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«Time out»
13. Oktober 2011 07:59; Akt: 13.10.2011 08:21 Print
Nur der Tod sorgt für kurze Versöhnung
von Klaus Zaugg - Das Derby Lugano gegen Ambri ist und bleibt das emotionalste, lauteste und wildeste Spiel auf dem Planeten Hockey. Nur eine Trauerminute kann dies ändern.

Gemeinsam wird vor dem Spiel dem verstorbenen Peter Jaks gedacht. (Bild: Keystone/AP)
Zuerst die Begriffs-Erklärung: Das Derby ist ein spezielles Ereignis im Mannschaftsport bei dem zwei Teams aus einer Region aufeinander treffen. Für die Fans haben solche Ereignisse eine hohe symbolische Bedeutung und starke Emotionen werden hervorgerufen.
Wir haben in der NLA viele Derbys: ZSC Lions gegen Kloten Flyers. SCL Tigers gegen SC Bern. SC Bern gegen Fribourg-Gottéron. SC Bern gegen den EHC Biel.
Aber im 21. Jahrhundert sind diese Derbys zu normalen Spielen verkommen. Noch wird ab und zu in den Medien ein wenig Lärm gemacht – etwa beim Playoff-Derby SCL Tigers gegen SC Bern im letzten Frühjahr. Aber die Vorfreude ist meistens grösser als der spielerische Akt: Zu ähnlich sind Spieler, Fans, Mannschaften und Mentalitäten geworden.
Vor 30 Jahren war eine Eisenbahnfahrt von Langnau nach Bern eine Reise in eine andere Kultur. Aber das Internet, Facebook und die Mobilität wirken als Gleichmacher.
Das spezielle Tessiner Derby
Nur im Tessin hat sich die Hochkultur der Derbys gehalten. Der Gegensatz zwischen wahrer Kultur (Ambri) und der Dekadenz des Geldes (Lugano) wird gehegt und gepflegt wie ein seltenes Tier. Die Rivalität mahnt bisweilen durchaus an den «Kampf der Kulturen» aus Samuel Huntingtons gleichnamigen Weltbestseller. Ambris Anhänger hissen immer noch die Fahne mit dem Portrait des sozialistischen Sauriers Che Guevara und Lugano verdankt seine Existenz dem Milliardär Geo Mantegazza. Ein Kapitalist. Zwischen Langnau und Bern, zwischen den ZSC Lions und Kloten oder zwischen Fribourg-Gottéron und Bern mag die gefühlte ideologische Differenz der Fans so gross sein wie zwischen Toni Brunner und Fulvio Pelli. Zwischen den Anhängern Luganos und Ambris ist diese Differenz eher noch grösser als jene wie zwischen Che Guevara und Geo Mantegazza. Obwohl Che Guevara vorübergehend Präsident der Notenbank von Kuba war.
Der permanent hohe, vom Spielgeschehen unbeeinflusste Geräuschpegel ist eines der ganz besonderen Merkmale des Tessiner Derbys. Unermüdlich und unabhängig vom Spielgeschehen heizen zwei Einpeitscher per Megafon Luganos Harcore Fans in der Curva Nord an. Keine Sekunde ist Ruhe. Das Repertoire der Schmäh- und Sprechchöre ist unerschöpflich. Die Fans zelebrieren sich selbst. Es gibt keine andere so grosse Fangruppierung im Eishockey, die so diszipliniert, strukturiert und unermüdlich die eigene Mannschaft antreibt. Bisweilen ist die Curva Nord besser organisiert als das Spiel des HC Lugano. In der Resega, diesem seltsam seelenlosen Betonklotz, ist der Lärmpegel noch viel höher als oben in Ambris Kultarene Valascia.
Aus traurigem Grund halten alle zusammen
Und gerade deshalb ist die Trauerminute für Peter Jaks vor dem Spiel ein so bewegender, eindrücklicher Moment. Als hätte jemand den Stecker gezogen, sind die wildesten, lautesten Fans mucksmäuschenstill. So gross die Rivalität zwischen Ambri und Lugano auch sein mag: Die Tragödie um den freiwillig aus dem Leben geschiedenen Stürmer vereint die Anhänger der beiden Teams während rund 30 Sekunden in andächtigem Schweigen. Peter Jaks hat für Ambri und für Lugano gespielt. Ein Moment, der Hühnerhaut auslöst. Es ist still. Als habe die Welt für einen Augenblick aufgehört sich zu drehen. Und dann wird aus einer Stätte der Andacht wieder in ein Tollhaus. Nur der Tod hat für ein paar Augenblicke Versöhnung in Frieden gebracht. «The Show must go on.» Selten ist mir das so eindringlich bewusst geworden wie bei diesem Tessiner Derby am Mittwoch.
