«Time-Out»

27. November 2012 15:29; Akt: 27.11.2012 15:37 Print

Davos in den Playouts - einfach unvorstellbar

von Klaus Zaugg - Bei Halbzeit der Qualifikation steht der HC Davos auf einem Playout-Platz. Kann Arno del Curto die ewigen Gesetze des Mannschaftssports doch noch ausser Kraft setzen?

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Hin und wieder können wir aus der Geschichte für den Sport lernen. Es gibt ein Buch des britischen Historikers Paul Kennedy: «Aufstieg und Fall der grossen Mächte.» Kennedy zeigt auf, wie Aufstieg und der Untergang grosser Imperien einem ewigen Gesetz folgen.

Umfrage
Schafft es der HCD in die Playoffs?
71 %
29 %
Insgesamt 2646 Teilnehmer

Im Sport ziehen sich Aufstieg und Untergang nicht über Jahrhunderte hin. Sondern in einem überschaubaren Rahmen von wenigen Jahren. Der Auf- und Abstieg der grossen Dynastien im Mannschaftsport folgt den von Paul Kennedy aufgezeigten Mechanismen. Es ist ein scheinbar unaufhaltsamer Prozess.

Seit Wiederaufstieg immer in den Playoffs

Die Dauer der sportlichen Dominanz des HC Davos übertrifft alles, was wir bisher im Playoff-Zeitalter (seit 1985/86) gesehen haben. Die Bündner haben seit dem Wiederaufstieg von 1993 nicht nur jedes Mal die Playoffs erreicht und dabei bloss dreimal nicht mindestens Platz 6 erreicht. Sie haben sich inzwischen zehn Jahre lang ganz oben gehalten und zwischen 2002 und 2011 fünf Titel geholt und zwei Finals verloren. Nie zuvor hat sich im Zeitalter der Playoffs eine Mannschaft so lange mit dem gleichen Trainer an der Spitze behauptet.

Alle grossen Playoff-Dynastien (Lugano, SC Bern, Kloten) haben mit Trainerwechseln vergeblich versucht, den unaufhaltsamen Niedergang aufzuhalten. Alle drei bezahlten die meisterlichen Triumphe mit schweren sportlichen und zum Teil auch wirtschaftlichen Depressionen. Auch der HC Davos hat es in den 1980er Jahren erwischt: Wiederaufstieg 1979, Meister 1984 und 1985, Abstieg in die NLB 1989.

Del Curto seit 1996 HCD-Trainer

1993 ist der HC Davos in die NLA zurückgekehrt, kommt seit 1996 mit dem gleichen Trainer aus und hat es bisher verstanden, eine existenzielle sportliche Krise zu vermeiden. Mehr noch: Selbst grösste wirtschaftliche Schwierigkeiten haben die sportliche Leistungsfähigkeit nur unwesentlich beeinflusst. Arno Del Curto hat selbst in windigen und stürmischen Zeiten die Mannschaft in der Spitzengruppe der Liga gehalten.

Was hat der HCD seit dem Wiederaufstieg von 1993 anders gemacht als Lugano, der SCB oder Kloten? Die grösste Differenz ist die personelle Kontinuität: Seit 1996 der gleiche Trainer (Arno del Curto) und seit zehn Jahren die gleiche Leitwölfe: Reto von Arx, Sandro Rizzi und Josef Marha spielen seit Arno Del Curtos erstem Meistertitel von 2002 eine Schlüsselrolle, Reto und Jan von Arx sogar seit 1996 dabei. Die starke, dominierende Persönlichkeit des HCD-Trainers und seine Macht sind wichtige Erfolgsfaktoren.

Das Entstehen und Vergehen des HCD-Weltreichs

Wenn wir die Theorien von Paul Kennedy über das Entstehen und Vergehen von Weltreichen auf den HC Davos des 21. Jahrhunderts übertragen (der ja in seinem Selbstverständnis auch ein wenig ein Hockey-Weltreich ist), dann müsste jetzt trotz allem der Niedergang einsetzen. Paul Kennedy hat vier Phasen herausgearbeitet:

1. Aufstieg
2. Überdehnung
3. Erschöpfung
4. Abstieg

Der Aufstieg (1. Phase) zur sportlichen Grossmacht hat beim HC Davos mit Arno Del Curtos Machtübernahme im Sommer 1996 begonnen. Ein junger, verrückter Trainer führt neue Methoden ein, lässt härter trainieren, schneller und präziser spielen und überrennt schliesslich die Konkurrenz.

Die Überdehnung (2. Phase) folgt nach dem Titelgewinn von 2002 während der Schlussphase der Regierungszeit von Luxus-Hotelier Ernst Wyrsch. Die schwere Führungs- und Finanzkrise erreicht in der Saison 2003/04 unter Präsident Georg Gasser ihren Höhepunkt. Wäre es nicht einer Gruppe um Tarcisius Caviezel (der dann auch Präsident wird) gelungen, diese schwere wirtschaftliche Krise zu meistern, dann wäre der HCD untergegangen. Diese kritische Phase der Überdehnung nach den Theorien von Paul Kennedy hat der HCD also überwunden.

