«Time-Out»

12. November 2012 09:16; Akt: 12.11.2012 09:16 Print

Aber wer trifft, wenn es wirklich zählt?

von Klaus Zaugg, München - Die Schweizer Hockey-Nati erringt ein historisches 6:1 gegen Kanada. Aber das grosse Problem auf internationalem Niveau ist das Toreschiessen.

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Den Schweizern gelingt ein versöhnlicher Turnier-Abschluss. Sie bezwingen die bisher sieglosen Kanadier gleich mit 6:1. Zwar gingen die Ahornblätter in der 8. Minute in Führung, doch danach diktierten die Eisgenossen das Spielgeschehen. Die erste Linie der Schweizer mit Andres Ambühl, Roman Wick und Ryan Gardner erzielte fünf der sechs Schweizer Tore. Deutschland gewinnt gegen die Schweiz 2:0. Damit sind die Chancen auf den Turniersieg für die «Eisgenossen» Geschichte. Trotz einer soliden Leistung kann auch Reto Berra die Niederlage nicht abwenden. Die Schweiz gewinnt ihr Auftaktspiel am Deutschland-Cup gegen die Slowakei mit 3:2. Die Partie war hartumkämpft. Am Ende kontrollierten die Eisgenossen die Partie allerdings und brachten den Sieg ins Trockene. Am Freitag gilt es ernst für die Schweizer. Dann steht die erste Partie am Deutschland Cup gegen die Slowakei an. Sean Simpson äussert sich erstmals seit der misslungenen WM im Frühjahr (Platz 11) vor den Medien. Vom neuen Verbandspräsidenten Marc Furrer erhält der Kanadier viel Rückendeckung. Seit dem Abgang von Philippe Gaydoul scheint eine «Klimaerwärmung» spürbar zu sein: v.l.n.r. Nati-Coach Sean Simpson, Verbandspräsident Marc Furrer, Leistungssportchef Pius-David-Kuonen und Nationalmannschafts-Manager Peter Lüthi. Nati-Trainer Sean Simpson will mit seinen Mannen am Deutschland-Cup den Turniersieg. Die Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft bereitet sich in Winterthur auf den Deutschland Cup vor. Andres Ambühl ist nach seiner Gehirnerschütterung auch wieder dabei.

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Die Aussage stammt aus dem Motorsport und wird Enzo Ferrari (1898 – 1988) zugeschrieben: «Es ist wichtig, zu wissen, warum man ein Rennen verloren hat. Aber es ist noch wichtiger zu wissen, warum man ein Rennen gewonnen hat.»

Diese Weisheit gilt nach dem Deutschland Cup 2012 vor allem für unseren Nationaltrainer Sean Simpson. Nur wenn er weiss, warum seine Mannschaft gegen Kanada 6:1 gewonnen hat, hilft ihm dieser Erfolg. Wenn nicht, dann ist es ein gefährlicher Sieg.

Die Schweizer haben zum Abschluss des Turniers die Kanadier 6:1 gedemütigt. Der höchste Sieg aller Zeiten. Höher als 4:1 (bei der WM 2010, auch unter Simpson) hatten wir in bisher 112 Länderspielen gegen die Kanadier noch nie gewonnen.

Das Problem mit den entscheidenden Spielen

Gelingt sie also doch, die angestrebte offensive Perestroika, die Entwicklung weg vom hässlich-langweiligen, aber oft erfolgreichen Defensivhockey der «Ära Ralph Krueger» (1998-2010)? Sechs Tore gegen Kanada! Die Antwort ist ganz klar: Nein, wir sind offensiv immer noch nicht weiter gekommen. Dieser Deutschland Cup ist vielmehr ein exaktes Spiegelbild aller drei WM-Expeditionen unter Sean Simpson (2010, 2011, 2012). Wir haben an allen drei Turnieren grosse, begeisternde Spiele gezeigt – und immer dann verloren, wenn es wirklich darauf ankam. 2010 das Viertelfinale gegen Deutschland, die grösste Halbfinalchance seit 1998 (0:1). Nach einem sensationellen 4:1 über Kanada in der Vorrunde. 2011 und 2012 verloren wir bereits die entscheidenden Spiele um den Einzug ins Viertelfinale. Hier in München haben wir die Kanadier gedemütigt wie nie, den WM-Zweiten Slowakei besiegt (3:2) - aber das entscheidende Spiel gegen Deutschland wieder verloren (0:2).

