«Time out»

12. Mai 2011 11:16; Akt: 12.05.2011 15:28 Print

Die Stunde des Ambri-DemagogenDie Stunde des Ambri-Demagogen

von Klaus Zaugg - Am Sonntag werden Ambris Aktionäre an einer «Hockey-Landsgemeinde» gefragt, ob man absteigen oder weitermachen soll. Ist Ambri in höchster Gefahr?

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Filippo Lombardi mit Ambri-Schal in der Valascia. (Bild: Keystone/AP)

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Es wird die grosse Show des Hockey-Demagogen Filippo Lombardi (54) werden. Der Begriff des Demagogen ist hier in seiner ursprünglichen Form gemeint: In der Antike war Demagoge ein Ehrentitel den nur angesehene Redner und Führer des Volkes führen durften.

Ambris Präsident und CVP-Ständerat Lombardi zelebriert am Sonntag ab 17 Uhr im Schulhaus zu Giornico die Stunde des Hockey-Rhetorikers. Der Ort ist mit Bedacht gewählt: Am 28. Dezember 1478 haben 575 tapfere Leventiner in der Schlacht bei Giornico («Battaglia dei Sassi Grossi») ein Söldnerherr mit gut und gerne 10 000 Mann vernichtend besiegt. Nun beschwört der Demagoge Lombardi den Geist von Giornico für seinen HC Ambri-Piotta. Das Häufchen der tapferen Leventiner gegen die erdrückende Übermacht der Hockey-Kapitalisten aus der Deutschschweiz und dem Südtessin.

Lombardi, Sohn des legendären Tunnel- und Staudammbauers Giovanni Lombard, hat zur unordentlichen Aktionärsversammlung gerufen. Will heissen: Diese «Hockey-Landsgemeinde» zu Giornico ist nicht beschlussfähig. Das bestätigt Ambris Manager Jean-Jacques Aeschlimann gegenüber 20 Minuten Online. «Wir können nur Konsultativ-Abstimmungen durchführen.» Also kann Lombardi ohne Risiko und mit viel Brimborium die Existenzfrage stellen. Manager Aeschlimann formuliert es so: «Wir werden über drei Szenarien konsultativ abstimmen: Erstens, eine Zukunft in der NLA mit höheren Ambitionen. Zweitens, Zukunft in der NLA wie bisher mit dem Risiko eines Abstieges. Drittens, Rückzug aus der NLA.»

Zieht sich Ambri wirklich zurück?

Hoppla und Potz Donner! Das tönt dramatisch: Rückzug aus der NLA! Der schlaue Demagoge Lombardi hat mit dieser Ankündigung den Nerv der Leventiner getroffen: Obwohl die Versammlung gar nichts entscheiden kann, dürften am Sonntag gut und gerne 800 Männer und Frauen nach Giornico pilgern. Das sind mehr als doppelt so viele wie normalerweise zur ordentlichen Aktionärs-Versammlung im Juli anreisen. Stadionwirt Danilo Gobbi, der Vater von National- und WM-Verteidiger John Gobbi, hat jedenfalls Speise und Trank für mindestens 800 Personen ins Schulhaus zu Giornico bestellt.

Ist also Ambri in Gefahr? Müssen wir am Ende gar um den «Mythos Ambri» bangen?

Auf den ersten Blick scheint es so. Schliesslich hat Ambri die zwei letzten Saisons auf dem letzten Platz der Qualifikation beendet und zuletzt den Klassen-Erhalt erst in der Liga-Qualifikation gesichert. Manager Aeschlimann rechnet vor, dass pro Saison mehr als eine Million Franken fehlen. Modern heisst das: strukturiertes Defizit. «In den nächsten fünf Jahren können wir nicht auf ein besseres Stadion spekulieren. Also müssen wir Mittel und Wege finden, wie wir dieses Defizit künftig decken können.» Entweder durch eine Million zusätzlicher Einnahmen – oder eine Million weniger Ausgaben.

Das ewige Leid mit den Finanzen

Seit der Kapitalismus in unserem Eishockey Einzug gehalten hat (mit der Einführung der Playoffs 1985/86) schreibt Ambri Jahr für Jahr rote Zahlen. Sogar in der Saison 1998/99 nach dem Qualifikationssieg und dem Playoff-Finale gegen Lugano.

Aber immer findet sich seit dem Wiederaufstieg von 1985 eine Gruppe von Anwälten, Notaren, Industriellen, Kaffe-, Holz-, Auto- und Vieh-Händlern, Ingenieuren, Wirten, Hoteliers, Ärzten und Zahnärzten, die dieses Defizit deckt. Jahr für Jahr. Aber Geld für ein Sportunternehmen auszugeben ist immer ein emotionaler und nie ein rationaler Entscheid. Darum gilt es, für Emotionen zu sorgen und den Spenderwillen zu befeuern. Wird das Spenden Routine, dann wird bald nicht mehr gespendet.

