«Time-Out»

02. Dezember 2012 11:06; Akt: 02.12.2012 11:27 Print

Hilft John Fust am Ende beim Grillieren?

von Klaus Zaugg - Die SCL Tigers sind die kultigsten Verlierer der Saison. Aber wie und wo wird dieses filmreife Hockey-Theater enden?

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Mit ziemlicher Sicherheit gönnen die Hockeygötter den Langnauer den schönen neuen Ilfistempel nicht. Eine andere Erklärung gibt es für die Vorkommnisse der letzten Wochen eigentlich nicht mehr.

Wenn wir das Wesen und Wirken der SCL Tigers beschreiben wollen, so bleibt nur ein Wort: Filmreif. Aber es ist kein Hollywood-Heldentheater. Vielmehr mahnt uns alles, was seit dem grandiosen Stadion-Eröffnungsspiel vom 20. Oktober (4:3 gegen Leader Servette!) an einen Film von Aki Kaurismäki. Der finnische Kultregisseur erzählt gefühlvoll Geschichten über Aussenseiter, Verlierer und Versager.

Fussball-Niederlage gibt zu denken

Die Emmentaler haben soeben in Rapperswil-Jona kläglich-komisch 0:1 verloren. Ich war dort. Aber ich beginne meine Geschichte 24 Stunden vorher. Um besser aufzeigen zu können, dass einfach alles schief läuft.

Kehren wir also noch einmal zurück nach Langnau. Am Freitagabend spielen die Langnauer gegen den HC Davos (sie werden 3:4 verlieren). Der Fremde, der diesem Spektakel beiwohnen möchte und freudig erregt der Arena an der Ilfis zustrebt, biegt von der Hauptstrasse rechts ab und sieht den wunderbaren 32-Millionen-Tempel vor sich. Um- und ausgebaut, um endlich auch richtig Geld mit dem Verkauf von Wurst und Brot und Bier zu verdienen.

Und tatsächlich kommt der Fremde sogleich an einen schönen Imbisstand. Es gibt wunderbare Spezialitäten wie Würste aus Pferdefleisch und Currywürste. Grosses Gedränge. Viel Umsatz. Ordentlich Gewinn. Das Geschäft läuft.

«Catering» fliesst in fremde Kasse

Aber die SCL Tigers verdienen nichts. Dieser Imbisstand gehört nämlich Michael Horisberger. Dem charismatischen Leitwolf des Meisterteams von 1976. Das Management der SCL Tigers hat es nicht geschafft, mit «Michu» ins Geschäft zu kommen. Der Kultpferdemetzger darf kein Fleisch für die neue Stadiongastronomie liefern. Warum, weiss eigentlich niemand mehr genau zu sagen. Missverständnisse halt und wohl auch fehlende Diplomatie und ein bisschen Ego-Zoff. Dabei ist «Hori» den SCL Tigers wohlgesinnt und mit dem neuen Sportchef Köbi Kölliker seit Jahren befreundet.

Wir wollen nicht grübeln. Es ist wie es ist: Michael Horisberger hat auf seinem eigenen Grundstück neben dem Ilfisstadion einen tollen Imbisstand aufgebaut. Sogar mit einer TV-Grossleinwand. Er steht am Matchtag persönlich hinter dem Grill und gräbt den SCL Tigers sozusagen vor der Nase das Wasser bzw. die Würste ab.

Nach 0:1 noch nie gewonnen

Nur wenn wir um solche skurrilen Geschichten wissen, können wir ein wenig verstehen, warum nichts mehr richtig funktioniert. Natürlich kassierten die Langnauer auch gegen die Lakers wieder das erste Tor. Natürlich war es ein haltbarer Treffer. Und natürlich bereits die Entscheidung. Denn die Emmentaler können in dieser Saison kein Spiel gewinnen, wenn sie einmal 0:1 in Rückstand geraten.