Einst war das Tessiner Derby gar der Höhepunkt helvetischen Hockeyschaffens. 1999 gipfelte es zum bisher einzigen Mal sogar in einem von Lugano gewonnenen Playofffinale. Inzwischen geben längst die Deutschschweizer sportlich und wirtschaftlich den Takt an. Sowohl Ambri wie auch Lugano mussten seit der «Finalissima» von 1999 die Schmach der Playouts erdulden. Lugano leidet nach wie vor an einer mit Geld überdüngten Leistungskultur, und seit die Budgets überall die 10 Millionen-Grenze sprengen, hat Ambri Mühe, das Betriebskapital zusammenzubringen.
Aber wenn in hellen Mondnächten die Hockeygötter gnädig gestimmt sind, dann überträgt sich die Energie der Fans auf die Spieler, und es kommt beim Tessiner Derby auch heute noch und unabhängig von der Tabellenlage zu einem grossen, leidenschaftlichen Kampf der Titanen. Dann präsentiert sich die niedergehende Tessiner Hockeykultur noch einmal im Sonntagsgewand.
Ambri verspielt 4:0-Vorsprung
Genau so war es am Mittwochabend. Aussenseiter Ambri wird in diesem Treibhaus der Emotionen aufgeputscht, spielt weit über seinem spielerischen Nominalwert die besten 30 Minuten unter Trainer Kevin Constantine und führt 4:0. Aber Aufgeben kommt selbst für Luganos «fette Katzen» diesmal nicht in Frage. Nach dem 0:4 hat auch Lugano Betriebstemperatur erreicht, hat nichts mehr zu verlieren, setzt alles auf eine Karte, entfaltet endlich sein enormes spielerisches Potenzial und spielt zum ersten Mal in dieser Saison bedingungslos offensiv. Petteri Nummelin (39), der das 0:4 noch durch einen Scheibenverlust verursacht hat, tanzt noch einmal wie im meisterlichen Frühjahr 2006. Das ganz grosse Hockey-Kino. Keine Mannschaft Europas hätte diesem Ansturm standhalten können. Ambri biegt sich unter dem ungeheuren Druck, bricht 47 Sekunden vor Schluss ein und kassiert das 4:4. Verlängerung. Penaltyschiessen. Petteri Nummelin entscheidet das intensivste, dramatischste und beste Spiel der laufenden Saison schliesslich mit dem 13. Penalty für Lugano.
Lugano hat im Derby gespielt, gestürmt, gekämpft, gecheckt, geschossen wie ein kommender Meister und Ambri wie ein Team mit Playoffgarantie. Aber beide Mannschaften erreichen dieses Niveau fast nur noch in der Direktbegegnung. Schon am Tag nach dem Derby kehren beide wieder in den grauen Alltag zurück. Diese Leistung können Ambri und Lugano frühestens am 29. Oktober wieder abrufen. Beim nächsten Derby. Dann in Ambri.
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Alle 34 Kommentare

































Grande Lugano
Lugano ist nicht mehr der Ligakrösus vom Geld. Bern, Z, Davos, Zug, Kloten oder Fribourg sind diesbezüglich mächtiger geworden. Und Herr Zaugg, Lugano spielt zur Zeit das beste Hockey in der Schweiz, also nebst den Fans bieten sie auch Spektakel auf dem Eis!
Stimmung Luganofans = unerreichbar
Ich erlebe selbst in Rapperswil und Zürich mehr Stimmung der Luganofans als jene der heimischen. In Kloten nicht mehr so, seit sie stark sind füllt sich das Haus ja schliesslich auch wieder mehr...(Modefans) Macht auf jeden Fall Spass im Hallenstadion lauter zu sein als die heimischen Löwenfans, die wenn sie überhaupt singen nur lieder singen wo sie Lugano zum Teufel jagen. Und trotzdem verlieren sie, höhö. Freu mich auf den Sonntag ;-)
Rückstand = Laut!
Herr Zaugg: Grazie di cuore! Ein wunderbarer Artikel, der die Seele der Curva auf den Punkt bringt. Einen Aspekt habe ich vermisst: Bei Stande von 0 zu 0 hat die Curva Nord beschlossen, weiterhin laut und mächtig zu sein und die Jungs nach vorne zu tragen. Andere Fans sind auch laut wenn Ihre Mannschaft führt, aber nur in Lugano wird es plötzlich nochmals lauter und heftiger wenn die eigene Mannschaft deutlich im Rückstand ist. Das gibt eben auch Hühnerhaut.
Pech gehabt
du meinst sicher 0 zu 4, gelle?
100% Anti FOSSA
Lugano Merda!
Nicht nur Lugano
Nur in Lugano? Ambrì ist es sich gewohnt, einem Rückstand hinterherzulaufen - so auch die Fans. Es macht bei Heimspielen keinen Unterschied, ob 4:0 oder 0:4 ist - auf die Lautstärke bezogen. Damit will ich die Luganesi nicht schlecht machen. Aber diese als "die Einzigen" zu bezeichnen, ist etwas mutig.