6:1 gegen Kanada. Sieg ist Sieg. Aber wir haben gewonnen, weil dieser Gegner ganz einfach nicht gut genug, nicht bereit und nicht mehr motiviert war. Das ist bei der Einschätzung dieses Sieges zu berücksichtigen. Die Kanadier haben beim Deutschland Cup alle Spiele verloren. Vor dem Debakel gegen die Schweiz 2:3 gegen Deutschland und 2:5 gegen die Slowakei. Nicht einer dieser Kanadier (die meisten aus der DEL) hätte in einem NLA-Team eine Führungsrolle. Es war wahrscheinlich das schwächste kanadische Nationalteam, das je in Europa gespielt hat.

Offensives Muster mit wenig Aussagewert

Dieser Einschätzung eines vorwitzigen deutschsprachigen Chronisten hat Cheftrainer Rick Chernomaz offiziell zwar vehement widersprochen und unser Nationaltrainer knurrte Missfallen über diese respektlose Einschätzung. Aber der deutsche Verbands-Generalsekretär Franz Reindl sah es realistisch: «Es reicht bei einem solchen Turnier auch für die Kanadier ohne jede Vorbereitung nicht mehr.» Und als die Medien-Konferenz-Mikrofone ausgeschaltet waren, räumte selbst Rick Charnomaz gegenüber 20 Minuten ein, dass es so wohl nicht gehe und was er dann sonst noch zur Planung und Ausführung dieses völlig missratenen Einsatzes sagte, ist mir wieder entfallen.

Dieses 6:1 ist also typisch für Glanz und Elend unseres Nationalteams in der Offensive. Wenn eine mangelhaft organisierte Mannschaft unseren Stürmern viel Raum und Zeit lässt, um das Spiel zu beschleunigen und nicht dazu in der Lage ist, die neutrale Zone zu kontrollieren – dann erleben wir ein offensives Sausen und Brausen, das das Hockeyherz im Leibe hüpft. Wenn dann auch noch der Torhüter miserabel spielt wie Sébastien Caron (84,21 Prozent Abwehrquote), dann gibt es kein Halten mehr und am Ende feiern wir einen historischen Sieg. Wenn wir so wollen, ist dieses 6:1 ein offensives Muster mit wenig Aussagewert. Immerhin weiss Sean Simpson, warum diesmal das Powerplay funktionierte: Er beorderte erstmals die Brecher Tim Ramholt (196 cm/91 kg) und Ryan Gardner (198 cm/103 kg) vors gegnerische Tor.

Es bleibt die Deutschland-Pleite

6:1 gegen Kanada – aber was in einer Analyse dieses Deutschland Cups im Hinblick auf die WM am meisten zählt, ist und bleibt das 0:2 gegen Deutschland. Wir sind nach vor nicht dazu in der Lage, gegen eine sehr gut organisierte Mannschaft mit robusten Spielern Tore zu erzwingen. Dafür sind zu viele unserer Stürmer zu weich. Für eine erfolgreiche offensive Ausrichtung fehlen uns auf internationalem Niveau nach wie vor die abschlussstarken, kräftigen, bösen Stürmer. Die Brecher.

Die alles entscheidende Frage bleibt auch nach diesem Deutschland Cup 2012 unbeantwortet: Wer trifft dann, wenn es wirklich zählt? Ganz klar bessere, durchschlagskräftigere Stürmer als jene, die hier in München waren, haben wir nicht. Die Nordamerikaner Dan Fritsche und Cody Almond sind erst ab der Saison 2014/15 spielberechtigt. Vielleicht helfen uns einmal Nino Niederreiter und Sven Bärtschi weiter. Wenn sie die ersten erfolgreichen Schweizer NHL-Stürmer geworden sind. Aber nur vielleicht.

Martin Gerber als Lichtpunkt

Zwei erfreuliche Erkenntnisse gibt es trotzdem. Erstens ist Torhüter Martin Gerber mit 38 Jahren nach Jonas Hiller (Anaheim/NHL) noch immer unser international bester, charismatischster Torhüter. Er hat den Sieg gegen die Slowaken ermöglicht und gegen die Kanadier dafür gesorgt, dass es im Schlussdrittel beim Stande von 2:1 nicht eine Zitterpartie geworden ist.

