«Time out»

14. September 2011 12:49; Akt: 14.09.2011 13:35 Print

Den Löwen fehlt der BissDen Löwen fehlt der Biss

von Klaus Zaugg - Die ZSC Lions verlieren gegen den SC Bern 0:3. Ist die Mannschaft mit dem härtesten Trainer der Liga zu weich und zu langsam? Eine Einschätzung.

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Der Saisonstart lief für die ZSC Lions gar nicht nach Wunsch. (Bild: Keystone/AP)

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Im Februar 1972 fragte US-Präsident Richard Nixon bei einem Staatsbesuch Chinas Ministerpräsidenten Tschou En-lai, was er eigentlich von der Französischen Revolution halte. Tschou En-lai: «Es ist noch zu früh für eine Beurteilung.»

Die Zeitläufe im Eishockey sind anders als in der Weltgeschichte. Der weise Tschou En-lai mochte nach fast 200 Jahren noch kein Urteil fällen. Der Hockeychronist hingegen hat die ZSC Lions schon nach drei von 50 Spielen zu bewerten.

Die stotternde Tormaschinerie

5:6 n.V. gegen den EV Zug mit einer Lotterverteidigung, 2:1 n.V mit viel, viel Glück in Lugano und nun gänzlich chancenlos 0:3 gegen den SC Bern. In sechs von bisher neun Dritteln haben die Zürcher kein Tor erzielt und nur in einem von neun Dritteln mit Leidenschaft gespielt.

Der Trainer ist neu, die Saison und ein Ausländer auch – aber die Probleme sind die gleichen geblieben: Die Torproduktion ist ungenügend. So wie zuletzt gegen den SC Bern hätten die Zürcher auch unter Cheftrainer Colin Muller spielen können.

Gewiss: Der SC Bern war für die ZSC Lions auf der Suche nach einer neuen Identität ein denkbar ungünstiger Gegner: Die Berner sind sehr gut organisiert, spielen geduldig und taktisch diszipliniert, sie sind die Könige der unspektakulären Arbeitssiege und sie haben mit Torhüter Marco Bührer einen sehr starken Rückhalt. Gegen diesen SCB braucht es Tempo, spielstarke Center, die das Spiel öffnen und beschleunigen – und eine gesunde Härte.

Es gibt noch viel zu tun

Das alles fehlt den ZSC Lions. Trainer Bob Hartley, einst selbst in der NHL ein harter Hund, wirkt nach dem 0:3 ratlos. Er hat keine Erklärung für die Offensivschwäche und lediglich festgestellt, dass die Stürmer auch im Training nicht so gut schiessen und treffen, wie er sich das eigentlich vorstellt. Vorerst macht Hartley das, was ein Trainer in diesem frühen Stadium der Saison immer tut: Er nimmt seine Spieler in Schutz und sagt, man müsse die Schwächen im Training beheben.

Es wartet viel Arbeit auf Bob Hartley. Die spielerischen Mängel sind offensichtlich: Severin Blindenbacher ist völlig ausser Form, war gegen den SCB an zwei Gegentreffern mitschuldig und gehört eigentlich zum Formaufbau ins Farmteam in die NLB zu den GCK Lions. John Gobbi ist nur ein Schatten seiner besten Servette-Tage. Vorne haben die ZSC Lions keinen spielstarken, dominanten Center/Spielmacher. Und ob sich der Wechsel auf der Goalieposition (Ari Sulander auf die Bank, Lukas Flüeler ins Tor) auf Dauer bewährt, muss sich erst noch weisen.

Doch die grösste Schwäche liegt in einem anderen Bereich: Die ZSC Lions sind viel zu weich. Berns Verteidiger Johann Morant hat im Saisonvorbereitungspiel ZSC-Captain Mathias Seger mit einem Faustschlag ins Gesicht verletzt. Deshalb fehlt Seger zurzeit. Ein Racheakt ist nicht erwartet worden. Aber wenigstens mit einem harten, fairen Check hätte einer gegen Morant ein Zeichen setzen können. Ein Zeichen setzen müssen.

Aber die ZSC Lions setzten kein Zeichen. Es ist zwar richtig, dass sich gegen den SC Bern kein Gegner taktische und sonstige Disziplinlosigkeiten leisten kann. Aber es gibt die Möglichkeit, leidenschaftlich, hart und fair zu spielen. Doch dazu sind die ZSC Lions offensichtlich nicht in der Lage. Sie sind von allen vier Linien der Berner in den Zweikämpfen dominiert worden. Kein Wunder rühmte Bob Hartley den SCB, die Ausgeglichenheit dieses Gegners über vier Linien und sagte, der SCB sei die beste Mannschaft, die er bisher gesehen habe. Er wird Augen machen, wenn Davos und Kloten kommen.

Die Talfahrt droht weiter zu gehen

Der SCB ist nämlich noch bei weitem nicht in Form. Sean Simpson, Colin Muller und Bengt-Ake Gustafsson haben letztlich vor der Macht der Spieler kapituliert. Die ZSC Lions haben mit einer Mannschaft, die das Talent für den Qualifikationssieg hätte, zuletzt die Ränge zwei, sechs und sieben erreicht. Ein steter Abstieg, der sich auch unter Bob Hartley ungebremst fortzusetzen droht.

Tschou En-lai konnte es sich leisten, nach fast 200 Jahren noch keine Wertung der Französischen Revolution abzugeben. Bob Hartley muss sich hingegen rasch klar werden, was er in Zürich will: Entweder setzt er sich durch, stellt den Schlendrian seiner Stars ab und sorgt für eine neue Leistungskultur. So wie das von ihm erwartet wird. Oder er ist schon in der ersten Nationalmannschaftspause nicht mehr ZSC-Trainer. Wahrscheinlich hat noch nie ein ehemaliger NHL-Coach und Stanley Cup-Sieger eine so verweichlichte Mannschaft übernommen.

P.S. Schlendrian bedeutet langsame, träge, nachlässige und dadurch inneffektive und fehleranfällige Arbeitsweise.

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  • Toddy am 20.09.2011 09:09 Report Diesen Beitrag melden

    Ruhig ists hier geworden

    Hier ist es aber Still geworden, dabei hätte die Aktion von Forster doch durchaus ein "Time-Out" verdient. Doch der gute Herr Zaugg will sich die Altjahreswoche in Davos nicht nehmen lassen. Polemik über den ZSC oder einen Josh Holden kann halt doch einigers einfacher betrieben werden

  • robin zahner am 14.09.2011 16:56 Report Diesen Beitrag melden

    nagel auf den kopf getroffen

    vorgestern hätte ich gelacht über diesen artikel. seit ich gestern aber im hallenstadion war, muss ich dem verfasser recht geben. gut geschrieben und sehr treffend.

  • Misko am 14.09.2011 16:22 Report Diesen Beitrag melden

    Ja hei gib ihm doch etwas Zeit...

    Eigentlich ja ein völlig verfrühtes Urteil aufgrund eines Spiels. Der Trainer wird wohl nicht pennen und alle Register ziehen um die Schwächen auszumerzen. Einige Hockeyskills lassen sich nun mal nicht so rasch verbessern.. :-) Die Tore kommen dann automatisch mit dem Selbstvertrauen. In einem Punkt geb ich Chlaus aber recht, Blindi spielt zurzeit grauenhaft. Wenn der in Form kommt und Seger zurück ist, wird das Team ein Gesicht bekommen. Zurzeit ruhen die Hoffnungen auf Geniestreiche von Monnet, Tambellini und Ambühl... Gruss von einem EVZ-Fan