Die Erschöpfung hat eingesetzt

Nun steckt der HCD in der dritten und gefährlichsten Phase nach Paul Kennedy. Nämlich jener der Erschöpfung. Die Bündner haben das Glück, dass sie für diese grösste Herausforderung seit dem Wiederaufstieg von 1993 den bestmöglichen Präsidenten haben: Gaudenz F. Domenig. Der erfolgreiche Wirtschaftsanwalt weiss, dass er kein «Champagner-Präsident» sein wird und hält es – wenn wir schon gerne historische Vergleiche ziehen - wie Winston Churchill, der einst bei seinem Amtsantritt als Premier den Briten nichts als «Blut, Schweiss und Tränen» versprochen hat.

Wie damals Churchill die Lage Englands, so beschwört auch Domenig auf eindringliche Art und Weise die Dramatik der Situation: Es komme nun eine Zeit ohne meisterlichen Ruhm. Eine dornenvolle, von Niederlagen und Rückschlägen geprägte Phase des Neuaufbaus mit Spielern, die man selber ausbilden müsse. Weil das Geld für die grossen Transfers von Stars fehle. Und verweist darauf, dass auch die Geldmaschine Spengler Cup nicht mehr auf vollen Touren läuft: Seit 2012 muss der HCD die Klubs im Unterland für die Einhaltung der Meisterschaftspause während des Turniers mit 800'000 Franken entschädigen. Und tatsächlich hat der HCD im letzten Sommer vor allem günstige «Brockenstuben-Transfers» gemacht. Vorbei die wilden Zeiten, als noch während der laufenden Saison bei den ZSC Lions ein Nationalverteidiger (Beat Forster) aus dem laufenden Vertrag herausgekauft werden konnte (2008/09).

Vergleichbar mit dem Niedergang Luganos

Was diese Phase der Ermüdung für den HCD so gefährlich macht: Wir sehen ähnliche Erscheinungen, die wir auch am Anfang des Niederganges in Lugano, Bern und Kloten beobachtet haben: Die vergangenen Erfolge führen zu einer falschen Sicherheit und verführen zum Glauben an grosse Namen. Beim HC Davos ist es das scheinbar unerschütterliche Vertrauen in die alternden Leitwölfe: Reto von Arx soll es immer noch richten und der Vertrag mit Josef Marha ist wegen der Verdienste aus der Vergangenheit und nicht wegen der Leistungsfähigkeit in der Gegenwart verlängert worden. Nur der NHL-Lockout hat die Davoser vor einer Torheit bewahrt, die ihnen die Playouts beschert hätte: Sie wollten bis auf weiteres nur mit drei Ausländern spielen. Das hätte Arno Del Curto dazu gezwungen, die besten Schweizer Spieler noch stärker zu belasten und das Resultat wäre mit ziemlicher Sicherheit ein Sturz in die Playouts gewesen. Weil die NHL ihren Spielbetrieb nicht aufgenommen hat, sind nun Joe Thornton und Rick Nash wieder nach Davos gekommen. Sie sind gleichsam wie Götter aus dem Hockeyhimmel herabgestiegen. Aber auch sie verkörpern die ruhmreiche Vergangenheit: Sie waren die prägenden Spieler der wunderbaren Saison 2004/05 mit Titelgewinn und Triumph beim Spengler Cup. Das ist lange her. Die beiden NHL-Stars sind allerdings immer noch so gut, dass sie den HCD erneut in die Playoffs und dort sehr weit führen können. Wenn sie gesund sind.

Die Chancen sind intakt, dass der HCD den ewigen Gesetzen vom Aufstieg und vom Untergang grosser Dynastien im Mannschaftsport diese Saison noch einmal trotzen kann.

Playouts nach wie vor undenkbar

Die ganz grosse Bewährungsprobe, der Kampf gegen Phase vier gemäss Paul Kennedy (Abstieg), hat allerdings bereits eingesetzt. Bei Halbzeit der Qualifikation stehen die Davoser nach wie vor auf einem Playout-Platz. Diese Klassierung ist bereits ein Hinweis darauf, was nächste Saison folgen könnte. Wenn Reto von Arx noch ein Jahr älter geworden ist und Joe Thornton und Rick Nash nach Amerika zurückgekehrt sind. Aber vielleicht gelingt es dem HCD unter Arno Del Curto und Gaudenz F. Domenig eine 5. und 6. Phase eröffnen, die Paul Kennedy in seiner historischen Analyse nicht vorgesehen hat: Erneuerung (Phase 5) und Wiederaufstieg zur Welt-, bzw. Hockeymacht (Phase 6).

Der HCD in den Playouts? Immer noch unvorstellbar. Bei unseren Prognosen haben wir ja immer die Vergangenheit im Kopf – und das sind 19-mal in Serie die Playoffs, acht Finals und fünf Meistertitel.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Icke am 27.11.2012 19:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gesetzmässigkeiten im Sport ????

