kaum ein anderer Ausländer hat so viele Torschancen herausgespielt und so atemberaubend spektakulär vergeben - er verkörpert in einem gewissen Sinne die SCL Tigers: Sympathisch, schnell, spektakulär, offensiv und im entscheidenden Augenblick erfolglos. Curtis Murphy hat das Charisma einer Zivilschutzunterkunft. Der brave Defensivsoldat müsste eigentlich ausgewechselt werden. Aber er hat einen Vertrag bis 2011. Langnaus Ausländer können für Spektakel sorgen, das Publikum begeistern und an einem guten Abend ein Spiel entscheiden - aber sie haben nicht die Durchschlagskraft, um die Mannschaft in die Playoffs zu führen.
Analyse: Gelingt ein guter Start, können die Langnauer ihren Schwächen davonlaufen und auf den Wogen der Emotionen bis in Playoffnähe surfen. Aber sie haben nicht die Wasserverdrängung, die Grösse, das Gewicht und die Bösartigkeit, um auch dann vom Tabellenende wegzukommen, wenn der Puck einen anderen Weg gehen will.
Prognose: Platz 9 bis 12.
EHC BIEL
Ausgangslage: Nachdem Sportchef Kevin Schläpfer kurzzeitig das Traineramt übernommen und die Mannschaft im 7. Spiel der Liga-Qualifikation gegen Lausanne gerettet hatte, setzte er sich wieder an den Schreibtisch. Es ist ihm gelungen, die im Hockey entscheidenden Positionen (Torhüter, Verteidiger, Mittelstürmer, Ausländer) besser zu besetzen und mit Kent Ruhnke den dazu passenden "Desperado-Trainer" zu verpflichten. Die Erwartungen für die zweite NLA-Saison nach dem Wiederaufstieg sind hoch. Wahrscheinlich zu hoch.
Qualitäten: Das Layout zum erfolgreichen Aussenseiter. So ziemlich auf allen wichtigen Positionen «Desperados» im besten Sinne des Wortes: Krisenerprobte Persönlichkeiten oder Spieler, die den Beweis antreten wollen, dass sie an anderen Orten zu Unrecht «abgeschrieben» worden sind oder die ganz einfach dann den besten Job machen, wenn der Baum brennt. Dies gilt für Sportchef Kevin Schläpfer, verehrt als Hockey-Gott und seinen Freund, Kent Ruhnke, Meistertrainer in Biel (1983), Zürich (2000) und Bern (2004). Dies ist der Fall bei Sébastien Bordeleau, Martin Steinegger (in Bern ausgemustert) und bei Curtis Brown (in Kloten nicht mehr erwünscht). Den Rock'n'Roller Richard Jackman und Torhüter Reto Berra dürfen wir auch zu dieser Kategorie rechnen. Von den Miserablen hat Biel die stärkste Mittelachse (Center).
Schwächen: Biel wäre bei 36 Runden ein sicherer Playoffkoandidat. Aber nicht bei einer Qualifikation über 50 Durchgänge. Biel ist ein Aussenseiter, der an einem guten Abend jeden Gegner vom Eis arbeiten wird. Aber vom Stil her ist es eben auch ein Team, das selbst an einem guten Abend gegen nominell vermeintlich schwächere Gegner wie Ambri, die SCL Tigers, die Lakers oder Servette viel Energie für einen Sieg verbrauchen wird. Die Talent-Gesamtsumme wird eher unterschätzt, die Tempofestigkeit ist durchaus gegeben. Aber alles in allem fehlt die spielerische Leichtigkeit des Seins, um locker Siege einzufahren. Der EHC Biel muss für zu viele Siege Vollgas fahren. Für eine allfällige Krisenbewältigung fehlen Geld und die Hierarchie-Distanz zwischen Direktion und Personal: Trainer Kent Ruhnke ist ein Freund von Sportchef Kevin Schläpfer.
Ausländer: Vier Ausländer, die eine mittelmässige Mannschaft besser machen und mit Hilfe der Hockeygötter sogar ins Playoff führen können. Sébastien Bordeleau steht vor der Wiederbelebung seiner Karriere unter dem Trainer, mit dem er 2004 in Bern Meister war (Kent Ruhnke). Rock'n'Roller Richard Jackman kann einer der besten Verteidigungsminister der Liga sein und in Biel die gleiche Rolle spielen wie einst Daniel Poulin im Bieler Meisterteam von 1983. Rico Fata war schon letzte Saison einer der schnellsten Spieler und Curtis Brown bei Kloten für viele der beste Zweiweg-Center der Liga. Biel hat klar die besseren Ausländer als letzte Saison.
