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Die Krise in Montréal
27. Oktober 2011 12:05; Akt: 27.10.2011 12:31 Print
Eine Entlassung und Webers grosses Spiel
von Klaus Zaugg, Montréal - In der kanadischen Eishockey-Stadt Montréal brodelte es mächtig. Eine «Trainerentlassung light» und Yannick Weber beenden vorerst die schlimmste Krise der Canadiens seit 66 Jahren.

Yannick Weber (Nummer 68) bejubelt mit seinen Teamkollegen seinen Treffer. (Bild: Reuters)
Es ist das grosse Hockey-Kino in der Welthauptstadt des Eishockeys. Training am Dienstag um 11:30, am Tag nach der 1:2-Pleite gegen Florida, der sechsten Niederlage im siebten Spiel. Auf der Medientribüne im neuen Trainingszentrum 20 Autominuten ausserhalb der Stadt zähle ich 67 Reporterinnen und Reporter. Eine TV-Station sendet live. Aufregung wie bei uns am Tag der Bundesratswahlen. Aber niemand wartet auf Wahlen. Sondern auf Entlassungen. Eine grosse Frage bewegt Montréal: Fliegt Trainer Jacques Martin oder fliegt er nicht?
Bildstrecken Schweizer in der NHL 2011/2012Doch im Herzen des berühmtesten Hockeyunternehmens der Welt ist keinerlei Aufregung und Hektik zu spüren. Alles nimmt seinen gewohnten Gang. Als sei alles so wie es sein sollte. Niemand wird gefeuert. Die Spieler geben nach dem Training die Statements ab, die in so einer Situation überall zu hören sind: Ja, wir müssen hart arbeiten. Wir konzentrieren uns auf das Spiel gegen Philadelphia. Nein, der Druck ist nicht grösser. Von uns erwartet die ganze Stadt zu Recht in jedem Spiel einen Sieg. Und so weiter und so fort. Polemik fürchtet jetzt jeder wie der Teufel das geweihte Wasser.
Nur ein Thema: Trainerentlassung
Die Canadiens spielen am Mittwoch, am nächsten Tag also, gegen Philadelphia. Mit der Polemik übertreiben es einzelne Blätter dann an diesem Tag. Eine Zeitung druckt eine Karikatur mit einem Trainerfriedhof, auf dem das Grab von Jacques Martin schon ausgehoben ist. Aber beim Aufwärmtraining am Mittwochvormittag sind noch alle im Amt. Kann es wirklich sein, dass keiner gefeuert wird?
Das Spiel beginnt um 19.30 Uhr. Aber ich gehe schon um 17.30 Uhr in die Medienlounge hoch oben im «Centre Bell». Die Sicht über die Lichter der Stadt ist wunderbar, das Essen vorzüglich – das beste in der Liga – und irgendeine Geschichte kann ich immer aufstöbern. Und tatsächlich: Es läuft etwas. Ein Trainer wird entlassen. Nicht nach dem Spiel und spontan wie beim SC Bern am letzten Freitag. Hier ist es ein schön organisierter Personalentscheid mit Stil. Wie es sich für die Montreal Canadiens gehört.
Entlassung à la NHL
Kurz nach 18.30 Uhr lässt Kommunikationschef Dominick Saillant die Meldung schriftlich heraus, dass Trainer-Assistent Perry Pearn gefeuert worden ist. Der Kanadier, einst als Cheftrainer in Ambri gescheitert, war im Sommer 2009 nach Montreal gekommen. Letzte Saison hatten die Canadiens ein vorzügliches Boxplay und Überzahlspiel und dafür ist Defensivtrainer Pearn allenthalben gerühmt worden. Das zählt jetzt nicht mehr.
Eine Ecke in der Medienlounge wird geräumt, Tische werden weggetragen, Stühle gerückt, damit eine Fläche frei wird. Auch Vizepräsident Donald Beauchamp ist da. Ein alter Kommunikations-Fuchs. Bald versammeln sich auf der freien gewordenen Fläche die Mikrofon-Mäuse der TV- und Radiostationen und gut und gerne 30 Journalistinnen und Journalisten. Alle warten auf General Manager Pierre Gauthier. Er wird den Rausschmiss erklären.
Kurz nach 19 Uhr kommt er herein. Das Timing stimmt: Während er oben den Personalentscheid erläutert, rufen unten an der Bande die TV-Mäuse einzelne Spieler während dem Aufwärmtraining an die Bande und stellen schon vor laufender TV-Kamera die Frage, welche Rolle nun die Absetzung von Pearn spiele. Das grosse Hockey-Kino. Aber auch jetzt tappt keiner in die Polemik-Falle. Man habe erst unmittelbar vor dem Spiel vom Entscheid erfahren und nun konzentriere man sich aufs Spiel. Pearn war einer der vier Assistenten von Cheftrainer Jacques Martin. Die drei anderen sind Randy Cunneyworth, Randy Ladouceur und Pierre Groulx. Den Job von Pearn übernimmt nun Ladouceur. Er tauscht den Sitz oben auf der Medientribune mit dem Platz unten an der Bande um sich im Coaching neu um die Verteidiger zu kümmern. Pearn wird nicht ersetzt. Nun hat Montreal halt nur noch drei Trainer-Assistenten.