Niemand weiss das besser als der Politiker, Medienunternehmer und Demagoge Lombardi. Je dramatischer die Situation, je bombastischer die Theateralik, desto aufgewühlter das Hockey-Volk, desto heisser die Herzen, brennender die Leidenschaft und desto leichter wird es, die Türen zu den Kassenschränken zu öffnen: Es ist der bisher wohl spektakulärste, am besten geplante und inszenierte Versuch, die wohlhabenden Leventiner für Ambri zu mobilisieren.

Es wird wohl ein Volksfest

Lombardi, Präsident der Vereinigung Schweizer Privat-Fernsehen, will also von der «Hockey-Landsgemeinde» wissen, welchen Weg er mit dem Unternehmen Ambri gehen soll: Ruhmreich in der NLA (Variante I), ruhmlos in der NLA mit Abstiegsrisiko (Variante II) oder eben Rückzug aus der NLA (Variante III). Der Auftrag, den diese «Hockey-Landsgemeinde» in konsultativen Abstimmungen formulieren wird, wird dann an der ordentlichen Aktionärs-Versammlung im Juli formell beschlossen. Aeschlimann sagt, der Verwaltungsrat werde das Resultat der fakultativen Abstimmung als Auftrag entgegennehmen und die konkreten Massnahmen bis zur ordentlichen Aktionärsversammlung im Juli ausarbeiten.

Lombardi macht dabei in gewisser Weise den «Hockey-Pilatus»: Er wagt es selber nicht, zum Rückzug aus der NLA zu blasen. Also lässt er das Volk konsultativ darüber befinden. Was dann auch die nächste Saison bringen mag – er kann sich einfach an die «Botschaft von Giornico» halten, die Hände in Unschuld waschen und sagen, er habe ja gesagt, wie dramatisch die Situation sei, das Volk gefragt und nur den Auftrag dieses Volkes umgesetzt.
Doch es ist für den erfolgreichen Zeitungs- und TV-Macher (Giornale del Popolo, Tele Ticino) auch ein Spiel mit dem Feuer: Wenn nämlich die «Hockey-Landsgemeinde» in Giornico ungeachtet des strukturellen Defizites eine Vorwärtsstrategie fordert – dann muss der «Gotthard-Berlusconi» diesen Auftrag annehmen, durchführen und dafür sorgen, dass es weiter geht. Um jeden Preis. Deshalb wird es weiter gehen. Denn Ambris charismatischer Präsident hat reiche und mächtige Freunde, die ihn und Ambri nicht im Stich lassen werden. Schon gar nicht nach einer dramatischen «Hockey-Landsgemeinde» zu Giornico und vor dem Herbst der Stände- und Nationalratswahlen.

P.S: Filippo Lombardi ist durchaus zuzutrauen, dass er aus der «Hockey-Landsgemeinde» von Giornico ein Volksfest macht und die Männer und Frauen zum Schluss der Versammlung dazu bringt, die Ambri-Hymne «La Montanara» zu singen. Diese stammt von Toni Ortelli und wird nach jedem Sieg in der Valascia gesungen. Den Text finden Sie oben rechts in der Infobox.

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  • Andreas Müller am 12.05.2011 16:38 Report Diesen Beitrag melden

    Propaganda

    Herr Zaugg hat völlig recht. Die ganze Inszenierung ist ja nur die alte Ambri-Propaganda. Das Happy End ist heute schon angekündigt...

    • Heidi aus Ambri am 12.05.2011 17:46 Report Diesen Beitrag melden

      wo ?

      ah, wusste nicht das mehr als 2 Millionen defizit Propaganda ist........

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  • Angelo Lanini am 12.05.2011 14:53 Report Diesen Beitrag melden

    Volksfest?

    Die bevorstehende Versammlung als Volksfest zu bezeichnen finde ich angesichts der Situation des Vereins sehr unangemessen, ja sogar respektlos! La Montanara singt man aus dem Herzen, in guten wie auch in schwierigen Zeiten. Man mag von Mister Lombardi halten was man will. Jedenfalls setzt er sich für Ambri ein. Ich bin erstaunt wieviel Text der Autor hervorgezaubert hat, um Lombardi und den Club zu kritisieren und zu belächeln. Kein intetessantes Thema über einen der achso erfolgreichen Bonzenclubs gefunden?

    • hobby b. am 13.05.2011 00:45 Report Diesen Beitrag melden

      defizit

      nice! strukturiertes defizit gefällt mir auch gut...

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