Sie waren in Rapperswil-Jona nicht einmal mehr fähig, gegen die löchrigste Abwehr der Liga ein Tor zu erzielen. Und damit ist Torhüter Thomas Bäumle ein neuer, tragischer Held im Sinne von Aki Kaurismäki: Er hat grossartig gespielt, 96,77 Prozent der Schüsse abgewehrt und ist richtigerweise zum besten Spieler seines Teams gewählt worden. Aber wegen eines einzigen Fehlers, der zum 0:1 geführt hat, ist er eben auch der Vater dieser Niederlage. Ein Fall für Aki Kaurismäki.

Aus den Tigern sind Tigger geworden. Der Tigger ist die wunderbar komische Figur aus der Disney-Produktion Winnie-the-Pooh. Ein Tiger, den niemand fürchtet, den alle mögen und der im unpassenden Moment durch die Szene hüpft.

Tigers müssen über die Bücher

Bei Kritik an Langnaus Trainer John Fust, dem Architekten der Playoffs von 2011, ist es dem Chronisten unter den aktuellen Umständen so unwohl wie bei einem Ladendiebstahl. Seine Jungs haben die Freude am Hockey verloren. Sie arbeiten Hockey nur noch. Sie spielen es nicht mehr.

Die SCL Tigers sind in die tiefste Krise seit dem Wiederaufstieg von 1998 geraten. Sie gewinnen zwar als Neulinge in der Qualifikation 1998/99 nur 7 von 45 Partien und retten sich erst im 7. Spiel der Liga-Qualifikation gegen Chur. Aber es ist ein grosses Abenteuer. Todd Elik führt das Team als charismatischer Leitwolf durch diese schwere Zeit und alle wissen: Mehr ist einfach nicht möglich und wenn es dann um die Existenz geht, wird uns Martin Gerber (er bringt es später bis zum Stanley Cup-Sieger) retten. Niemand sägt an den Stühlen von Cheftrainer Köbi Kölliker und Assistent Michael Horisberger.

Aber jetzt ist fast alles anders. Was während der Saison 1998/99 ein grosses, aufregendes Abenteuer war, ist jetzt eine bodenlose Enttäuschung. Bereits am ersten Advent müssen die Emmentaler alle Playoffhoffnungen fahren lassen und sind auf den letzten Platz verbannt. Wenn es so weiter geht, schaffen die Langnauer nicht einmal mehr 7 Siege wie 1998/99.

Was passiert mit Fust?

Am Ende dieser Entwicklung steht wahrscheinlich die Entlassung eines tüchtigen, glücklosen Trainers, der auch gut ein Hauptdarsteller in einem Film von Aki Kaurismäki sein könnte.

Wie und wo wird dieses grandiose Hockey-Theater enden? Im schlechtesten Fall in der NLB und im Geltstag. Im besten Falle mit vier Siegen in der ersten Playoutrunde. Und mit einer umfassenden Neustrukturierung und teilweisen personellen Neubesetzung in so zentralen Bereichen wie Gastronomie, Vermarktung und Zusammenstellung und Coaching der ersten Mannschaft. Es braucht ein Umdenken auf allen Ebenen. Eine gewaltige Herausforderung.

Ich würde den langen Weg zum sportlichen und wirtschaftlichen Erfolg mit einem kleinen, aber symbolträchtigen Schritt beginnen: Mit einem Gespräch mit Michael Horisberger. Es kann einfach nicht sein, dass einer der charismatischsten Persönlichkeiten der Emmentaler Hockeygeschichte dem Unternehmen SCL Tigers keine Würste liefern darf. So lange «Michu» in seiner eigenen Imbissbude steht, steht in Langnau die Kirche nicht im Dorf. Und so lange droht den SCL Tigers latent die ultimative Schmach: Dass der gefeuerte John Fust jeweils am Matchtag Michael Horisberger beim Grillieren der Würste und beim Bierausschank hilft. Das würde dann nicht einmal mehr Aki Kaurismäki verstehen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • brooownie am 02.12.2012 13:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    lakers in ehren, aber...

