«Time-out»

13. April 2011 06:30; Akt: 13.04.2011 10:00 Print

Der HC Davos so perfekt wie nieDer HC Davos so perfekt wie nie

von Klaus Zaugg - Wie ist der 30. Titel des HC Davos einzustufen? Wir haben hockeytechnisch den besten HCD gesehen, der unter Arno Del Curto die Meisterschaft gewonnen hat.

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So nahe am perfekten Eishockey wie in diesem Finale waren die Davoser unter Arno Del Curto (oder seit 1996) noch nie. Was heisst perfekt? Perfekt heisst, auch dann auf höchstem Niveau Spiele und eine Meisterschaft gegen einen starken Gegner zu gewinnen, wenn wichtige Spieler nicht mehr in Höchstform sind. Wenn es möglich ist, gerade dann aufzustehen, wenn (fast) alle glauben, nun komme die Krise. Wenn es dem Trainer gelingt, Form und Spielweise unter Extrembelastung einer Finalserie zu programmieren.

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Wir haben zwar von der Dramaturgie her keinen ganz grossen Final erlebt. In den Medien gab es wenig Lärm. Polemiken blieben fast ganz aus und Einzelrichter Reto Steinmann hatte nichts zu tun. Aber es war hockeytechnisch einer der besten Finals, darüber hinaus ein Finale des Anstandes und des Respektes auf und neben dem Eis und phasenweise der schnellste Final aller Zeiten.

Auf das «Zerstören» verzichtet

Zwei Mannschaften spielten auf Augenhöhe, verzichteten auf das «Zerstören» des Spiels. Mit dem Höhepunkt in Spiel fünf, als die Klotener in Davos aus einem 1:3 in der Verlängerung ein 4:3 machten. Besseres Eishockey als in diesem Spiel ist fast nicht mehr möglich.

Und wir können sagen: Also doch eine göttliche Ordnung. Eishockey in Zeiten der Playoffs 2011 ist, wenn der HC Davos gewinnt. Die Kloten Flyers haben auch im sechsten Spiel ein weiteres Mal kräftig und an dieser scheinbar göttlichen Ordnung unseres Hockeyuniversums gerüttelt. Aber mit dem zweiten Sieg haben sie am letzten Samstag zugleich die Rolle des Aussenseiters verloren. Nach diesem zweiten Sieg und der Chance, in der sechsten Partie zu Hause den Ausgleich in diesem Finale schaffen und ein finales siebtes Spiel erzwingen zu können, wagten die Klotener das Undenkbare zu denken: Es ist möglich, diesen HC Davos zu bezwingen und Meister zu werden!

Startdrittel, das schwächste der Flyers

Diese neue Ausgangslage hat das Wesen und Wirken der Zürcher verändert. Nicht fundamental. Nur minimal. Aber in einem so hochstehenden Finale mit zwei Teams, die sich auf Augenhöhe begegnen, entscheidet jedes Detail. Weil die Klotener nun wieder etwas zu verlieren hatten, ging etwas von ihrer Unbeschwertheit verloren, die sie im vierten und fünften Spiel zum Sieg getragen hatte. Das erste Drittel in der sechsten und letzten Partie war das schwächste der Flyers in dieser Finalserie. Sie spielten erst ab Spielmitte wieder ihr bestes Hockey.

HCD-Trainer Arno Del Curto erkannte am Sonntag im Interview mit 20 Minuten Online etwas Entscheidendes: «Ich muss gestehen, dass die Klotener hungriger waren. Das wird sich ändern. Ganz sicher.»

Davos entschlossener

Es änderte sich tatsächlich: Die Davoser spielten der finalen Partie entschlossener und konzentrierter. Zielstrebigkeit, Mut, Konzentration, Kaltblütigkeit, Effizienz und Biss kehrten zurück. Sie machten weniger Fehler und vermochten so einen spielerisch ebenbürtigen und sogar eine Spur schnelleren, aber in den entscheidenden Phasen zu hektischen Gegner zu besiegen.

