«Time-Out»

02. Mai 2011 11:41; Akt: 02.05.2011 13:17 Print

Historische Momente - und keiner merkt esHistorische Momente - und keiner merkt es

von Klaus Zaugg - Die Verteidiger schiessen die entscheidenden Tore, keine Spieler vom Meister dabei und eine konstruktive Spielweise – noch nie war Ralph Krueger weiter weg als während der WM in Kosice.

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Sean Simpson an der Taktiktafel: Die Handschrift des Trainers ist deutlich zu erkennen.

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Wir sind noch nicht ganz so weit, dass wir Leistungen unserer Nationalmannschaft an einer WM ganz ohne Hinweise auf Ralph Krueger analysieren können. Das Wesen und Wirken des charismatischen Deutschkanadiers hat schliesslich unser Nationalteam zwölf Jahre lang geprägt – länger als die erlaubte Amtszeit eines US-Präsidenten.

Es ist zwar nicht neu, aber wir dürfen es noch einmal erwähnen: In diesen zwölf Jahren hat Ralph Krueger die Schweiz zu einer der taktisch besten und defensiv stabilsten Nationalmannschaften der Welt gemacht. Die Schweizer haben unter Krueger Eishockey mehr gearbeitet als gespielt, die Partien der Schweiz waren meistens die langweiligsten, weil unspektakulärsten an einer WM. Und immer ein wenig begleiten vom Donnergrollen der Polemik. Weil zu wenig Spieler des HC Davos dabei waren.

Kruegers Nachfolger Sean Simpson hat keine Feldspieler vom meisterlichen HC Davos nominiert – und niemand merkt es oder polemisiert deswegen. Die Verteidiger, die mit Ausnahme von Mark Streit unter Ralph Krueger «nur» zum Verteidigen da waren, haben hier in Kosice beide Spiele entschieden: Julien Vauclair buchte das einzige Tor beim 1:0 gegen Frankreich und Goran Bezina das 2:1 (also den Siegestreffer) gegen Weissrussland.

Doch das grösste Kompliment für die spielerischen Fortschritte der Schweizer blieb fast unbemerkt: Ein weissrussischer Reporter fragte Cheftrainer Eduard Zankovets, ob er im Hinblick auf die Partie gegen Frankreich nicht beunruhigt sei: Frankreich spiele ja ähnlich defensiv wie die Schweiz. Zankovets verneinte und sagte, die Schweiz spiele nicht nur defensiv, sondern auch offensiv stark. So etwas hat in den letzten zwölf Jahren nie ein gegnerischer Coach über unsere Nationalmannschaft gesagt. Wir sind nun in Kosice den Ruf einer taktischen Abbruch-GmbH losgeworden.

Tatsächlich zeigten die Schweizer gegen Weissrussland eine der taktisch besten Leistungen unter Sean Simpson. Ja, bei diesem 4:1 haben wir in einem Spiel, das wir gewinnen mussten, deutlich die Handschrift des neuen Nationaltrainers gesehen: Um die besten gegnerischen Stürmer zu bremsen (vor allem die in einer Linie eingesetzten NHL-Stürmer Michail Grabowski und Andrej Kostitsyn) schlossen die Schweizer nicht nur die Räume in der neutralen Zone. Sie mischten nur Beton. Vielmehr verhinderten durch tiefes Forechecking, also durch eine Vorwärtsstrategie, die schnelle gegnerische Angriffsauslösung und stellten so Grabowski und Kostitsyn den Strom ab. Coach Eduard Zankovets forcierte seine beiden Superstars zu stark: Grabovski mit 22:37 und Kostitsyn mit 20:49 Minuten Eiszeit. Zum Vergleich: Kein Schweizer Stürmer wurde in dieser Partie länger als 18 Minuten eingesetzt. Sean Simpson sorgte durch konstanten Einsatz von vier Linien für hohes Tempo. Deshalb waren die Schweizer frischer, bissiger, spritziger.

Seit der Rückkehr in die A-Gruppe (1998) haben wir nun durch das 4:1 gegen Weissrussland zum 14. Mal hintereinander an einer WM mindestens die Zwischenrunde erreicht. Zum 14. Mal hintereinander haben wir an einer WM das entscheidende Spiel gewonnen, um der Abstiegsrunde zu entgehen. Das ist auf den ersten Blick nicht spektakulär. Aber bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass diese Konstanz historische Dimensionen hat. Immerhin mussten im gleichen Zeitraum Deutschland, die USA, Lettland, Slowenien, Italien, Kasachstan, Frankreich, Österreich, die Slowakei, Weissrussland oder Dänemark in die Abstiegsrunde oder gar abgesteigen. 2009 blieben die Deutschen nur oben, weil sie 2010 WM-Veranstalter waren.

Konstanz auf so hohem Niveau macht keinen Lärm, ist aber im internationalen Sport von unbezahlbarem Wert und eigentlich so wertvoll wie eine Medaille. Wir haben in Kosice schon in den zwei ersten Partien historische Momente erlebt – und keiner merkt es.