    naja auch der Klub vom Obersee ist im Moment nicht gerade auf Rosen gebettet, wenn du die Tabelle genau betrachtest... hoffe nicht, dass dein friedliches Weltbild damit einen Riss in der Fassade erhält. ;)

  • Hockeyfan am 02.12.2012 15:45 Report Diesen Beitrag melden

    Kultjournalist

    Was hatten wir in dieser Kolumne nicht schon alles an Kultigem: die kultigsten Verlierer, Kultgoalies, Kulttrainer, Kultspieler, Kultstadion, u.v.m. Aber mein neues Lieblingskultwort stammt aus dem obigen Artikel: der Kultpferdemetzger! Herrlich!

  • P. Meili am 03.12.2012 08:40 Report Diesen Beitrag melden

    Tigers haben andere Probleme

    Glaube die Tigers haben andere Probleme als der Bratwurststand von seinem Freund Horisberger. Da die Migros ein wichtiger Sponsor ist und auch in der Ver-gangenheit war, hat man für diese Saison entschlossen das Catering via Migros zu machen, was auch Sinnvoll ist.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Spass am 03.12.2012 14:17 Report Diesen Beitrag melden

    Grosse Helden

    Wir wissen doch alle, dass Langnau in die Playouts kommen. Und wenn sie nach 4 Spielen den Ligaerhalt geschafft haben, feiert man im Emmental als ob sie den Meistertitel geschafft haben. Und alles ist wieder vergessen. Die Vorbereitung für nächste Saison kann beginnen.

  • Hr. Hufschmied am 03.12.2012 10:26 Report Diesen Beitrag melden

    Toller Beitrag

    Mir gefällt der Beitrag. Der kleine Vergleich mit den Würsten und Horisberger zeigt doch, dass im Emmental gänzlich etwas falsch läuft. Nur zusammen kann man es schaffen. Ich hoffe dies wird noch früh genug erkannt.

  • Fritz Haueter am 03.12.2012 10:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nume nid gsprängt

    Einige die Langnau gerne in der NLB sehen, sind eh meist nur die super Fans von Lugano die ihre Halle mal für mal füllen haha, soll gesagt sein. Wetten das Langnau auch in dieser Saison die Ligaquali nicht bestreiten muss. Da sehe ich noch zwei andere Vereine die gefährderter sind. Wenn alle verletzten Spieler von Langnau wieder spielen können, werden noch einige grosse Augen machen. Es soll nach dem def aus der NHL noch ein Knipser geholt werden. Kesler von den Canucks soll auf der Liste sein. Lacht nur, ihr werdet es sehen. Und zum Thema Finanzen, schaut ihr besser zur euren Finanzen. Der würde wie fast alle NHL Spieler in der NLA fremd finanziert werden! Hopp Langnou

  • Steff am 03.12.2012 08:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zwei paar Schuhe

    Sind wir ehrlich, sie gehören eine Liga nach unten und das für immer.

    • hockeynut am 04.12.2012 14:40 Report Diesen Beitrag melden

      Immer dieselbe Leier...

      Immer dieselbe Leier... "Gehören eine Liga nach unten". Wenn Langnau nach unten gehört, dann nenn gleich noch Ambri, Rapperswil und Biel. Wären die "Kleinen" nicht, was würde dem Hockeyfan noch bleiben? Eine 8er-Liga... wow krass interessant. Es ist doch immer wieder toll das mal einer der besagten "Kleinen" auch oben mitmischen kann, siehe Beispiel Biel.

    einklappen einklappen
  • P. Meili am 03.12.2012 08:40 Report Diesen Beitrag melden

    Tigers haben andere Probleme

    Glaube die Tigers haben andere Probleme als der Bratwurststand von seinem Freund Horisberger. Da die Migros ein wichtiger Sponsor ist und auch in der Ver-gangenheit war, hat man für diese Saison entschlossen das Catering via Migros zu machen, was auch Sinnvoll ist.

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