Der HCD trat genau so auf wie eine Mannschaft, deren Trainer und Spieler über das Herrschaftswissen verfügen, wie eine Meisterschaft gewonnen wird. Und die dieses beinahe an Arroganz grenzende Selbstvertrauen besitzen, das jede ganz grosse Mannschaft auszeichnet: Die scheinbar unerschütterliche Überzeugung, am Ende des Tages doch Sieger zu sein. Komme, was wolle.

Die grosse, blau-gelbe Hockeymaschine hat im alles entscheidenden Spiel wieder mit der Präzision eines Computers funktioniert: Fünf Powerplays wurden zu drei Toren ausgenützt. Die Klotener vermochten aus sechs Powerplay-Situationen – zwei davon mit fünf gegen drei – kein Kapital zu schlagen. Das machte schliesslich die entscheidende Differenz.

Entscheidende Rolle der Schiedsrichter

Die Schiedsrichter (Brent Reiber, Stéphane Rochette) haben also eine wichtige Rolle gespielt. Nicht, indem sie eine Mannschaft bevorteilten oder benachteiligten. Sondern weil sie extrem kleinlich pfiffen, viel zu kleinlich in einem Finale zwischen zwei so disziplinierten Teams. Und wenn es so viele Powerplays gibt, dann gewinnt immer der HCD: Arno Del Curto hat das beste Powerplay und das beste Boxplay eingeschult. Die Effizienz im Powerplay mit einer Erfolgsquote von über 50 Prozent (wie im sechsten Spiel) verdient die Bezeichnung Weltklasse. Bereits wenn mehr als 20 Prozent der Strafen genutzt werden, gilt ein Powerplay als vorzüglich. Dieses «tödliche» HCD-Überzahlspiel und das nicht zu knackende HCD-Unterzahlspiel (mit einem überragenden Torhüter Leonardo Genoni) haben schliesslich dieses sechste Finalspiel und damit die Meisterschaft entschieden.

Diese Fähigkeit, das Überzahl- und Unterzahlspiel zu justieren, auf präzises, effizientes, ja perfektes und für den Gegner letztlich «tödliches» Hockey umzustellen, als sich im vierten und fünften Spiel gezeigt hatte, dass die Dynamik im sonst so brausenden, tosenden und sausenden Angriffspiel verloren gegangen war, hat den Davosern am Dienstag zum Sieg und zum Titel verholfen. Ein perfektes Davos hat ein grosses, starkes, leidenschaftliches Kloten besiegt. Nicht die schlechtere Mannschaft hat verloren. Sondern die weniger gute.

Titelverteidigung möglich, aber sehr schwierig

Kann der HCD 2012 zum ersten Mal seit 1984 seinen Titel verteidigen? Wäre nicht Arno Del Curto HCD-Trainer, dann müsste diese Frage mit «wahrscheinlich nicht» beantwortet werden: Die Mannschaft bleibt nämlich praktisch unverändert und Jaroslaw Bednar (zu Lugano) und Marc Wieser (zu Biel) sind die einzigen wichtigen Abgänge. Gibt es nach einer gewonnenen Meisterschaft nicht ein paar Veränderungen, dann wird es für den Trainer noch schwieriger, als wenn die Karten durch vier oder fünf wichtige Transfers neu gemischt werden. Es braucht einen im guten Sinne verrückten Trainer wie Arno Del Curto, jene innere Unruhe und Dynamik zu erhalten, die es braucht, um einen Titel zu verteidigen.

Dass es selbst Arno Del Curto bisher nie gelungen ist, zweimal hintereinander Meister zu werden, ist letztlich ein Kompliment an die Qualität unserer Liga: In diesem sportlich hochstehenden Finale hat sich einmal mehr bestätigt, dass die NLA eine der besten und schnellsten Ligen ausserhalb der NHL ist.

P.S.: Aber im Sinne von noch grösserer Dramatik, noch besserer Unterhaltung und noch lauterem Mediengetöse hoffe ich nächste Saison auf einen Final HC Davos gegen den SC Bern.