«Time-out»

08. Dezember 2012 09:55; Akt: 08.12.2012 10:11 Print

Wenn der Trainer zu sehr Animator ist

von Klaus Zaugg - Playoff-Lichterlöschen bei den Lakers. Weil Cheftrainer Harry Rogenmoser zu sehr Animator und zu wenig taktischer Diktator ist.

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Nach dem 3:6 in Biel haben die Lakers nur noch theoretische Chancen auf eine Playoff-Qualifikation. Sie verdienen eine Auszeichnung für beste Unterhaltung. Aber die taktische Naivität ist zu gross, um am Ende der Qualifikation mindestens Rang 8 zu erreichen.

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Schaffen die Lakers die Playoff-Qualifikation?
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Was ist in Biel schief gelaufen? Flöhe hüten. Dieser Begriff kommt dem neutralen Beobachter in den Sinn, wenn er das Spektakel der Lakers in Biel charakterisieren soll. Es gibt für eine schwierige Aufgabe die Redewendung «Schwierig wie ein Sack voller Flühe zu hüten.» Die Aufgabe, dem Puck den Eintritt ins Tor der Lakers zu verwehren, ist für Goalie David Aebischer so schwierig wie einen Sack voller Flöhe zu hüten. Seine Vorderleute halten sich nämlich nicht gerne an gängige Defensivsysteme. Sie orientieren sich lieber am Puck.

Mehr Gegentreffer als Langnau

So kommt es, dass es vor Aebischer manchmal zu und her geht als sei ein Sack voller Flöhe ausgeschütet worden. Die Lakers haben mit 113 Gegentreffern die löchrigste Abwehr der Liga. Sie haben bisher zwar 22 Punkte mehr geholt als Langnau. Aber auch 12 Gegentore mehr erhalten als die längst ausser Konkurrenz spielenden Emmentaler. Sie haben in den letzten drei Partien 16 Tore kassiert – da können nicht einmal mehr die Langnauer mithalten, die zuletzt in drei Spielen «nur» 11 Gegentreffer zugelassen haben.

Ambris ehemaliger Trainer Kevin Constantine, der als Talentspäher auf der Tribüne sass, sagte es im Laufe des Spiels schonungslos so: «Die Lakers sind das defensiv miserabelste Team, das ich je gesehen habe. Aber sie haben auch viel Talent und sind deshalb immer wieder in der Lage, offensive Akzente zu setzen.»

Spielweise führt gelegentlich zu Spektakel

Der zweite Teil dieser treffenden Analyse sollte in der Schlussphase die Bieler noch in Angst und Schrecken versetzen und Trainer Kevin Schläpfer zu einem Time-Out zwingen (55. Min.).
In dieser Schlussphase nach dem Anschlusstreffer zum 4:3 zeigt sich, warum die unkonventionelle Spielweise den Lakers gelegentlich überraschende Spektakel-Resultate beschert wie das 7:6 n.V. am letzten Dienstag gegen Davos. In lichten Momenten mahnen die Lakers an ein Handballteam, die, um den Gegner zu überraschen, auf offene Manndeckung umgeschaltet hat.

Aber warum ist das so? Die Lakers sind zwar taktische Anarchisten. Doch zu keinem Zeitpunkt zeigen sie Zerfallserscheinungen. Dieses Team ist intakt, gibt nie auf. Mit der Scheibe sind die Lakers in der Vorwärtsbewegung unberechenbar, kreativ und durchaus erfolgreich. Aber ohne Puck hilflos. Die Lust am Spiel ist nicht zu übersehen. Aber es fehlt die Disziplin, die Ordnung, die Struktur im gesamten Spiel. Stark vereinfacht ausgedrückt: Die Lakers sind überall und doch nirgends. Das deutet darauf hin, dass Trainer Harry Rogenmoser seine Jungs sehr wohl zu motivieren versteht und die Chemie stimmt. Aber mit ziemlicher Sicherheit ist Rogenmoser mehr Animator als taktischer Diktator. Alles deutet darauf hin, dass er nicht dazu in der Lage ist, taktische Ordnung zu schaffen.

Diva Jason Spezza als Symbolfigur

Eigentlich symbolisiert kein Spieler besser diese Lakers als die Diva Jason Spezza. Er spielt praktisch nur von der roten Linie an vorwärts. Er ist der Topskorer seines Teams und hat auch in Biel einen Treffer erzielt. Aber das Eis mit einer -2-Bilanz verlassen.

Es war für die Bieler nicht einfach, gegen diese unberechenbaren taktischen Nonkonformisten die budgetierten drei Punkte einzufahren. Am Schluss brauchten sie auch noch ein bisschen Glück um ein Spiel zu gewinnen, das sie einfach gewinnen mussten, um die Playoffchancen zu wahren. Wohl wissend: Wer in diesen entscheidungsschweren Hockeytagen diese Lakers nicht schlägt, ist die Playoffs nicht wert.

Die Abhängigkeit Biels von den Lockout-Spieltern

Aus dieser Warte betrachtet, waren die Bieler gestern die Playoffs wert. Sie spielten lange zügig aber ohne Hast vorwärts und sorgten für permanenten Druck auf den bedauernswerten David Aebischer. Die Scheibenverluste in der eigenen und neutralen Zone beschworen für die Lakers mehr kritische Situationen herauf als gezielte, präzise Angriffe der Bieler. Aber selbst das 3:0 und 4:2 war noch nicht die Entscheidung. Weil die Lakers mit der Scheibe halt immer für eine tapfere offensive Tat fähig sind und nie aufgeben. Wenn nur Jason Spezza ein wenig motivierter gewesen wäre – dann wäre die Wende vielleicht möglich gewesen. Erst das erste NLA-Tor von Dario Trutmann (20) zum 5:3 war die Entscheidung.

Kevin Schläpfer ist mit seiner Mannschaft auf Kosten des HC Lugano auf den 8. Platz in die Playoffs vorgerückt. Die beiden NHL-Stars Tyler Seguin und Patrick Kane waren gestern zwar nur beim 1:0 direkt beteiligt. Aber eine Wiederaufnahme des Spielbetriebes in der NHL könnte in Biel trotzdem zu offensiven Stromausfällen führen. So lange in der NHL nicht gespielt wird, sollten die beiden Stürmer bleiben. Patrick Kane fliegt zwar am Sonntag nach Chicago zurück. «Aber das haben wir mit ihm schon lange so abgesprochen», beruhigt Sportchef Martin Steinegger. «Er wird rechtzeitig für die Spiele nach der Nationalmannschaftspause und den Spengler Cup wieder zurück sein.» Biel plant auch nach der Nationalmannschaftspause mit seinen beiden NHL-Stürmern. Sofern im NHL-Tarifstreit keine Lösung gefunden wird.

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