    Seit 2008 bin ich ein Fan des HCD's. Kampf bis zum Umfallen und ein Trainer, der europaweit seines Gleichen sucht. Ich werde auch weiterhin die Spiele des HCD's besuchen, egal was passiert. Hier gibt's eh nur 2 sehr gute Trainer Del Curto und Schlepfer. Gesetzmässigkeiten im Sport...nee, das gibt's nur in der Politik.

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  • Hans F. am 27.11.2012 16:07 Report Diesen Beitrag melden

    Einmal Fan immer Fan!

    Ja und? Es würde uns HCD fans und dem Team auch mal gut tun nicht in den Play Offs zu sein. Dann werden die wahren Fans ausselektiert. Ob Play Off, Play Out oder 1 Liga... HCD per adina!

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  • Rudy Mentair am 28.11.2012 08:31 Report Diesen Beitrag melden

    Das Modell

    funktioniert, wenn man daran glaubt. Glaubt man hingegen an sich selbst, haben Modelle keine Bedeutung, den Zeit hat keinen Platz in Modellen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Dario Facci am 28.11.2012 08:42 Report Diesen Beitrag melden

    Kein Davoser Fan

    aber Davos gehört nun mal in die Playoffs und mit dem Kader und Trainer werden sie es auch in diesem Jahr schaffen. WEnn der HCD in die Playouts kommen würde, hiesse es dass es einen Gegner weniger gibt für die Meisteranwärter. Auf eine Seite schön aber auf die eine Seite schade, den in den Playoffs hat der HCD schon diverse Hammerserien hingelegt und als Hockeyfan will ich lieber das sehen als ein EHC Biel oder Lakers welche in den Playoffs keine Paroli bieten können.

    • Don chuan am 28.11.2012 08:48 Report Diesen Beitrag melden

      nicht ganz

      letztes Jahr 4:0 gegen den ZSC rausgefallen mit 0 chancen!

    • Dario Facci am 28.11.2012 12:48 Report Diesen Beitrag melden

      @don chuan

      Ausnahme bestätigt die Regel.

    • Peter B. am 28.11.2012 17:27 Report Diesen Beitrag melden

      0 Chancen nicht ganz

      @Don chuan - Haben wir die gleichen Playoffs verfolgt? Zwar war mit 4:0 das Verdikt ziemlich deutlich... Ich erinnere mich aber an ein Spiel 1, welches dank 3 glücklichen Lions-Toren (2 Eigentore) entschieden wurde. Ich erinnere mich an die Spiele 2 und 3, in welcher die Davoser mehrfach an der Torumrandung scheiterten. Klar Spiel 2 ging 6:1 an die Lions, dies aber nach 4 Toren im letzten Drittel, während in den ersten zwei Dritteln Davos 3 Stangenschüsse zu beklagen hatte und ein für die Zürcher glückliches Eigentor fabrizierten...

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  • Rudy Mentair am 28.11.2012 08:31 Report Diesen Beitrag melden

    Das Modell

    funktioniert, wenn man daran glaubt. Glaubt man hingegen an sich selbst, haben Modelle keine Bedeutung, den Zeit hat keinen Platz in Modellen.

  • Papkarton am 28.11.2012 06:56 Report Diesen Beitrag melden

    Ernsthaftigkeit

    Nehmt diesen bericht nicht so ernsz, gewinnt der HC Davos wieder ein, zwei Spiele ist er wieder (einmal) unschlagbar geworden und wird Meister.

  • Andre am 27.11.2012 22:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sachlichkeit

    Als Davos mit Thorten und Nash den ersten Gegner deklassierte lobten sie, Herr Zaugg den HCD in den höchsten Tönen. Dann folgte Niederlage an Niederlage und auch da hatten sie für alles eine Erklärung. Nun kommt wieder eine neue These, und in drei Wochen wohl wieder eine. Sie wechseln ihre Meinung auch wie das Wetter, und zwar immer im Nachhinein. Bitte eine etwas sachlichere Berichterstattung in Sachen Hockey, danke.

  • Icke am 27.11.2012 19:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gesetzmässigkeiten im Sport ????

    Seit 2008 bin ich ein Fan des HCD's. Kampf bis zum Umfallen und ein Trainer, der europaweit seines Gleichen sucht. Ich werde auch weiterhin die Spiele des HCD's besuchen, egal was passiert. Hier gibt's eh nur 2 sehr gute Trainer Del Curto und Schlepfer. Gesetzmässigkeiten im Sport...nee, das gibt's nur in der Politik.

    • Hr. Law am 28.11.2012 09:04 Report Diesen Beitrag melden

      0-Ahnung

      Hier gibt's eh nur 2 sehr gute Trainer Del Curto und Schle(ä)pfer. Sehr beengte, einseitige Sicht. Was macht bei dir die Annahme, dass die beiden sehr gute Trainer sind und demnach andere nicht? Würde mich doch sehr interessieren.

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