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«Time-Out»
29. September 2011 07:50; Akt: 29.09.2011 11:13 Print
Ambris «Bessermacher»
von Klaus Zaugg - Kann ein Trainer eine Mannschaft verändern? Ja, er kann. John Fust hat es letzte Saison in Langnau getan. Und Kevin Constantine tut es jetzt in Ambri.

Mit Kevin Constantine kamen in Ambri auch die guten Resultate zurück.
Die Entlassung von Trainer und Sportchef Benoit Laporte am 11. Oktober 2010 und die Anstellung von Kevin Constantine am 18. Oktober 2010 sind Ambris wichtigste Personalentscheide im 21. Jahrhundert. Mit Kevin Constantine ist vieles anders und besser geworden: Das Spielkonzept, die Trainingsqualität, die Spieldisziplin, die Chemie im Team – und die Resultate.
Gutes Transferhändchen
Der 54-jährige Amerikaner hat nicht revolutionäre Trainingsmethoden nach Ambri gebracht. Er hat auch kein neues, noch nie gesehenes Spielsystem erfunden. Er hat lediglich das Spielkonzept seinen Spielern angepasst und mit einem einzigen Transferhandgriff die Mannschaft verbessert: Ein Verteidiger kann das Spiel am stärksten beeinflussen. Mit Maxim Noreau hat Ambri wahrscheinlich den besten Verteidiger der Liga. Der Kanadier ist einer der wenigen Spieler, die Ebbe und Flut des Spiels zu steuern vermögen. Er stabilisiert die Defensive und hat mit schnellen Pässen oder schnellen Vorstössen oft die Wirkung eines vierten Stürmers. Er ist Topskorer seines Teams, er hat am meisten Schüsse aufs gegnerische Tor abgegeben und weist die beste Plus/Minus-Bilanz auf.
Ambri ist in dieser Saison das, was die SCL Tiger vor einem Jahr waren: Die Überraschungsmannschaft. Sogar die Spielweise ist nahezu identisch und entspricht ziemlich genau dem Defensivhockey unseres ehemaligen Nationaltrainers Ralph Krueger: Mit klugem Positionsspiel in allen drei Zonen wird dem Spiel des Gegners der Sauerstoff entzogen. Es funktioniert, weil Spieldisziplin und Erfolgsquote in den Zweikämpfen hoch sind. Und auch bei den SCL Tigers trug vor einem Jahr mit Jörg Reber ein Verteidiger den Helm des PostFinance-Topskorers.
Hockeytrainer durch und durch
Kevin Constantine ist also kein charismatischer Wundermann. Aber er ist selbst im Vergleich zu Perfektionisten wie Arno Del Curto, John Fust oder Chris McSorley und Larry Huras ein «Workaholic» und Perfektionist. Seine Bewunderer sagen, er nütze seinen scharfen Verstand zu 99,9 Prozent fürs Eishockey. Ein Hockey-Technokrat, der das Spiel in alle Einzelteile zerlegt, wieder zusammenbaut und ins hinterste Detail ausanalysiert, alle Spieler gleich behandelt und das Leistungsprinzip über alles stellt.
Die Befürchtungen, er könnte im Umgang mit den Spielern zu rau sein, haben sich nicht bestätigt. Vielmehr ist es dem Amerikaner gelungen, die Herzen und Seelen der Spieler zu erreichen. Weil er sie mit seiner Hockeyleidenschaft und –kompetenz überzeugt. Er sagt, er behandle die Spieler in Ambri genau gleich wie einst die NHL-Profis. Die Behauptung, Schweizer seien weicher als nordamerikanische NHL-Profi, sei kompletter Unsinn: «Ich sehe keinen grossen Unterschied. Die Leidenschaft für das Spiel und das Wissen, dass es letztlich auch um den Job geht, sind drüben wie hier in Ambri sehr ähnlich. Der Unterschied zwischen den Eishockeykulturen in der NHL und in der Schweiz ist gar nicht so gross. Ich gehe mit den Spielern in Ambri nicht anders um als früher mit den NHL-Profi. Ich gebe jeden Tag alles, was ich habe, um die Spieler besser zu machen und dafür verlange ich von den Spielern maximalen Einsatz im Training und im Spiel.»
Keine Zeit für Smalltalk
Dass Kevin Constantine jetzt in Ambri und nicht mehr in New York, Los Angeles oder Montreal arbeitet, obwohl er in San José, Pittsburgh und New Jersey zwischen 1993 und 2002 in der wichtigsten Liga der Welt durchaus erfolgreich war (377 Spiele, 161 Siege) und San José den ersten Sieg in einer Playoffserie bescherte, hat wahrscheinlich auch mit seiner starken Persönlichkeit zu tun: Der hochintelligente Amerikaner ist eine «Einzelmaske» und vertraut auf die Kraft seiner Argumente, die Qualität seiner Arbeit und nicht auf gute Beziehungen. Jobs gibt es in der NHL aber oft nur, wer nebst allen fachlichen Qualitäten auch die richtigen Beziehungen hat und zu einem der vielen «Clans» gehört. Kevin Constantine verschwendet keine Zeit mit Smalltalk und das Knüpfen von Beziehungen. Er geht lieber wieder an die Arbeit. Es passt zu seinem Wesen und Wirken, dass er die Fortschritte seiner Mannschaft gegenüber 20 Minuten Online relativiert: «Sind wir wirklich besser als letzte Saison? Das muss sich noch weisen. Es sind erst acht Partien gespielt und jede davon hätte auch einen anderen Verlauf nehmen können. Eishockey ist ein unberechenbares Spiel.»
Kevin Constantine ist kein Besserwisser. Er ist der Bessermacher. Wenn er gleich viel Glück hat wie John Fust letzte Saison in Langnau und keine Schlüsselspieler durch langwierige Verletzungen verliert, dann sind für Ambri die ersten Playoffs seit dem Frühjahr 2006 möglich.






























