«Time-Out»

23. Oktober 2011 14:40; Akt: 23.10.2011 14:40 Print

Aufregung in Bern, Lugano und MontréalAufregung in Bern, Lugano und Montréal

von Klaus Zaugg - Die Schweiz ist am Wochenende gleich von zwei Trainerentlassungen erschüttert worden. Das war auch beim Vater aller NHL-Klassiker ein Thema.

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Die arbeitslosen Trainer Larry Huras (l.), Barry Smith (m.) und Michel Therrien. (Bild: Keystone/AP)

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Die Kathedrale des Eishockeys. Das «Centre Bell» in Montréal. Der grösste Video-Würfel der Welt, die klangvollste Soundanlage aller Hockeystadien. Die Zuschauer singen die kanadische Hymne vor dem Spiel gegen Erzfeind Toronto mit. Eine intensivere Hockey-Feierstunde ist in Kanada während der Qualifikation nicht mehr möglich. Und doch sind bei diesem Vater aller NHL-Klassiker die Trainerentlassungen in der Schweiz ein Thema.

Als ich am Samstag in Kloten kurz nach 12 Uhr die Maschine nach Montréal besteige, ist Barry Smith in Lugano offiziell noch in Amt und Würden. Der Flug passt perfekt: Es reicht gut fürs Spiel am Abend gegen Toronto.

In der Medienlounge kreuzt gleich der Agent von Michel Therrien (48) meinen Weg und der zieht mich beiseite: «Was denkst Du, gibt es in Bern doch noch eine Chance? Oder könnte Michel nach Lugano gehen?» Zur Erklärung: Michel Therrien ist ein arbeitsloser NHL-Coach der neuen Generation. Zuletzt in Pittsburgh gefeuert, jetzt TV-Kommentator und auf Jobsuche. Der Francokanadier ist an einem Job in der Schweiz interessiert. Bereits im letzten Frühjahr hatte er mit Fribourg-Gottéron verhandelt und fiel aus den Traktanden, weil er auf einer NHL-Ausstiegsklausel beharrte.

Die Frage nach dem SC Bern leuchtet mir ein. Schliesslich ist Larry Huras gefeuert worden. Aber Lugano? Und so erfahre ich fern der Heimat, dass Barry Smith das Handtuch geworfen hat. Aufregung in Bern, Lugano und Montréal.

SCB kein Thema mehr

Therriens Agent hat inzwischen bereits eine Absage aus Bern erhalten. «Der Sportdirektor hat mir erklärt, dass man es mit dem Assistenten versuchen wolle und vorerst keinen neuen Coach brauche.» Klar doch: Kaum hat SCB-General Marc Lüthi die Revolution inszeniert, denkt er wieder an die Kohle: Assistent Antti Törmänen hat er ja sowieso bis Ende Saison auf der Lohnliste. Was soll er da ein Experiment mit einem NHL-Coach machen? Das kostet nur Geld.

In Lugano ist die Chance vielleicht grösser. Sportchef Roland Habisreutinger hat jedenfalls bereits ein Bewerbungs-Mail von Therriens Agenten bekommen. Die Schweiz ist durch die NHL-Generäle in unserer Liga (Kevin Constantine, Bob Hartley, Barry Smith) ins Blickfeld der nordamerikanischen Coaches gerückt. Unsere NLA wird auf einmal als so etwas wie ein «Hockey-Disneyland» wahrgenommen: Schliesslich sind die Trainerlöhne in der Schweiz (bis zu 400 000 Franken netto) überaus attraktiv – noch immer verdienen nicht alle NHL-Coaches deutlich mehr als eine Million brutto. ZSC-Trainer Bob Hartley trägt mit seinen Kolumne in einer grossen Montrealer Zeitung über sein Zürcher Abenteuer viel zur Popularisierung unseres Hockeys bei.

Wäre Michel Therrien überhaupt ein Trainer für die NLA? Ja, mit ziemlicher Sicherheit. Therrien hat in Pittsburgh die Mannschaft um Sidney Crosby geformt, die dann, als er schon gefeuert worden war, den Stanley Cup holte. Ein charismatischer, durchaus mit Bob Hartley vergleichbarer Trainertyp. Mit ganz anderem Durchsetzungsvermögen als Luganos Barry Smith, der seine Karriere vor allem seiner politisch-diplomatischen Schlauheit verdankt: Smith war in Nordamerika immer nur als Assistent (meistens mit Scotty Bowman) erfolgreich. Dass Smith in Lugano das Handtuch beim ersten Gegenwind geworfen hat, erstaunt hier nicht. Und vielleicht wäre ja tatsächlich ein durchsetzungsstarker Coach wie Therrien, der keine politischen Rücksichten nimmt, eine Lösung für Lugano. Und eigentlich auf für den SC Bern.

