«Time-Out»

18. November 2011 08:33; Akt: 18.11.2011 10:35 Print

Berns Antwort auf Lukas HaasBerns Antwort auf Lukas Haas

von Klaus Zaugg - Die SCL Tigers haben nicht die Mittel, um in den Transfer-Edelboutiquen einzukaufen. Aber mit Etienne Froidevaux haben die Emmentaler auf dem Transferwühltisch eine Rolex gefunden.

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Etienne Froidevaux (Nr. 20) im Einsatz seines bisherigen Arbeitsgebers SC Bern. (Bild: Keystone/AP)

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Selbst dem SC Bern, also dem wirtschaftlich stärkstes Hockeyunternehmen, gelingt nur selten ein wirklich grosser Transfer, weil die Stars so teuer geworden sind. Im Eishockey von heute sind «Blockbuster-Transfers» nur noch in Ausnahmefällen möglich. Um eine Mannschaft weiter zu entwickeln, braucht es mehr Verstand als Geld. Und Glück.

Das Problem für die Sportchefs: Sie holen einen Spieler. Aber es kommt ein Mensch. Die fachtechnische Einschätzung ist nicht einmal mehr die halbe Miete. Heute braucht es viel mehr Abklärungen neben dem Eisfeld, um einen Spieler richtig beurteilen zu können. Und selbst ein Sportchef, der mit bestem Wissen und Gewissen arbeitet, braucht viel Glück. Typisch dafür: Der SCB bezahlte einem NHL-Scout pornografisch viel Geld für Exklusiv-Informationen bei der Rekrutierung der Ausländer. Mit dem Resultat, dass der SCB seit der letzten Saison gemessen an den finanziellen Mitteln die schwächsten Ausländer seit dem Wiederaufstieg von 1986 hat. Dieser NHL-Scout wird inzwischen exklusiv von Biel bezahlt. Und jetzt hat auch Biel mehrheitlich ungenügende Ausländer. Wir sollten also Fehleinschätzungen gnädig beurteilen.

Das langfristige Ziel der Tigers

Die SCL Tigers reden nicht viel davon, aber sie denken immer daran: Sie wollen in drei Jahren ein Team für die obere Tabellenhälfte haben. Sie sind darauf angewiesen, junge Spieler zu finden, deren Potenzial bei der Konkurrenz falsch eingeschätzt wird. Oder die sich bei der Konkurrenz aus irgendeinem Grund nicht durchsetzen können. Die Emmentaler kaufen nicht in den edlen Transfer-Boutiquen fertige Stars ein. Dafür fehlt das Geld. Aber sie durchstöbern die Transferwühltische. So wie es einst Lakers-Sportchef Reto Klaus jahrelang mit erstaunlichem Erfolg getan hat. Die Lakers kamen sogar einmal bis ins Halbfinale (2005/06). Erst als die Ertragskraft der neuen Arena den Lakers zu viel Geld und Arroganz bescherte, begann der unaufhaltsame Abstieg.

Neue Rolle für Froidevaux

SCB-Stürmer Etienne Froidevaux ist ein typischer Transfer für das neue Langnau. Froidevaux ist sozusagen Berns Antwort auf Langnaus Lukas Haas (23). Sein Talent wurde früh erkannt und gerühmt. Doch der Durchbruch ist nach einem vielversprechenden Ansatz in der Meistersaison 2009/10 (im 7. Finalspiel erzielte er beim 4:1 gegen Servette das 1:1 und assistierte zum 2:1) nicht gelungen.

Inzwischen ist klar: Beim SCB steckt Froidevaux in der Karrieresackgasse (bisher 188 Spiele/21 Tore/33 Assists) und würde Junior auf Lebzeiten bleiben. SCB-Sportchef Sven Leuenberger ist für den Froidevaux-Transfer nach Langnau nicht zu kritisieren. Der junge Stürmer braucht eine neue Herausforderung. In Langnau wird er eine zentrale Rolle übernehmen können. Sein Potenzial ist enorm und war auch bei den NHL-Scouts ein Thema. Letztlich ist er bei den Nordamerikanern nicht nur wegen fehlender Wasserverdrängung und Zweikampffreudigkeit durchgefallen: Nach wie vor ist offen, ob der Center bei allem Talent schnell genug denken und handeln kann. Auf den schmalen nordamerikanischen Eisfeldern hätte er womöglich zu wenig Zeit und Raum gehabt, um sein Talent umzusetzen. In Langnau wird sich nun zeigen, ob aus Froidevaux ein dominierender NLA-Center wird, oder ob ihm zwei, drei Stundenkilometer Tempo für die grosse Karriere fehlen.

Der Vergleich mit Lukas Haas

Die Parallelen zu Lukas Haas sind nicht zu übersehen. Haas ist zwar kein typischer Center und erzielt auch auf den Aussenbahnen viel Wirkung. Darüber hinaus ist er in den Zweikämpfen bissiger. Auch er ist, wie Froidevaux, eher Spielmacher als Vollstrecker. Wie bei Froidevaux wird sein Talent früh erkannt. Ein statistischer Vergleich der jeweils letzten Saison bei den Elitejunioren zeigt, dass die beiden auf ähnlichem Niveau spielen: 26 Tore und 38 Assists für Haas, 20 Tore und 27 Assists in 35 Partien für Froidevaux. Haas ist auch deshalb etwas produktiver, weil er bereits bei den Elitejunioren mit Simon Moser den perfekten Mitspieler in seiner Linie hat. Sogar Arno Del Curto interessiert sich für den talentierten Langnauer.

Haas schafft den Durchbruch wegen mehreren Verletzungen nicht und verschwindet wieder vom Radar der Sportchefs. Die Langnauer sind geduldig. Weil sie kein Geld haben um mit den eigenen Junioren ungeduldig zu sein. Nach einer Ehrenrunde durch die NLB (84 Spiele/16 Tore/22 Assists für Thurgau, Langenthal und Olten) gehört er nun seit der letzten Saison zum «harten Kern» der SCL Tigers (bisher 139 Spiele/21 Tore/40 Assists in der NLA).

Ähnlicher Karriereverlauf bei Froidevaux?

Etienne Froidevaux nächste Saison in Langnau wie Lukas Haas? Ja, so kommt es, wenn Froidevaux jenes Glück hat, das es im Laufe einer Karriere immer braucht. Wegen fehlender Geduld der Langnauer wird er nicht scheitern.

P.S. Es hätte sich für den SC Bern gelohnt, mit John Fritsche junior (20) noch etwas Geduld zu haben. Er ist trotz mässiger Statistik (18 Spiele/3 Assists) zu früh im Tausch mit Adrian Brunner (24) nach Genf abgeschoben worden.