Zweitens hat Sean Simpson eine Sturmlinie gefunden, die durchaus bis zur WM Bestand halten kann: In Kloten spielen Denis Hollenstein und Simon Bodenmann mit NHL-Center Brooks Laich. Sean Simpson hat nun Servette-Center Kevin Romy zwischen die beiden Klotener gestellt – und diese Linie hat von allem Anfang an funktioniert. Das Trio produzierte gemeinsam 11 Skorerpunkte (4 Tore, 7 Assists). Das ist immerhin etwas auf dem langen, langen Weg zu einer offensiven Perestroika. Aber eben: Diese drei haben beim 0:2 gegen Deutschland auch nicht getroffen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • simu am 12.11.2012 21:04 Report Diesen Beitrag melden

    Helvetics

    Wen die Schweiz mehr NHL/KHL oder sogar eine KHL Manschaft (Helvetics) hätte würde sich auch unsere Spieler dem härteren und agresiverem Spiel anpassen.

  • Hockeyspieler am 12.11.2012 13:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bedeutungslos

    Völlig bedeutungsloses Spiel in einem völlig bedeutungslosen Turnier gegen eine drittklassige Auswahl von Spielern mit kanadischem Reisepass. Mehr muss man dazu nicht schreiben.

  • Pius Rickenmann am 12.11.2012 10:36 Report Diesen Beitrag melden

    Unnötige Spiele

    Die Nationalmannschaft stagniert seit längerem, das fing schon bei Krüger an. Es lässt sich über den Nutzen solcher Spiele streiten. Eigentlich müsste eine Niederlage, wie diese gegen Deutschland, bereits Konsequenzen haben. Es kann nicht sein, dass in der Schweiz dauernd über die Liga in Deutschland gelächelt wird und wir uns in jüngster Zeit gegen unseren nördlichen Nachbarn nur blamieren! Nur wenn der Anspruch endlich angepasst wird, verbessert sich unser Ansehen. Simpson soll endlich verstehen, dass er Verantwortung trägt.

    • Marcel Stalder am 12.11.2012 11:28 Report Diesen Beitrag melden

      2 verschiedene paar Schuhe

      Die Nationalmannschaft und die Liga sind zwei völlig verschiedene paar Schuhe. Fakt ist, dass unsere Liga um ein vielfaches besser ist als die DEL. Die DEL ist voll mit zweit- und drittklassigen Ausländer, wir haben hingegen zusammen mit der KHL, Schweden und Finnland die besten Ausländer in Europa. Auch technisch haben wir Deutschland vieles voraus. Was bei uns aber extrem fehlt, ist das Körperspiel, die härte die bei uns so verteufelt wird (siehe Blaser). Genau das wird uns International immer wieder zum Verhängnis und hier muss sich dringend was ändern!

    • E. Realton am 12.11.2012 12:49 Report Diesen Beitrag melden

      so schlecht?

      Laut den Stadien ist die DEL aber um einiges weiter wie die NLA.

    • hallo am 12.11.2012 13:04 Report Diesen Beitrag melden

      @ E. Realton

      Stadien??

    • Simon Gerber am 12.11.2012 14:54 Report Diesen Beitrag melden

      @E.Realton + Marcel Stalder

      ja mag sein das die Stadien der DEL Klubs moderner/neuer sind als einige bei uns in der Schweiz. Finde nicht das uns International immer wieder die Härte fehlt. Erinnere mich z.B. an Vancouver 2010 wo die Schweizer gegen die Amis nach dem Motto alles was blau (USA Trikot) ist und sich bewegt wird umgehauen/umgefahren

    einklappen einklappen
  • hämsi am 12.11.2012 10:25 Report Diesen Beitrag melden

    eine Frage des Willens und Kampfgeistes

    Es ist eine alte Geschichte, aber es ist halt schon so, die schweizer können nicht schiessen! Das sieht man sehr gut jetzt wo man den NHL Spielern zusehen kann. Deren Handgelenkschüsse sind einfach 10mal härter und präziser als jene der Schweizer! Der sieg gegen Kanada zählt gar nichts, die niederlage gegen die Deutschen wenig! Man sieht einfach dass die Deutschen mehr wollten als die Schweizer! Wir sollten an einer WM endlich einmal unser Playoffhockey zeigen! 200% Einsatz, dann schlagen wir auch die Deutschen wieder!

    • the chief am 12.11.2012 13:54 Report Diesen Beitrag melden

      ja aber bei einem nutzlosen turnier?

      ah darum führt ja auch schon wieder damien brunner in der skorerliste alles klar danke für ihren wertvollen beitrag^^

    einklappen einklappen
  • Meier am 12.11.2012 10:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zaugg nervt

    Wenn die Schweiz verliert wird von Herrn Zaugg sofort dr Trainer attackiert, momentan Sean Simpson. Gewinnen die Schweizer dann mal, ist die kritik auch nicht fern. Diese notorischen Schwarzmaler-Artikel nerven. Die Welt ist nicht Schwarz und Weiss Herr Zaugg!

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