Analyse: Das spielerische Potenzial und das taktische Konzept, um bei optimalem Saisonverlauf die Überraschungsmannschaft der Saison zu werden und die Playoffs zu erreichen. Aber auch ein Konfliktpotenzial, das sogar den Ligaerhalt in Gefahr bringen kann.
Prognose: Platz 8 bis 12.
HC AMBRI-PIOTTA
Ausgangslage: Der Puck wollte letzte Saison nicht Ambris Wege gehen. Die Mannschaft segelte auf Playoffkurs, als am 31. Oktober das Licht gelöscht wurde: Nationaltorhüter Thomas Bäumle blieb beim Spiel gegen die Lakers mit dem Schlittschuh in einer Rille hängen und erlitt eine schwere Knieverletzung - Saisonende. Die Folgen: Trainerwechsel, zeitweise Absturz auf den letzten Platz, Rettung erst in den Playouts und eine Neuorganisation der technischen Abteilung. Sportchef Peter Jaks wurde gefeuert und Benoit Laporte hat mit dem Doppelmandat Trainer/Sportchef nun so viel Macht und Verantwortung wie noch kein anderer Trainer in Ambris Geschichte.
Qualitäten: Ambri ist vom Wahn geheilt, Lugano herausfordern oder gar übertreffen zu müssen. Dieser Grössenwahn bescherte Ambri zwar 1999 den Qualifikationssieg und das verlorene Playoffinale gegen Lugano. Aber anschliessend auch eine der schwersten Finanzkrisen seiner Geschichte. Inzwischen ist Ambri wieder stolz darauf, anders zu sein als Lugano, eine Geschichte statt Millionen zu haben und ist zufrieden, wenn es sich in der Liga halten und hin und wieder ein Derby gewinnen kann. Diese Rückkehr zu Bescheidenheit und Leidenschaft für die Sache ist eine der ganz grossen Stärken. Paolo Duca ist ein im Tal aufgewachsener Leitwolf mit einem ähnlichen Einfluss auf Spiel und Chemie der Mannschaft wie Reto von Arx in Davos. Traditionell beschäftigt Ambri einen guten Torhüter und starke Ausländer. Der neue Trainer Benoit Laporte mahnt im Wesen und Wirken, mit seinem Humor, seinem Optimismus und seinem Kommunikationstalent stark an seinen Freund Larry Huras, den erfolgreichsten Ambri-Trainer aller Zeiten.
Schwächen: Die letzte Saison hat es gezeigt: Eine sehr hohe Abhängigkeit von einzelnen Spielern. Von allen NLA-Teams am wenigsten Tiefe im Kader, um Verletzungspech überwinden zu können. Im dritten und vierten Block steckt zwar mehr Leidenschaft und Kampfkraft als andernorts in der ersten Formation. Aber Ambri hat spielerisch den schwächsten dritten und vierten Sturm.
Ausländer: Dave Schneider ersetzt Nick Naumenko (neu Langnau) in der Abwehr. Das ist gehupft wie gesprungen. Vorne kommt Kirby Law - und das ist der wichtigste Transfer. Letzte Saison hatte Eric Westrum keinen Mitspieler, der ihn ergänzte und seine Launenhaftigkeit ertrug. Harmonieren Westrum und Law so wie zuletzt in Texas, dann kommt Ambri vom letzten Platz weg. Während der Saison 2005/06 stürmten Law und Westrum in der gleichen Linie für die Houston Aeros (AHL) und zelebrierten in 80 Qualifikationsspielen zusammen 208 Punkte. Mit Westrum an seiner Seite erhöhte Law damals seine Produktion im Vergleich zum Vorjahr von 49 auf 110 Punkte und Westrum steigerte sich von 33 auf 98 Zähler. Harmonieren Westrum (er hat das Talent für die NHL und die Launenhaftigkeit für die Relegation ins Farmteam) und Law, kehren die herrlichen Zeiten von Jean-Guy Trudel (heute ZSC Lions) und Hnat Domenichelli (heute Lugano) zurück: Mit den beiden Kanadiern war Ambri zum letzten Mal ein Playoffkandidat.
Analyse: Nur bei optimalem Saisonverlauf den Playoffs näher als dem Tabellenende.
Prognose: Platz 9 bis 12.
Klaus Zaugg, 20 Minuten Online





