Bleibt Therrien in Übersee?

Aber vielleicht bekommt Michel Therrien ja doch noch eine Chance in der NHL. Die Krise in Montréal könnte bald in einer Trainerentlassung gipfeln: Die Canadiens sind nach dem 4:5 n.V. gegen Toronto mit sechs Niederlagen aus den sieben ersten Spielen auf den zweitletzten Platz abgerutscht. Gegen Toronto haben die Canadiens ein wildes Spektakel geboten: Eine dynamische Laufmannschaft, die zu oft unkontrolliert stürmt (zwei Strafen wegen zu vielen Spielern auf dem Eis). Die Polemik gegen Coach Jacques Martin läuft.

Mittendrin auch die zwei Schweizer Verteidiger Raphael Diaz (25) und Yannick Weber (23). Im Powerplay bilden die beiden sogar ein Paar an der blauen Linie. Diaz (bisher 1 Tor/1 Assist) verteidigt an der Seite von Hall Gill (36, 1000 NHL-Spiele), steht im Starting Lineup und ist nach den sieben ersten NHL-Spielen weiter als einst Mark Streit zum gleichen Zeitpunkt. Aber noch hat er seinen Stammplatz nicht auf sicher: Nach wie vor logiert er auf Kosten der Canadiens im Fünfsternhotel «Crystal» gleich neben dem Stadion. Er wird erst die Erlaubnis erhalten in eine eigene Wohnung zu ziehen, wenn er seinen Stammplatz auf sicher hat.

Diaz lässt sich gegen Toronto eine ausgeglichene Bilanz notieren, steht beim Siegestreffer von Toronto unschuldig auf dem Eis und kommt auf 15:51 Minuten Eiszeit. Weber (bisher 1 Tor/2 Assists) hat eine positive Bilanz (+1) und gar 22:11 Minuten Arbeitseinsatz. Das kommt daher, weil er vom Coach wie eine «Allzweckwaffe» eingesetzt wird: In Unterzahl, in Überzahl und bei nummerischem Gleichstand. Meist ist Alex Emelin (25) sein Partner. Weber hat bei weitem nicht die Klasse von Diaz. Eher wirkt er wie ein fleissiger, bissiger Energiespieler, der wohl noch am nächsten Tag herumfräsen würde, wenn das Licht im «Centre Bell» nicht gelöscht würde.

Nach Mark Streit (jetzt bei den Islanders) kommen nun mit Diaz und Weber gleich zwei Schweizer in der Verteidigung des berühmtesten und erfolgreichsten Hockeyunternehmens der Welt regelmässig zum Zuge. Sie verteidigen für Montréal im gleichen Dress wie einst Larry Robinson, Guy Lapointe, Serge Savard, Doug Harvey oder Chris Chelios. Eigentlich ein in der Schweiz kaum beachtetes Hockey-Wunder.

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  • Isotop am 23.10.2011 17:51 Report Diesen Beitrag melden

    Ein "typischer Zaugg" ;)

    Nicht vergessen das Montreals PP-General (Markov) von seiner Langzeitverletzung zurückkehrt, und auch sonst das D-Corps von Montreal mit Verletzungen zu kämpfen hat (Spacek, Campoli). Sie spielen gut, aber das ist jetzt nicht unbedingt ein Hockey-Wunder.

    • Canadien am 24.10.2011 08:33 Report Diesen Beitrag melden

      Campoli und Spacek?

      Diaz ist nach einer gewissen Gewöhnungszeit an das kleine Feld jedoch klar stärker einzuschätzen als ein Spacek oder Campoli. Spacek ist ein Oldtimer, der nicht mehr lange in der NHL spielen wird und sehr verletzungsanfällig ist. Campoli ist vom Typ her ein ähnlicher Spieler wie Diaz, jedoch spielt Diaz intelligenter. Weber ist einfach ein super Allrounder in der Verteidigung mit einem super Slapshot. Er hat die Eiszeit mehr als nur verdient, das zeigt seine Plus-Minus Bilanz (+4).

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