Gesittet, aber weniger unterhaltsam
Gauthier, ein hochintelligenter, scheuer Asket, der Medienauftritte nicht mag, meistert die Situation souverän. Er spricht mit leiser Stimme und lässt sich zu keinem Statement verführen, aus dem eine Polemik gedrechselt werden könnte. Man sei nicht zufrieden mit der Situation und habe eine Massnahme getroffen. Nein, man sei mit der Arbeit von Pearn sehr zufrieden. Seine Fachkenntnis stehe ausser Frage («a very knowledgeable coach»), die Arbeitseinstellung sei untadelig («a strong work ethic») und Pearn sei ein wahrer Profi («true professional»). Man habe ihm einen anderen Job in der Organisation angeboten. Hier wird keiner auf die Strasse gestellt.
Es ist also eine «Trainerentlassung light» die vom Unterhaltungswert nicht an die Hinausstellung von Larry Huras vom letzten Freitag in Bern herankommt. Die Position von Cheftrainer Jacques Martin ist nicht angetastet worden. Pearn ist das Bauernopfer in dieser grössten Krise seit 66 Jahren. Aber am Ende des Tages entscheiden die Resultate. Reagiert das Team endlich?
Yannick Weber bringt die Wende
Jacques Martin hat wieder ein bisschen umgestellt. Im Powerplay spielen Raphael Diaz und Yannick Weber beispielsweise nicht mehr zusammen an der blauen Linie. Das Spiel beginnt nicht gut. Die Canadiens sind sehr nervös und geraten durch Jaromir Jagr 0:1 in Rückstand. Diaz steht bei dem Gegentreffer mit Hal Gill auf dem Eis. Das Unheil scheint seinen Lauf zu nehmen. Doch ein Schweizer führt die Wende herbei. Exakt 2,7 Sekunden vor der ersten Pause trifft Yannick Weber im Powerplay zum 1:1. Und im zweiten Drittel ist er einer der Schwerarbeiter, die im Boxplay den erneuten Führungstreffer der Flyers verhindern. Torhüter Corey Price hext. Auf einmal ist es, als sei beim Gegner der Stecker gezogen worden und den Canadiens neues Leben eingehaucht worden. Am Ende steht es 5:1 und Weber hat ein grosses Spiel gezeigt und mit 21:39 Minuten am zweitmeisten Eiszeit (Diaz: 15:54 Min.).
Nach der Partie ist unten in der Kabine die Erleichterung schon fast körperlich spürbar. Zu den Spielern, um die sich Trauben von Reporterinnen und Reporter bilden, gehört auch Yannick Weber. Zuerst steht er den frankophonen Medien zur Verfügung. Dann den anglophonen Reporterinnen und Reportern. Schon durch und durch Profi lässt er sich nicht auf die Äste der Polemik hinaus, und kommentiert den Rausschmiss von Pearn nicht. Man habe eigentlich nichts geändert, sich aufs Spiel konzentriert und diesmal habe es funktioniert. Man habe den Glauben nie verloren, immer hart gearbeitet und so weiter und so fort.
«Solche Entlassungen gehören genauso zum Hockeybusiness wie Spielertransfers», sagt er nachher gegenüber 20 Minuten Online. «Jeden Tag kann etwas passieren und darüber Gedanken zu machen lohnt sich nicht. Entscheidend ist einfach, sich auf die Arbeit zu konzentrieren und alles dafür zu tun um jeden Tag ein Maximum leisten zu können.» Durch und durch ein Profi. Schliesslich ist der ehemalige SCB-Junior schon mit 18 und ohne ein einziges NLA-Spiel nach Nordamerika gegangen und hat sich aus den Junioren heraus in der Organisation der Montreal Canadiens den Weg übers Farmteam bis in die NHL-Mannschaft hart erarbeitet. Im Wesen und Wirken längst mehr Kanadier als Berner.
Webers Aufstieg in der Hierarchie
Weber ist nun die Nummer vier in der Verteidiger-Hierarchie und wird seinen Stammplatz auch dann behalten, wenn die verletzten Verteidiger (Andrei Markow und Chris Campoli) wieder zurück sind. Raphael Diaz ist die Nummer 6 und um diese letzte Position in der Stammformation rangeln, wenn Markow und Campoli zurück ist, drei Verteidiger: Alex Emelin (in den letzten zwei Partien Ersatz), Campoli und eben Diaz.
Viel Zeit zum Plaudern bleibt diesmal nicht. Die Materialwarte packen die Hockeytaschen. Um 23.00 Uhr fährt Teambus beim Stadion ab Richtung Flughafen. Die Mannschaft fliegt noch am gleichen Abend nach Boston wo sie am Donnerstagabend gegen den Stanley Cup-Sieger spielt. Am Samstag folgt dann bereits das Rückspiel in Montreal.
The Show must go on. Die Ruhe hält nie lange an. Verlieren die Canadiens beide Partien Partien gegen Boston, geht die Polemik wieder los. Jacques Martin sollte mit dem Kauf eines Wintermantels in Montréal noch etwas warten.





























